Theodor Lessing

Zahlreiche Aufsätze, die Henning Eichberg unserer Zeitschrift schon vor Jahren zur Verfügung gestellt hatte, sind noch unveröffentlicht. Auf unserer Internetseite möchten wir diese, soweit sie noch von aktueller Bedeutung sind, unseren Lesern vorstellen. Wir erhoffen uns kontroverse Diskussionen.

von Henning Eichberg

Theodor Lessing

Der Philosoph, Psychologe und Kulturkritiker Theodor Lessing (1872-1933) stiftete in der Weimarer Republik als Feuilletonist Unruhe. Mit satirischen Artikeln und Fallstudien machte er auf restaurative Tendenzen seiner Zeit aufmerksam, von den Fememördern über Polizei und Justiz bis zur Gestalt des Reichspräsidenten Hindenburg. Von „rechts“ her versuchte man, seine Vorlesungen an der Universität zu sprengen und zu unterbinden; in ihm traf man „den zersetzenden Juden“. 1933 emi­grierte er in die Tschechoslowakei, wo ihn in Marienbad ein SD-Kommando erschoss; es erhielt dafür 80 000 RM zum Lohn.

Aber auch die „Linke“ konnte mit Theodor Lessing nicht eigentlich etwas anfangen. Das hatte mit dem Kern seiner Kultur- und Gesellschaftskritik zu tun.

In seinem Hauptwerk „Untergang der Erde am Geist“ (Hannover: Wolf Albrecht Adam, 3.Aufl. 1924, Erstfassung „Europa und Asien“ 1916) entwarf Lessing eine fundamentale Kritik der westlichen Lebensweise. Im Namen von Industrie, Machbarkeit und Fortschritt werden die Natur zerstört und die Volkskulturen ausgerottet – die Umwelt vernutzt, der Wald vernichtet, die Natur vergiftet, das Leben entseelt. Es herrscht das Geld. Mit Lessing erreichte das ökologische Bewusstsein einen frühen Höhepunkt, als eine radikale Kulturkritik. Amerika mit Indianerausrottung, Arbeiterunterdrückung und Zerstörung der Völker war ihm ein gesteigerter Ausdruck des Westlertums, hervorgewachsen aus der Logik der europäisch-christlichen Geschichte. Die Naturkrise der Moderne hatte, so zeigte er, ihre Voraussetzungen in der Ausrottung des alteuropäischen Heidentums. Erst wurden die einheimischen Alben und Holden vernichtet, dann ging es den außereuropäischen Völkern, den Beduinen, Eskimos, Indianer, Grönländer, Papuas an die Existenz, und schließlich der natürlichen Umwelt.

Der Geist von Technik, Zivilisation und christlicher Selbsterhöhung des Menschen stößt also in aller Schärfe mit dem Leben zusammen, wie es in den heidnischen Naturgeistern, im Osterei, in der Edda, in Yggdrasil und Odin zum Ausdruck kam, aber auch in der islamischen Sufi-Mystik, im Lachen des Buddha und nicht zuletzt im frühjüdisch-heidnischen Naturmythos. Dort, in der „Volkheit“, seien die Quellen des Widerstands und der Erneuerung zu finden. Nach 1945 fanden die Staatsphilosophien weder in Ost noch in West einen Zugang zu solcher Kritik. In der DDR galt Lessing als „bürgerlicher Intellektueller“, dessen „abstrakt-idealistisches“ Denken letztlich „antikommunistisch“ war. In Westdeutschland hätte die Radikalität, mit der Lessing Kapitalismuskritik, Naturbewusstsein und „Volkheit“ verband, ihn der Verfassungsfeindlichkeit verdächtig gemacht. Wo Lessing vereinzelt erwähnt – auch nachgedruckt – wurde, geschah das meist am Rande intellektueller Diskussionen und verharmlosend oder direkt entstellend. Das ermuntert zur Wiederbegegnung mit dem Original.

„Eine grausam unerbittliche Maschine walzte Kultur dahin […] Längst hinweggewischt und geschwunden ist die gesamte Tierwelt Europas, deren Abbilder wir noch finden in den Höhlen von Perigord und Dordogne in Südfrankreich oder, eingeritzt und in Ocker ausgemalt, in den Felsen der Pyrenäen: die gewaltigste Tierwelt der Erde. – Was ist in Deutschland binnen [einhundert] Jahren vom Erdboden weggeknallt? Auerochs, Tarpan, Wisent, Bär, Lux, Wolf, Elch, Wildkatze, Biber, Otter, Marder, Nerz. – Demnächst auch: Eber, Wiesel, Dachs und Fuchs. Von mehreren tausend Vogelarten blieben wenige hundert übrig […] Zu diesem Frevel am Tier, welch unerhörter Frevel an Aue und Wald! Die Einöden Syriens, Griechenlands, der jonischen Inseln, einst der Erde reichste Gärten; die Abhänge der Provence, heute Felsen- und Murentäler, aber einst geheimnisrauschender Wald; Kleinasiens steinige Kalkwüste, einst voller Blumen ein Gartenland; der leichenhafte, todtraurige Karst, ausgemergelt von der Habgier venetianischer Krämer […]; bald auch unser morgendliches Deutschland, in Haide, Stoppel und Steppe verwandelt, […] alle diese geschändeten Erdstriche zeigen, wie die Natur am wälderverwüstenden Menschen sich rächt, der die blühende Lebenswelt vermarktet, verkrämert, verhandelt. […] Man erschlägt in jedem Jahr 10 Millionen Robben! […] Nein! […] Man erschlägt sie nicht. Das wäre nicht wirtschaftlich. Man zieht den Lebenden das Fell vom Leibe und läßt sie liegen. Sie sterben von selbst.“

Theodor Lessing, „Die verfluchte Kultur“ (1921)

Henning Eichberg

Henning Eichberg (1942 – 2017), Kultursoziologe und Historiker, der seit 1982 in Dänemark lehrte, war bereits seit den ersten Ausgaben der Zeitschrift wir selbst (Gründung im Jahre 1979) der inspirierende Kopf. Sein intellektuelles Fluktuieren zwischen rechten und linken Denkströmungen, seine linksnationale, ethnoplurale Kritik am rechten Etatismus und seine radikale ökologische Orientierung wurden für uns programmatisch wegweisend, jedoch nie zu Dogmen.

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