Eine Buchbesprechung von Wolfgang Hübner
Neue Chance für den deutschen „Sonderweg“
„Ordnungsstaat“ von Dimitrios Kisoudis forscht danach
Die vielfältigen Krisen des Parteienstaats deutscher Prägung und der historische Umbruch hin zu einer multipolaren Weltordnung machen die Suche nach neuen Wegen der nationalen Existenz und außenpolitischen Selbstbehauptung notwendig. Der politische Denker Dimitrios Kisoudis stellt sich dieser Herausforderung in seinem neuen Buch „Ordnungsstaat“. Kisoudis beweist auf 414 Seiten mit vielen Erkenntniswerten, zu den brillantesten Köpfen der neuen deutschen Rechten zu gehören. Es handelt sich zwar um keine einfache, schnell eingängige, sondern herausfordernde Lektüre. Sie lohnt aber.

Kisoudis, Jahrgang 1981, ist Sohn eines griechischen Arbeiters und einer deutschen Mutter. In Freiburg und Sevilla studierte er Historische Anthropologie, Germanistik und Spanisch. Nach journalistischen Tätigkeiten fand er Kontakt zu AfD-Politikern im EU-Parlament und Bundestag, für die er als Referent arbeitete. Seit Februar 2022 ist er als Grundsatzreferent im AfD-Bundesvorstand insbesondere für Tino Chrupalla tätig. Erstmals Aufmerksamkeit erregte Kisoudis 2014 mit seinem originellen Buch „Goldgrund Eurasien“. 2016 folgte „Was nun? Vom Sozialstaat zum Ordnungsstaat“.
Unbedingt zu erwähnen ist auch sein geopolitischer Aufsatz „Europa – der ungewollte Großraum“, veröffentlicht in der 110. Ausgabe der Zeitschrift Sezession vom Oktober 2022. Einiges deutet daraufhin, dass Kisoudis mit diesem Text Einfluss auf die außenpolitische Positionierung der derzeitigen AfD-Spitze genommen haben könnte. Darüber später mehr, jetzt aber zum neuen Buch „Ordnungsstaat“. Es ist nicht zuletzt eine kritische Auseinandersetzung mit der weithin akzeptierten Geschichtsinterpretation vom „Verhängnis des deutschen Sonderwegs“ im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Kisoudis akzeptiert nicht die weithin akzeptierte These des Historikers Heinrich August Winkler vom „langen Weg nach Westen“, der die Deutschen endlich auf den richtigen, den rettenden Weg gebracht habe. Dabei entwickelt der Autor eine alternative, durchaus angreifbare, aber diskussionswürdige Interpretation der neueren deutschen Geschichte von der französischen Revolution bis in die Gegenwart.

Eine Vergegenwärtigung des deutschen Sonderwegs
Bevor Kisoudis das umfassend ausführt, setzt er die Leser einem wahren Feuerwerk seiner beeindruckenden Kenntnisse der philosophischen, religiösen und historischen Grundlagen des fundamentalen Ordnungsprinzips der Trinität aus. Diese Passagen von Teil I „Was ist Ordnung?“ stellen hohe Anforderungen, sollten aber Leser nicht abschrecken. Wer sich damit überfordert sieht, was durchaus der Fall sein könnte, darf ohne schlechtes Gewissen diesen Teil des Buches auch auslassen. Denn danach wird es viel verständlicher.
Das Prinzip der Trinität spielt im Denken von Kisoudis jedenfalls eine große Rolle: „Was Ordnung sei, darüber waren sich Heiden und Christen einig. Platon untergliederte sein ideales Gemeinwesen in drei Stände: die philosophischen Herrscher, die Wächter und die Schaffer“. Der Autor gelangt zu dem Ergebnis: „Ordnung ist die Anordnung sozialer Gruppen in ihrem funktionalen oder persönlichen Platz der Gesellschaft.“ Und er verweist darauf, dass bei den indoeuropäischen Völkern Ordnung über Jahrhunderte „die Anordnung sozialer Gruppen in drei funktionale Stände war, nämlich diejenigen, „die beten, kämpfen, ernähren.“
In Teil II schildert Kisoudis „Die Ausbildung des Ordnungsstaats im 19. Jahrhundert“. Er schreibt: „Ja, es gibt den deutschen Sonderweg. Der Sonderweg ist der Weg, auf dem sich die Nation verspätete. Das deutsche Bürgertum hielt die Nation auf, indem es sich der Aristokratie unterwarf“. Es ist eine der Provokationen des Buchs, dass Kisoudis diese Besonderheit des deutschen Wegs nicht als Fehler oder gar als Verhängnis beurteilt.
Der Autor stellt die Figur des als „Reaktionär“ geschmähten preußisch-österreichischen Staatsmanns Friedrich von Gentz mit unverhohlener Sympathie besonders heraus. Dieser Gegenspieler Napoleons und Mitstreiter von Fürst Metternich gegen die bürgerliche Revolution sah in den Koalitionskriegen der Monarchien gegen das revolutionäre Frankreich nicht Staaten, sondern Ideen miteinander kämpfen. Gentz zufolge habe „nicht Frankreich, sondern die Revolution selbst den europäischen Monarchien den Krieg erklärt“. Von ihm stammt auch die keineswegs sehr demokratische Feststellung: „Eine Nation hat gar kein Recht, etwas an ihrer Constitution zu ändern“.
Kisoudis beurteilt es positiv, dass dank der preußischen Reformer zu Beginn des 19. Jahrhunderts „Revolution und Restauration nicht schroff aufeinander“ stießen. Und vermerkt: „Eine Marke des deutschen Sonderwegs: Der Nationalismus hat sich in der Auseinandersetzung mit Frankreich und Napoleon ausgebildet. Er war antifranzösisch eher als antiaristokratisch“.
Zum deutschen Vormärz, also der Epoche zwischen 1830 und 1848, hat der Autor ein distanziertes Verhältnis. In Formulierungen wie: „Die Nationalisten stachelten mit ihrer Religion des Vaterlandes die akademische Jugend auf“ oder „Der Nationalismus ist im Kampf gegen die Monarchie als revolutionäre Ideologie aufgekommen. Und sein radikalster Vertreter in Deutschland war ein fremdenfeindlicher Vorläufer völkischen Denkens“ kommt das zum Ausdruck. Gerade solche unkonventionellen An- und Einsichten machen „Ordnungsstaat“ zu einer an- und aufregenden Lektüre.
Auch in diesem Kapitel kommt Kisoudis auf die gesellschaftliche Trifunktionalität zu sprechen. Er registriert eine folgenreiche Entwicklung im 19. Jahrhundert, nämlich die „Tragik der Aristokratie“ als Träger der Gewalt im Staat im monarchistischen Staat, der dem Funktionsträger der „Fruchtbarkeit“, also dem Bürgertum, „zunehmend im Kriegerischen unterlegen war“. Und kommt zu der Erkenntnis: „Die dritte Funktion besteht in der Vielzahl von Fruchtbarkeit, im Überfluß, wachsender Volkszahl. Daraus entsteht durch Arbeit, Mehrwert und Handel der vierte Stand. Das Proletariat quadriert nicht das Dreieck der Funktionen, sondern erweitert und beunruhigt nur die Funktion des Bürgertums“.
Gleichwohl bedeutet der Abstieg der Aristokratie und der Aufstieg des Bürgertums nicht, dass Deutschland den französischen Weg geht. Kisoudis zitiert hierzu Heinrich Heine: „Deutschland kann keine Republik sein, weil es seinem Wesen nach royalistisch ist. Der Royalismus eines Volkes besteht dem Wesen nach darin, daß es Autoritäten achtet, daß es an Personen glaubt, die jene Autoritäten repräsentieren, daß es in dieser Zuversicht auch der Person selbst anhängt.“
Heines Einsicht in die Mentalität der Deutschen ist noch immer von aktueller Bedeutung. Für Kisoudis ist das Scheitern der bürgerlich dominierten Bildung der Nation 1848 nicht verwunderlich: „30 Millionen Deutsche wollten keine konstituierende Versammlung. Keine Nationalversammlung. Sie wollten die nationale Einheit“. Und: „Der Ordnungsstaat darf nur in Abstimmung davon bestimmt werden, was historisch bedingt an Ordnung jeweils möglich gewesen ist.“ Das Parlament in der Frankfurter Paulskirche erwies sich als unfähig, die politische Machtfrage für sich, also für die Bürger, zu entscheiden.
Kisoudis sieht Otto von Bismarck als „die Kriegergestalt, die Deutschland zur Einheit brauchte“. Er folgert: „Diese Erkenntnis von der politischen Unmündigkeit des Bürgertums, diese Unterwerfung des Bürgers unter den Krieger sollte als deutscher Sonderweg in die Geschichte eingehen. Sonderweg bedeutet; Das deutsche Bürgertum bekam keine Revolution von unten hin, stattdessen vollzogen die Träger des alten Regimes eine Revolution von oben.“ Kaiser Wilhelm II. versuchte dieser verqueren Entwicklung mit einer Art „Arbeiterkaisertum“, in dem er sich über die Parteien stellte, gerecht zu werden. Was bekanntlich scheitert.
An dieser Stelle seiner Interpretation des Abschnitts deutscher Geschichte macht Kisoudis eine für sein Denken fundamentale geopolitische Feststellung: „Seit der Reichsgründung durch die Einigungskriege war das Primat der Außenpolitik glasklar: Die innere Einigung war nur durch die Wendung nach außen gelungen.“ Provozierend stellt Kisoudis der heutigen politischen Rechten hierzulande die Frage: „Wo muß ich ansetzen, um eine Veränderung herbeizuführen? Diese Frage nicht stellen und beantworten zu können, ist die größte Unfähigkeit des rechten Lagers, das seine Grundlagen längst vergessen hat.“
Was sind diese Grundlagen? Mit dem Bündnis gegen Napoleon mit dem zaristischen Russland gegen Napoleon war Preußen auf dem sogenannten Sonderweg vorangegangen. Bismarck hatte die Beziehungen zur östlichen Großmacht gepflegt, seine Nachfolger haben sie hingegen verspielt. Nach dem verlorenen Weltkrieg und der demütigenden Behandlung durch die Westmächte ging ausgerechnet der militaristische Flügel der Weimarer Republik eine Zusammenarbeit mit dem nun revolutionär-bolschewistischen Russland ein.
Es war der Chef der Reichswehr, General Hans von Seeckt, der auf diese Zusammenarbeit der beiden Pariastaaten drängte. Von Seeckt konnte, anders als die Reichsregierung, die dem Pluralismus der Parteien ausgesetzt war, seine Rußland-Strategie souverän bestimmen. Er verteidigte auch den Vertrag von Rapallo von 1922 zwischen dem Reich und Sowjetrußland mit dem Argument: „Es kann unter den stärksten Erschütterungen radikal seine Staatsform ändern, es bleibt Russland, das sich nicht aus der Weltpolitik ausschalten lässt.“ Das ist auch ein deutlicher Fingerzeig für die Gegenwart, in der die deutsche Politik auf gefährlichem Konfrontationskurs mit Moskau ist.
Die Machtergreifung der extrem antikommunistischen Nationalsozialisten unter Adolf Hitler 1933 versteht Kisoudis als verhängnisvolle „Abweg“ vom deutschen Sonderweg: „Kurz gefasst, bestand Hitlers Strategie darin, mit Tauroggen und Rapallo zu brechen und den kurzen Weg nach Westen anzutreten“. Die originelle Interpretation der NS-Herrschaft im Kapitel „Unterm Totem des nordischen Schweins“ will ich hier nicht näher betrachten, dem Leser aber unbedingt empfehlen. Da Hitlers „kurzer Weg nach Westen“ scheiterte, führte das zum Krieg mit dessen Großmächten. Das konnte auch der sensationelle Pakt mit Stalins Sowjetunion nicht verhindern.
Es war der später von den Alliierten hingerichtete Außenminister Joachim von Ribbentrop, der diesen Vertrag verhandelte und am 20. August 1939 schrieb: „Der Abschluss eines Nichtangriffspaktes mit der Sowjetunion bedeutet für mich eine Festlegung der deutschen Politik auf lange Sicht. Deutschland nimmt damit wieder eine politische Linie auf, die in Jahrhunderten der Vergangenheit für beide Staaten nutzbringend war.“ Aber die Rückkehr zum „Sonderweg“ wurde mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Russland im Juni 1941 abgebrochen. Die Folge war die nationale Katastrophe, besiegelt mit der bedingungslosen Kapitulation im Mai 1945 und der Teilung des Landes.
Dominante Siegermacht im Westen Deutschlands, seit 1949 die Bundesrepublik, waren die USA. Gemeinsam mit den Briten wollten die Amerikaner ein für alle Mal durch Umerziehung der Deutschen verhindern, was nach dem Ersten Weltkrieg und in der Weimarer der Präsidialdemokratie wieder auflebte und Kisoudis als „die deutsche Mentalität bzw. Struktur“ bezeichnet. Denn die USA wollte keinen deutschen „Sonderweg“, sondern den „langen Weg nach Westen“. Adenauers CDU verfocht politisch wie wirtschaftlich erfolgreich diese Linie, die allerdings eine stark verminderte Souveränität einschloss. Die Bundesrepublik war und blieb auch nach der Wiedervereinigung faktisch ein Vasallenstaat der USA.
KIsoudis urteilt: „Die Wiederbewaffnung der BRD war keine Wiederbewaffnung der deutschen Mentalität, sondern eine Vereinnahmung von Deutschland als Raum und Reservoir für einen Krieg mit dem Osten“. Und er merkt an: „Die Geschichte vom Sonderweg in den Untergang lehnten die Kommunisten als ‚Miserekonzeption‘“ ab.
Der Autor beschäftigt sich in seinem Buch positiv mit Stalins berühmten Angebot von 1952, die Teilung in BRD und DDR zugunsten eines neutralisierten Gesamtdeutschlands zu beenden. Er schreibt: „Die US-Regierung lehnte Deutschlands Neutralität in ihrer Antwort vom 25. März ab, weil die freie Bündniswahl nötig sei, um ‚nicht den Anbruch einer neuen Epoche in Europa‘ zu gefährden, die ‚auf Zusammenarbeit und nicht auf Rivalität und Misstrauen‘ aufbaue“. In der damaligen deutschen Politik hatte das Angebot Moskaus so wenig eine Chance wie mehr als 70 Jahre später das nun die Angebote Putins hatten und haben.
Die Kritik von Kisoudis an der BRD und ihrer Ordnung ist scharf formuliert, doch nachvollziehbar: „Die BRD bekam Gold für Eisen. Sie dachte ihren Staat nicht von der Souveränität, sondern vom Recht her als Rechtsstaat und vom Sozialen her als Sozialstaat. Sie schichtete ihre Gesellschaft nicht von oben nach unten durch funktionale Unterschiede, sondern setzte sie als Wohlstandsmaschinerie von der ökonomischen Funktion allein her in Gang.“
Wenn diese Maschinerie nicht mehr gut läuft, genau das ist in der Gegenwart der Fall, dann verliert die BRD ihre Legitimität, kann sie ihr Wohlstandsversprechen nicht mehr erfüllen. Dann kann folglich auch von einer staatlichen Ordnungspolitik nicht mehr die Rede sein. Bis in die frühen siebziger Jahre war diese Ordnungspolitik noch spürbar. Denn bis zu diesem Zeitpunkt, so Kisoudis, „waren die Kräfte am Werk, die ihre Politisierung im imperialen Nationalismus erfahren hatten“.
Das war besonders im Osthandel so, wo die dazu ermächtigten Unternehmer „der ohnmächtigen Bundesregierung politisch stets überlegen“ waren. In der Protestbewegung um das Jahr 1968 erkennt Kisoudis Studenten, die zur Entmachtung der Väter einer Ideologie folgten, „deren Sinn die Entmachtung des Vaterlandes war“. Damals sei das Reservoir der Akademiker gewachsen, die in und mit den „Umerziehungswissenschaften“ den Weg zur künftigen Führungsschicht im Staat antraten.
Große Sympathie zeigt der Autor mit den Protagonisten der Entspannungspolitik der späten sechziger und der ersten Hälfte der siebziger Jahre, Willy Brandt und Egon Bahr. Er bezeichnet es als Ironie der Geschichte, dass die beiden Politiker „den außenpolitischen Bedingungen eines dritten Deutschlands näher als die klerikalen Antikommunisten mit ihrer Option für Abendland“ kamen. „Nicht die westdeutsche Gesellschaft umdisponieren, sondern die gesamtdeutsche herstellen, das wollte Bahr.“ Er sei der Architekt einer Diplomatie gewesen, „die im Kern schon Großraumpolitik und Vorstufe zur Multipolarität war.“
Ziel der Entspannungspolitik von Bahr und Brandt war nach Ansicht von Kisoudis der Bruch mit der einseitigen Westbindungspolitik von CDU/CSU, um die Voraussetzungen für eine blockfreie europäische Friedensordnung zu ermöglichen. All das war ganz und gar cht im Sinne der Unionsparteien, was deren entschiedenen Widerstand erklärt.
1989 bekam Deutschland die Chance auf die Wiedervereinigung von BRD und DDR. Bundeskanzler Helmut Kohl und seine Regierung aus Union und FDP wollten ebenso wie die Westmächte keinen deutschen Neuanfang auf neutraler Grundlage. Die marode Sowjetunion konnte die Einverleibung der DDR in die wirtschaftlich weit stärkere Bundesrepublik nicht verhindern. Kisoudis kommentiert das: „Indem er die deutsche Frage falsch zu beantworten half, ging Bundeskanzler Helmut Kohl am Sonderweg vorbei und den Weg nach Westen zu Ende“. Das Ergebnis war und ist ein vereintes Deutschland als „Umerziehungsgesellschaft“.
Wer, wie vor allem die Ostdeutschen, Hoffnungen auf nationale Wiedergeburt und Souveränität („Wir sind das Volk“) hegte, wurde von der „Umerziehungsgesellschaft“ bitter enttäuscht. Es entstand nicht die gesamtdeutsche Gesellschaft, die nach der Meinung des Autors Brandt und Bahr vorgeschwebt hatte, „sondern eine Gesellschaft, die Deutschland im Menschsein überwand“.
Das von Linksliberalen, Grünen und Linken durchgesetzte, von den geschwächten konservativen Kreisen nicht verhinderte Dogma der Antidiskriminierung von ethnischen und sexuellen Minderheiten führte in einen Staat der „Antiordnung“. Der deutsche Staat hat die ideologische Führungsfunktion faktisch den Sozialwissenschaften überlassen. Damit wurde die staatliche Aufgabe der Durchsetzung und Garantie von Ruhe und Ordnung zugunsten einer „Menschheitsreligion“, nämlich der Antidiskrminierung, ersetzt. Damit bekommen soziale Gruppen einen Platz, der ihnen Kisoudis zufolge nicht zukommt.
Mit Angela Merkels Grenzöffnung 2015 wurde die Vielfaltideologie zur gesellschaftlichen Realität, die sich auch nicht mehr durch die Hoffnungen auf massenhafte Remigration ändern lässt. Der griechischstämmige Autor bezieht deutlich Position: „Migranten lassen sich nicht wegdenken.“ Er gibt den Deutschen zu bedenken: „Die Debatte über den Islam als Integrationshindernis war immer auch eine uneigentliche Debatte über die eigene Wehrlosigkeit und den eigenen Unglauben.“ Und er warnt davor, sich an einer „der Vergangenheit orientierten Wunschvorstellung“ zu klammern: „Das Fremde wird das eigene verändern – was längst nötig ist.“
Im Schlussteil des Buches kommt der Geopolitiker im Autor zur Geltung. Kisoudis zufolge bewirkt der Ukrainekrieg, dass Mitteleuropas Verbindung mit der eurasischen Mitte des Kontinentalblocks gebrochen wird. Das sei eine traditionelle angloamerikanische Politik, aber nicht im deutschen Interess. Die richtige Reaktion auf die neue US-Sicherheitsdoktrin wäre, wenn Europas führende Politiker ein Strategie verfolgten, in der das Verhältnis zu China europäischer Selbstbestimmung unterläge. Also nicht dem strategischen NATO-Konzept einer Konfrontation zwischen demokratischen und autokratischen Staaten.
Der politischen Rechten, der Kisoudis als Intellektueller selbst angehört, gibt er abschließend zu bedenken: „Die Metapolitik war …das vorherrschende Paradigma in den vergangenen Jahrzehnten. Man wollte die Machtverhältnisse ändern, indem man das Bewußtsein verändert, aber die materielle Basis ignoriert. Die bloße Bewußtseinspolitik stößt an der materiellen Struktur an ihre Grenzen.“
Dimitrios Kisoudis hat mit „Ordnungsstaat“ zweifellos ein wichtiges, zu Diskussionen und Kontroversen anregendes Buch geschrieben. Es ist nicht immer verständlich, was er meint, denn er ist ein origineller Selbstdenker, der seinen Lesern einiges und manchmal auch zu viel abverlangt. So wird zum Beispiel nicht klar, wo in der künftigen multipolaren Weltordnung die historischen Eigenarten des von ihm positiv geschilderten „deutschen Sonderweges“ wieder politisch relevant werden könnten. Seine diesbezüglichen Überlegungen im Schlussteil des Buches sind dunkel und wirken unausgegoren.
Die grundsätzliche Kritik von Kisoudis am überdehnten Sozialstaat zulasten der Kernaufgaben des Staates ist richtig. Allerdings bleibt der Autor nähere Angaben schuldig, wie weit und mit welchen absehbaren Folgen soziale Maßnahmen des Staates eingeschränkt werden sollen. Wirtschaftliche Mechanismen und Zwänge im kapitalistischen Funktionssystem, die nun einmal auch die staatliche und gesellschaftliche Ordnung entscheidend prägen, sind wenig, was den Geisteswissenschaftler Kisoudis interessieren. Das ist ein Schwachpunkt, der politischen Analysen rechter Denker oft eigen ist.
Überzeugend sind die geopolitischen Überlegungen und Positionen des Autors. Die Dominanz der USA schwindet militärisch wie wirtschaftlich, die internationale Lage verändert sich dramatisch. Das bietet Deutschland, immer noch Vasall der USA, neue Möglichkeiten als Ordnungsfaktor eines europäischen Großraums in der multipolaren Welt der Zukunft. Hier sei noch einmal auf den schon erwähnten Aufsatz in der „Sezession“ aus dem Jahr 2022 verwiesen. Er hat nichts von seiner Aktualität verloren, zumal die sich abzeichnende Niederlage der Selensky-Ukraine und damit auch der Niederlage seiner westlichen Unterstützer den geopolitischen Überlegungen von Kisoudis noch mehr Gewicht geben.
„Ordnungsstaat“, erschienen in der Edition Sonderwege von Manuscriptum, sollte Pflichtlektüre der intellektuellen Rechten werden und eine fruchtbare Diskussion des politischen Denkens von Dimitrios Kisoudis auslösen.

Geboren im Trump-Jahrgang 1946 in Frankfurt am Main. Abgeschlossene Ausbildung als Verlagskaufmann, von 1973 bis 2009 erst Redaktionsassistent, dann Kulturjournalist beim deutschen Dienst der Nachrichtenagentur Associated Press in Frankfurt, dort auch langjähriger Betriebsratsvorsitzender. Aktiver Teilnehmer der APO 1966 bis 1969. 1994 Gründer der kommunalen Freiern Wählergruppe Bürger Für Frankfurt (BFF), von 2001 bis 2016 Stadtverordneter und Fraktionsvorsitzender im Römer, nach dem freiwilligen Ausscheiden aus der aktiven Politik seitdem Ehrenvorsitzender der BFF. Von 2013 bis 2014 Mitglied der AfD und stellvertretender Sprecher im hessischen Gründungsvorstand der Partei. Seit vielen Jahren parteiunabhängiger Verfasser politischer Kommentare bei PI News und Facebook. Verfasser der politischen Biographie von 1965 bis 2025 „Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom“.
Das Buch ist 2025 im Engelsdorfer Verlag Leipzig erschienen. Es kostet 24.80 Euro im Buchhandel
ISBN 978-3-69095-029-9
Hier finden Sie die Druckausgabe der Zeitschrift wir selbst, Nr. 56/November 2025:
Hier finden Sie die Druckausgaben der Zeitschrift wir selbst, Nr. 55/1-2024 und 54/1-2023:
Die beiden Druckausgaben des Jahres 2022 unserer Zeitschrift sind auch noch erhältlich:
Druckausgabe der Zeitschrift wir selbst, Nr. 53, Oktober 2022. Hier kann man bestellen!






