Gedicht: DDR

»In der Menschenveredelungsanstalt«, 1962, Sieghard Pohl, Urfassung vom Staatssicherheitsdienst beschlagnahmt 1963; Quelle: Sieghard Pohl, »extra muros«. Kurzprosa Grafik Malerei Objekte, erschienen im Verlag Siegfried Bublies, Koblenz 1990.

DDR

Gedicht von Siegmar Faust

Was heißt das? Double Data Rate – Ah, ja! Hatte das
irgendwann mal eine Bedeutung? Was steckt dahinter?
Eine Stadt? Ein Staat? Eine besondere Duftnote fürs
Fußvolk im Reich der Überflüssigkeiten?
Man hört gelegentlich: Sie war – ein real existierender Wahn.
Mehr noch: ein Besatzungskahn voller Größenwahn.

Und nun? Ist sie in einer größeren Einheit aufgegangen?
Oder gar untergegangen?
Auf welchem Grund sollte sie grundlos liegen? In welchem
Ozean welcher Geistergeschichte?

Sie liegt. Sie lag. Sie log.
Sie log sich in den Fluss der Geschichte.
Ihr maßgebender Fluss war die Elbe.
Von Süd nach Nord: Ein deutscher Fall.
Lass, Robert, lass sein
Nee, schenk mir kein’ ein!
Abgang ist überall…[2]

Da ging die Post ab – als die DDR noch lebte und bebte.
Da kam nichts an – nichts kam unkontrolliert an deren
Bewohner heran. Da kontrollierte die Kontrolle die Rolle
der Kontrolle. Ein sportlicher Selbstläufer mit Goldmedaille.
Selbst die fiesen Friseure frisierten ihre Gedanken auf
das kürzeste Niveau herab. Wie gesagt: Da ging was ab!

Eine einzige DDR auf der Welt machte die DDR zur einzigen
DDR der Welt. Mehr war nicht drin. Das Leben, welches
das unsere verbarg, mied uns niederträchtig bis auf die Knochen.
Nichts war dran an dieser so roten wie begehrten Witwe.
Aller Bestand an ihr war Sand: in Hülle und Fülle.

Die Wüste wuchs. Wenigstens einer sah es so kommen –
ausgerechnet der Herr Nietzsche, lange vor seinem Delirium.
Doch in aller wüsten Weile wuchs der Sand zum Gebirge auf.
So hätte er wachsen müssen laut Plan.

Aber die Feinde des Konsum-Sozialis-Mus!
Neben den vier Himmelsrichtungen waren es vor allem:
Der Frühling, der Sommer, der Herbst und der Winter.
Besonders feindselig war der Herbst im Frühling, als alle
Blütenträume reifen sollten – und als Schoten platzten.

Es kam zur Ebbe auf allen Ebenen. Sogar der Sand
wurde knapp. Was sollte der Sandmann den Kindern noch
in die Ohren streuen? Juckpulver war ausverkauft.
Aus den Nasen tropfte trotzig der Rotz.
Wer nichts hören wollte musste es sehen, was nicht mit
anzusehen war: Geruchsproben im Einweckglas.
Das Ende vom Lied der klassenlosen Blamage.

Des Staates Nummer Eins war sich alles in allem:
vorne Er, hinten ich: Erich –
ein Leib ohne Seele, aber Vorsteher und Vorsitzender
aller Sitze und ummauerten Besitze.
Süßsauer lächelnd meldete er seine Erfolge, als hätten
wir die DDR dem Meer abgerungen.
Wirklich, es war ein Meer von Trümmern [3]

Wer sich erinnert, der hat mehr von der Vergangenheit,
aber weniger vom flotten Leben.
Es soll doch eine Dee Dee eR gegeben haben – das behaupten
Außenstehende. Ich aber habe sie erlebt, erlitten und habe es
immer wieder bestritten. Ich lasse mich weniger als dreimal
bitten und bringe sie nun zum Ausdruck, wenn mein Drucker mitspielt.

Ansonsten müsste ich mich selber ausdrücken oder
ausdrucken, das gäbe ein Gedruckse, ein wahres Erbrechen –
Wilhelm Dilthey stehe mir bei!

Das Erbrochene oder Versprochene führt
gerade hin zum Un-Sinn des Verstehens und meines Gehens
bis an den Rand, den ich halte, einhalte, zuhalte.

Halt! Grenzgebiet! Innerdeutsche Grenze – auch Zonengrenze,
Eiserner Vorhang, Antifaschistischer Schutz- oder
Schmutzwall geheißen. Ich hab’s vergessen, denn solche
Grenzerfahrung mündet stets in
einem Minenfeld unschuldigster Mienen.

Unsre Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer… [4]

Unsre Heimat. Das Unsere. Geliebt will es werden, das
Verfluchte. Es versprach uns… Nein, es verspricht uns
weiterhin Einweisung, Brustnahme, Trostspende. Das Unsere
will uns zukunftsweisend einmauern, einkaufen, einschläfern.

Tja, wo sterben wir denn?
Immer noch in der DDR oder schon wieder in ihr?
Sind wir noch oder wieder für immer und unwiderruflich [5]
mit den Völkern der verbrüsselten Sowjet-Union vernudelt?

Der Schein und die Ewigkeit – doch die namenlose Zeit
inspirierte uns zu mehreren Freunden und Feinden.

Ja, sie gibt es.
Gibt es nicht. Gibt es nicht mehr.
Gibt es nicht mehr auf: dem Meeresgrund, wo die Zukunft
nicht mehr ganz richtig unter den Sanduhren tickt.

Der letzte Singsang auf dem abendländisch-sozialistischen
Luxusdampfer „Titanic“ hieß gewiss:
Brü-hü-der, zur Son-ne, zuuuuur Fr..h..t… [6]

Quellen:

[1] Es wird keine DDR mehr geben. Sie wird nichts sein als eine Fußnote in der Weltgeschichte. (Kommentar von Stefan Heym im Fernsehen zum Wahlergebnis der Volkskammerwahl der DDR am 18.3.1990)

[2] Aus dem Refrain von Wolf Biermanns Lied „Enfant perdu“

[3] Aus Volker Brauns Gedicht „Prolog“ zur Eröffnung der 40. Spielzeit des Berliner Ensembles am 11. Oktober 1989

[4] Beliebtes Kinderlied, gesungen von einem Kinderchor der DDR.

[5] Im Artikel 6 der DDR-Verfassung hieß es: Die Deutsche Demokratische Republik ist für immer und unwiderruflich mit der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken verbündet.

[6] „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ – Kampflied aus der Arbeiterbewegung. Text: Leonid P. Radin, 1897, Nachdichtung: Hermann Scherchen, 1918; Musik: russische Volksweise

Siegmar Faust

Siegmar Faust, geboren 1944, studierte Kunsterziehung und Geschichte in Leipzig. Seit Ende der 1980er Jahre ist Faust Mitglied der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), heute als Kuratoriums-Mitglied. Von 1987 bis 1990 war er Chefredakteur der von der IGFM herausgegebenen Zeitschrift „DDR heute“ sowie Mitherausgeber der Zeitschrift des Brüsewitz-Zentrums, „Christen drüben“. Faust war zeitweise Geschäftsführer des Menschenrechtszentrums Cottbus e. V. und arbeitete dort auch als Besucherreferent, ebenso in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Er ist aus dem Vorstand des Menschenrechtszentrums ausgetreten und gehört nur noch der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik und der Wolfgang-Hilbig-Gesellschaft an.

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