„Uns wird die Souveränität geraubt, dagegen zu sein“

von Hanno Borchert

„Uns wird die Souveränität geraubt, dagegen zu sein“

Der Satz „Uns wird die Souveränität geraubt, dagegen zu sein“ stammt aus der vielbeachteten Glosse „Der letzte Deutsche“ des Schriftstellers Botho Strauß, die im Oktober 2015 im Nachrichtenmagazin Der Spiegel veröffentlicht wurde. Strauß äußerte sich darin kritisch über eine herrschsüchtig werdende politisch-moralische Konformität und einen gesellschaftlichen Druck bei Themen wie der Flüchtlingspolitik und dem gesellschaftlichen Wandel. Er argumentierte, daß eine ablehnende Haltung oder nur das bloße Formulieren von Zweifeln gegenüber herrschenden Mainstream-Meinungen schnell als unmoralisch oder ausgrenzend abgestempelt werde. Doch dies trifft mittlerweile nicht nur in Bezug auf die Flüchtlingspolitik zu, sondern betrifft auch die Corona-Zeit und heute aktuell auch auf abweichende Meinungen bezüglich der herrschenden Meinung zum Krieg in der Ukraine oder ebenso auf den Krieg Israels gegen die Palästinenser zu. 

Der Gedanke von Strauß „Uns wird die Souveränität geraubt, dagegen zu sein“, zielt meines Erachtens im Kern auf etwas, das über eine einzelne politische Frage hinausgeht: Nicht die Möglichkeit, eine bestimmte Meinung zu vertreten, verschwindet unbedingt, sondern die soziale und moralische Legitimität, diese Meinung überhaupt zu äußern. Gerade darin liegt die Aktualität des Gedankens. Bei einer normalen politischen Kontroverse lautete früher normalerweise die Logik: Du siehst die Sache anders als ich, laß uns darüber streiten. So jedenfalls habe ich das früher einmal gelernt. Selbst in den damaligen typischen Marxismus-Leninismus- Seminaren oder Maoismus-Schulungen nach der Schule in den siebziger Jahren war das noch Usus. Bei den heutigen moralisierten Kontroversen verschiebt sich die Logik dagegen: Wenn du die Sache anders siehst, stimmt etwas mit dir nicht. Damit aber verändert sich die Qualität der Auseinandersetzung. Der Gegner wird nicht mehr primär widerlegt, sondern, wie heute leider viel zu häufg üblich, charakterisiert: als unsolidarisch, verantwortungslos, rechtsextrem, Putin-Versteher, antisemitisch, naiv, menschenfeindlich oder Ähnliches. Und es wird meist persönlich!
Das bedeutet wohlgemerkt nicht, daß solche Vorwürfe immer unberechtigt sind. Es gibt tatsächlich rassistische, antisemitische, extremistische oder menschenverachtende Positionen. Das Problem beginnt aber dort, wo solche Kategorien dazu benutzt werden, die Diskussion über eine Sachfrage bereits im Vorfeld zu beenden.


Vielleicht liegt die eigentliche Aktualität des Satzes deshalb weniger darin, daß es heute eine bestimmte „herrschende Meinung“ gibt. Die gab es eigentlich immer. Interessanter ist vielmehr die Frage: Wie viel Abweichung hält unsere Gesellschaft heute noch aus? Eine pluralistische Demokratie braucht nämlich nicht nur das Recht, eine Meinung zu haben. Sie braucht auch eine Kultur, in der man irren, zweifeln, widersprechen und provokante Fragen stellen darf, ohne dadurch automatisch seine moralische Zugehörigkeit zur Gesellschaft zu verlieren. Das ist ein entscheidender Unterschied: Eine offene Gesellschaft muß nicht jede Meinung für richtig halten. Aber sie muß genügend Raum lassen, damit abweichende Meinungen ausgesprochen und möglicherweise anschließend widerlegt werden können. Oder, wenn nicht, Bestand haben. Denn wenn bestimmte Positionen nicht mehr argumentativ bekämpft, sondern sozial sanktioniert werden, entsteht ein paradoxes Ergebnis: Nach außen kann weiterhin Meinungsfreiheit bestehen, während sich Menschen selbst zensieren, weil sie die sozialen Konsequenzen des Widerspruchs fürchten.
Und genau an diesem Punkt bekommt Strauß‘ Formulierung ihre eigentliche Sprengkraft: „Souveränität, dagegen zu sein“ bedeutet nicht unbedingt, Recht zu haben. Es bedeutet zunächst, das Recht zu behalten, Nein zu sagen.

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Hanno Borchert

Hanno Borchert

Hanno Borchert, geb. 1959, Cuxhavener Jung von der Elbmündung. Schon in jungen Jahren wurde durch die Weltenbummelei (Südtirol, Balkan, Skandinavien (u.a. Dänemark-affin), Indien, Iran, Indonesien u.a.) die Beigeisterung für die Sache der Völker geweckt.

Ausgebildeter Handwerkergeselle mit abgeschlossenem Studium der Wirtschaftswissenschaften. Bücherwurm seit Kindheitstagen an, musiziert und malt gerne und beschäftigt sich mit der Kunst des Graphik-Designs.

„Alter Herr“ der schlagenden Studentenverbindung „Landsmannschaft Mecklenburgia-Rostock im CC zu Hamburg“. Parteilos. Ist häufig auf Konzerten quer durch fast alle Genres unterwegs. Hört besonders gerne Bluegrass, Country, Blues und Irish Folk. Großer Fan des leider viel zu früh verstorbenen mitteldeutschen Liedermachers Gerhard Gundermann.

Redakteur der alten wie neuen „wir selbst“, zwischendurch Redakteur der „Volkslust“.

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