Fast mein halbes Leben …

von Jupp Koschinsky

„Frage: Du liebst dein Vaterland, nicht wahr, mein Sohn? Antwort: Ja, mein Vater; das tu ich. Frage: Warum liebst du es? Antwort: Weil es mein Vaterland ist. Frage: Du meinst, weil Gott es gesegnet hat mit vielen Früchten, weil viele schöne Werke der Kunst es schmücken, weil Helden, Staatsmänner und Weise, deren Namen anzuführen kein Ende ist, es verherrlicht haben? Antwort: Nein, mein Vater; du verführst mich. Frage: Ich verführte dich? Antwort: – Denn Rom und das ägyptische Delta sind, wie du mich gelehrt hast, mit Früchten und schönen Werken der Kunst, und allem, was groß und herrlich sein mag, weit mehr gesegnet, als Deutschland. Gleichwohl, wenn deines Sohnes Schicksal wollte, daß er darin leben sollte, würde er sich traurig fühlen, und es nimmermehr so lieb haben, wie jetzt Deutschland. Frage: Warum also liebst du Deutschland? Antwort: Mein Vater, ich habe es dir schon gesagt! Frage: Du hättest es mir schon gesagt? Antwort: Weil es mein Vaterland ist.“

(aus Heinrich von Kleist, Politische Schriften des Jahres 1809)

Unsre Heimat,
das sind nicht nur die Städte und Dörfer.
Unsre Heimat sind auch all die Bäume im Wald, unsre Heimat
ist das Gras auf der Wiese, das Korn auf dem Feld und die Vögel
in der Luft und die Tiere der Erde.
Und die Fische im Fluß sind die Heimat.
Und wir lieben die Heimat, die schöne.
Und wir schützen sie, weil sie den Banken gehört,
weil sie den Banken gehört.

(eigentlich „weil sie dem Volke„, beziehungsweise „unserem Volke gehört„, Lied der Pionierorganisation „Ernst Thälmann“ in der Freien Deutschen Jugend der DDR, Worte von Herbert Keller, letzte Zeile abgewandelt von Uwe Steimle)

Fast mein halbes Leben …

…war der Todesstreifen zwischen der BRD und der DDR traurige Wirklichkeit. Als ich meine vaterlandslosen Flegeljahre hinter mir gelassen und die blauen Besatzer-Buchsen endgültig ausgezogen hatte, empfand ich mich immer mehr als das, was ich ja war, nämlich als Deutscher. Zur Wiedergeburt meines Landes in mir trugen nicht wenig die Begegnungen mit Angehörigen anderer Völker bei, in deren Gesellschaft ich suchte, was ich nicht benennen konnte, jedenfalls aber bei meinen Landsleuten nicht fand und auch mir selbst schmerzlich abging. Diese Fremden sangen – unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung, die ich in den wenigsten Fällen kannte – ganz selbstverständlich das Hohelied ihrer Heimat und heute ahne ich, daß sie etwas hatten, was mir fehlte: Identität!

Meine Eltern verließen mit mir die DDR, als ich ein Jahr alt war. Da mein Vater sich weigerte, der SED beizutreten, waren seine beruflichen und damit wirtschaftlichen Aussichten begrenzt, also ging er. Nie wäre ihm eingefallen, sich als Flüchtling zu bezeichnen, womit er auch auf gewisse finanzielle Vorteile verzichtete, die es damals von amtlicher Seite wohl gab. Er verachtete Leute, die aus den nämlichen Gründen und unter ähnlichen Umständen ihre (mitteldeutsche) Heimat verlassen hatten und sich selbst mit dieser Bezeichnung einen Abenteurermantel umhingen, der ihnen nicht zustand. Flüchtlinge, das waren die, die unter Einsatz ihres Lebens und ihrer Gesundheit Mauer und Stacheldraht überwanden.

In meiner Kindheit war Mitteldeutschland mir ferner als irgendein anderes Land. Die alten Verwandten, die uns besuchen durften, waren Habenichtse aus einer unwirklichen Welt, die vergebens meine Nähe suchten und deren Schauermärchen mich nicht interessierten. Hätte ich nur mehr gefragt und zugehört!

Später, als mir fast die ganze Welt offenstand, sehnte ich mich dagegen immer mehr danach, einmal meine Geburtsstadt in Sachsen zu sehen, an die ich ja nicht die geringsten Erinnerungen hatte. Allein, die Schikanen der Grenzpolizisten bei der Fahrt von West-Berlin nach West-Deutschland auf der sogenannten Transitautobahn reichten mir und das ganze Hickhack eines Besuchs in der „Zone„, das meine Eltern immer wieder einmal auf sich nahmen, wollte ich mir nicht antun. Aber wie oft stand ich vor diesen Grenzanlagen und schaute hinüber, mißtrauisch durch’s Fernglas von DDR-Grenzpolizisten beäugt. Die da drüben, auch die GrePos, das waren doch meine. Wie konnte uns so eine Monstrosität trennen? Ich unterstützte zu der Zeit mit gelegentlichen Spenden den Bundeswehrarzt Reinhard Erös, der auf eigene Faust afghanische Freischärler, die gegen die Sowjets kämpften, medizinisch versorgte und einen Sender namens „Radio freies Afghanistan“ ins Leben rief. Auf meinem Auto hatte ich einen diesbezüglichen Aufkleber. Als ich mich wieder einmal auf Transitautobahn-Grenzübergangs-Schikanen eingestellt hatte, trat ein schon alter DDR-Grenzer ans Fenster und fragte mich danach. Ich dachte nichts zu verlieren und tat ihm unverblümt meine Verachtung für das sowjetische Vorgehen in Afghanistan kund. Damals ahnte ich noch nicht, daß die Sowjets nur in das offene Messer gerannt waren, daß ihnen die Amis aufgestellt hatten. Er hörte sich alles ruhig an, dann lächelte er leicht, deutete einen militärischen Gruß an und wünschte mir ohne weiteres Gute Fahrt.

Und dann kam der 9. November 1989. Ich hatte im Rhein-Main-Gebiet zu tun und hörte abends in den Nachrichten vom Fall der Mauer. Es war ungeheuerlich. Ich kann das Gefühl, das mich durchströmte, kaum begreifen, eine Mischung aus Ergriffenheit, Jubel, Zweifel.

Am nächsten Morgen kaufte ich am ersten „Wasserhäuschen“ (kennen nur die Hessen, oder?) eine Flasche Sekt und schenkte sie meinen Kollegen aus: „Die Mauer ist gefallen!“ Auch sie wollten es nicht glauben. „Eigentlich müßten wir jetzt die National-Hymne singen“ meinte einer, aber wir alle konnten und trauten uns nicht. Da war sie wieder, diese seltsame Verdruckstheit dem eigenen gegenüber!

Aber seit damals feiern wir privat an jedem 9. November den Mauerfall: Aus Packpapier oder Kartons wird eine Mauer errichtet, besprüht, und dann – nach einem Vortrag, einem kleinen Theaterstück oder ähnlichem – gestürmt (besonders für die Kinder ein Spaß) und das Lied der Deutschen gesungen. Einen Schluck Sekt gibt’s auch. Kaum jemand veranstaltet so etwas. Warum? Es kommen Leute vorbei, die fragen „Was war denn am 9. November?“ Dabei ist der doch unser deutscher Schicksalstag.

Dieses Mal nun wird er, weil’s ein runder Jahrestag ist, auch von den Eliten des herrschenden politisch-medialen Komplexes gefeiert. In anderen Jahren steht regelmäßig die viel vergangenere unselige Reichskristallnacht im Vordergrund. Diese Eliten, an deren Wesen nicht nur wir Deutschen, sondern die ganze Welt genesen soll, können den Mitteldeutschen (und den Russen!) bis heute die deutsche Einheit nicht verzeihen. Es ist ihnen anzusehen und -zuhören, wie sie innerlich mit den Zähnen knirschen. Sie alle wollten was auch immer, die Wiedervereinigung jedenfalls keinesfalls, allen Sonntagsreden zum Trotz. Als sie nicht mehr zu verhindern war, waren sie selbstverständlich schon immer alle dafür gewesen, wie billig, und heute haben sie und nicht die aufmüpfigen Mitteldeutschen diese herbeigeführt.

Hätte mir einer damals erzählt, daß in dreißig Jahren Deutschland so aussähe wie heute, hätte ich ihn ausgelacht. Niemals! So verlogen, so heimtückisch konnte keine angeblich demokratische Elite, so schlafmützig kein Volk sein!

Ich mag und brauche nicht aufzählen, was alles seitdem schiefgelaufen ist. Wieviel vergifteten Tand haben wir schon von einer boshaften Stiefmutter bekommen und welche vergifteten Äpfel wird sie uns noch andrehen? Wieviele Träume von einem freien (sprich souveränen), fruchtbaren, friedlichen Deutschland inmitten eines Europas von lauter ebensolchen Vaterländern, die einander sein lassen, was sie sind, und einander anregen, sind zerplatzt, wieviele ihrer eigenen Gesetze und Verträge haben die hauptamtlichen, wohlbestallten meineidigen Geßlers unter’m Beifall ihrer ebenso wohlbestallten zahlreichen Mitläufer gebrochen oder zurechtgebogen, wie sehr ist die herrschende Politik zur Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln geworden? Es würde Bände füllen. Beiläufig nur eines: Sind die Nacktbadestrände im Zuge der massenhaften „kulturellen Bereicherung“ nicht rarer, die Paradiese der mitteldeutschen Ostseeküste nicht kleiner geworden?

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ titelte vorige Woche „63% der Deutschen glauben, man müsse sehr aufpassen, wenn man seine Meinung öffentlich äußert“ und entblödet sich nicht zu fragen „Wie kann das sein?

Was für ein Hohn!

Ein alter Kommunist (ich meine, ein wirklicher Linker wie zum Beispiel Stephan Steins, also Gegner des Großkapitals und nicht dessen „Knüppel aus dem Sack„), der seine Gesprächspartner nach Sympathie und nicht nach Gesinnung aussucht, erzählte mir einmal, er habe bei der Nachricht vom Fall der Mauer geweint: „Jetzt würde ganz Deutschland amerikanisiert werden!“ und meine Mutter, eine kleine tapfere Frau prophezeite „Jetzt kriegen wir bald Zustände wie in der DDR“. Es ist alles viel schlimmer gekommen. Deutschland und das deutsche Volk sind in ihrer Substanz und ihrem Fortbestand so gefährdet wie nie. Warum also feiern?

Weil es immer noch wunderbar ist, – einfach so! – von West- nach Mitteldeutschland oder umgekehrt zu fahren; weil „in Saggsen“ immer noch „de schönsdn Mädchn waggsen„; weil wir unseren mitteldeutschen Landsleuten Dank und Achtung schulden; weil der Jubel dieses Tages nicht vergessen werden darf; weil die Geschichte Sprünge macht (Henning Eichberg) und nicht immer einfach so weitergehen muß; weil jeder Mensch das Recht hat, bei sich zuhause zu sein und der, der den eigenen Leuten nicht die Heimat gönnt, auch nicht zögern wird, sie anderen zu zerstören; weil wir dieses Land, für das unsere Vorfahren gelitten und gerungen haben (und täusche sich niemand: Jeder trägt seine Ahnen in und mit sich!) nur als Treuhänder bekamen, um es an unsere Kinder weiterzugeben; weil nur freie, selbstbewußte Völker die Planierung der Erde aufhalten können; weil wir selber heile sein müssen, um die Erde heil und heilig halten zu können; weil – wir selbst es uns wert sein sollten.

Jupp Koschinsky

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