Mikrofaschismus – die zwölf Gesichter des Autoritären im demokratischen Alltag

von Christian Witt


Mikrofaschismus – die zwölf Gesichter des Autoritären im demokratischen Alltag

Faschismus? Das sind immer die anderen. Die Rechten. Die Extremisten. Die Feinde „unserer Demokratie“.

Aber was geschieht, wenn sich autoritäres Denken ausgerechnet dort ausbreitet, wo Menschen sich für besonders demokratisch, tolerant und antifaschistisch halten?

Die Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari beschäftigten sich mit dem Mikrofaschismus: jenen kleinen autoritären Impulsen, die nicht erst in Parteien, Staaten oder Diktaturen entstehen, sondern mitten im gesellschaftlichen Alltag. In unseren Beziehungen, Institutionen, politischen Milieus – und in uns selbst.

Ich möchte zwölf Spielarten unterscheiden:

1. DER MORALISCHE MIKROFASCHISMUS

Wer sich auf der richtigen Seite wähnt, muss die Argumente der anderen nicht mehr prüfen. Moral ersetzt Erkenntnis.

2. DER KONTAKTSCHULD-MIKROFASCHISMUS

Wer mit den Falschen spricht, wird selbst zum Falschen. Nicht das Argument zählt, sondern die gesellschaftliche Zuordnung.

3. DER SPRACHLICHE MIKROFASCHISMUS

Wer die Begriffe kontrolliert, kontrolliert den Debattenraum. Abweichende Sprache wird zum Gesinnungsverdacht.

4. DER AUSGRENZUNGS-MIKROFASCHISMUS

Im Namen der Toleranz werden Andersdenkende ausgeschlossen. Offenheit gilt nur noch für Gleichgesinnte.

5. DER DENUNZIATORISCHE MIKROFASCHISMUS

Politische Kontakte, Äußerungen und Auftritte werden gesammelt, kategorisiert und öffentlich angeprangert. Aus Kritik wird soziale Überwachung.

6. DER INSTITUTIONELLE MIKROFASCHISMUS

Vereine, Stiftungen und Institutionen definieren, welche politischen Haltungen gesellschaftlich akzeptabel sind. Zugang und Anerkennung werden zu Instrumenten der Disziplinierung.

7. DER MEDIALE MIKROFASCHISMUS

Nicht mehr allein der Wahrheitsgehalt einer Aussage entscheidet über ihre Verbreitung, sondern ihre politische Erwünschtheit. Journalismus wird zur Gesinnungsverwaltung.

8. DER SOZIALE MIKROFASCHISMUS

Die Angst vor Ächtung, beruflichen Nachteilen und gesellschaftlichem Ausschluss erzeugt Selbstzensur. Die Schere im Kopf arbeitet zuverlässiger als manches Verbot.

9. DER ANTIFASCHISTISCHE MIKROFASCHISMUS

Im Kampf gegen den Faschismus werden Einschüchterung, pauschale Feinderklärungen und autoritäre Methoden gerechtfertigt. Der gute Zweck soll die schlechten Mittel heiligen.

10. DER DEMOKRATISCHE MIKROFASCHISMUS

„Wir sind die Demokraten.“ Wer widerspricht, wird nicht mehr als politischer Konkurrent betrachtet, sondern als Bedrohung der Demokratie selbst.

11. DER TECHNOKRATISCHE MIKROFASCHISMUS

Expertenwissen und angebliche Alternativlosigkeit ersetzen die öffentliche Debatte. Aus wissenschaftlicher Beratung wird politischer Gehorsamsanspruch.

12. DER INNERE MIKROFASCHISMUS

Die vielleicht gefährlichste Spielart: das eigene Bedürfnis nach moralischer Überlegenheit, Zugehörigkeit und Bestrafung des Abweichenden. Freiheit für uns – aber möglichst nicht für die anderen.

WAS HABEN DIESE ZWÖLF SPIELARTEN GEMEINSAM?

Sie verwandeln politische Überzeugungen in soziale Machtansprüche. Sie ersetzen Argumente durch Zuschreibungen, Widerspruch durch Verdacht und demokratische Auseinandersetzung durch moralische Sortierung.

Nicht jede Ausgrenzung ist Faschismus. Nicht jede Sanktion ist Unterdrückung. Und selbstverständlich muss sich eine Demokratie gegen tatsächliche Feinde ihrer freiheitlichen Ordnung verteidigen können.

Der Begriff Mikrofaschismus ist deshalb keine Gleichsetzung mit dem historischen Faschismus, sondern eine Warnung vor autoritären Denk- und Verhaltensmustern, die sich unabhängig vom politischen Lager entwickeln können.

Diese Warnung gilt auch für mich selbst. Denn wer Mikrofaschismus ausschließlich bei seinen Gegnern entdeckt, hat das Wesentliche an diesem Begriff nicht verstanden.

Demokratie ist kein Eigentum derer, die sich Demokraten nennen.

Sie ist eine Zumutung. Sie verlangt, Menschen zuzuhören, deren Ansichten man ablehnt. Sie verlangt, zwischen Person und Position zu unterscheiden. Und sie verlangt, Macht gerade dort zu hinterfragen, wo sie sich mit den besten Absichten rechtfertigt.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht:

Auf welcher Seite stehst du?

Sondern:

Wie gehst du mit Menschen um, die nicht auf deiner Seite stehen?

Vielleicht beginnt der wirksamste Antifaschismus mit der Fähigkeit, den eigenen autoritären Reflex zu erkennen.

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