von Dr. Florian Sander
Tibet im Spannungsfeld zwischen Ost und West – chinesische Repression und westliche Instrumentalisierung
Nicht selten passiert es, dass die chinesisch verschuldeten Missstände in Tibet von den Propagandisten des westlich-liberalen Gesellschaftsmodells – von europäischen linksliberalen Grünen bis hin zu US-amerikanischen NeoCons – indirekt zu vermeintlichen Belegen dafür angeführt werden, dass der Westen historisch im Recht sei. Im Nachgang zur bis heute andauernden chinesischen Besetzung Tibets haben sich vor allem US-Politiker die Sache der Freiheit Tibets zu eigen gemacht – bis hin sogar zu Hollywoodstars wie Richard Gere. Tibet „eignet“ sich im geopolitischen Wettbewerb zwischen Ost und West hervorragend, um innerhalb des Informationskrieges der Volksrepublik China einen astreinen Sündenfall nachzuweisen, der das antiimperialistische Paradigma der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) unzweifelhaft Lügen straft. Da lässt sich nicht drum herumreden: Tibet ist in der Tat der ultimative Sündenfall der chinesischen Regierung, und nichts, was China bis heute getan hat, um diesen Eindruck zu zerstreuen, hat diese Diagnose bisher annähernd widerlegt.
Der Dalai Lama ist Sozialist
Man geht jedoch fehl, wenn man, wie manche Amerikaner und Europäer es gerne versuchen, Tibet und den Dalai Lama als Kronzeugen für den westlichen Kapitalismus heranzuziehen versucht. Wer sich ernsthaft und aufmerksam mit den Lehren und Positionen seiner Heiligkeit befasst, weiß nicht zuletzt eines: Tenzin Gyatso, der 14. Dalai Lama der Gelug-Schule des tibetischen Buddhismus, bezeichnet sich selbst bis heute als Sozialist (vgl. Dalai Lama, 2004: Mitgefühl und Weisheit. Ein Gespräch mit Felizitas von Schönborn. Zürich: Diogenes Verlag; S. 226): „Den sozialistischen Ideen von Gerechtigkeit und Brüderlichkeit in der Welt fühlte ich mich durch die buddhistischen Lehren auf jeden Fall verbunden, denn das kapitalistische System hat auch seine Schattenseiten“ (ebd.: 166).

Einen großen theoretischen Nachteil des Marxismus sehe er allerdings im „rein materialistischen Verständnis der menschlichen Existenz“ (ebd.: 226). Synthesen mit dem Buddhismus halte er jedoch grundsätzlich für möglich (vgl. ebd.: 226f.). Mit dieser – mehr als nachvollziehbaren – Ablehnung des Theoriebausteins des Historischen Materialismus ist er letztlich so etwas wie ein nicht-marxistischer Sozialist – der übrigens, ganz nebenbei, zugleich eine durchaus kritische Sicht auf Massenmigration hat. Mit anderen Worten: Seine Heiligkeit ist sicherlich kein Verfechter der chinesischen Parteidoktrin – durchaus aber ein ökologisch denkender Antikapitalist, der als Kronzeuge für das westlich-liberale Gesellschaftsmodell und für globalisierten Turbokapitalismus nun wirklich nicht geeignet ist, egal wie oft man ihn auch derart zu instrumentalisieren versucht.

Imperialismus der Volksrepublik
Dies kann freilich nicht bedeuten, die chinesischen Sünden in Tibet seit dem Einmarsch in den fünfziger Jahren zu rechtfertigen oder schönzureden – handelte es sich dabei doch um nicht weniger als Imperialismus in Reinform. Die Motive dahinter waren indes vielfältig. Strategisch gesehen bildete das tibetische Hochland eine entscheidende Pufferzone zu Indien. Da sich der Kalte Krieg in Asien zuspitzte, fürchtete die Führung in Peking, dass ein unabhängiges Tibet unter den Einfluss westlicher Mächte oder Indiens geraten und somit zu einem Aufmarschgebiet gegen China werden könnte.
Doch damit nicht genug, denn ein weiteres wesentliches Stichwort lautet hier: Wasser. Das tibetische Hochland ist die Quelle der größten und wichtigsten Flüsse Asiens – darunter der Jangtsekiang und der Gelbe Fluss, aber auch der Indus, der Ganges, der Brahmaputra und der Mekong. Wer Tibet kontrolliert, kontrolliert die Hydrologie von fast ganz Süd- und Ostasien. Für China bedeutete die Sicherung dieser Region die absolute Kontrolle über die eigenen Wasserressourcen und gleichzeitig einen enormen geopolitischen Hebel gegenüber den flussabwärts gelegenen Nachbarstaaten, insbesondere Indien und Südostasien.
Wie so häufig, war es zudem auch der Rohstoffreichtum der Region, der Eroberer magnetisch anziehen musste: Das tibetische Plateau ist extrem reich an Bodenschätzen. Auch wenn die systematische Ausbeutung erst in den Jahrzehnten nach dem Einmarsch so richtig an Fahrt aufnahm, war der Führung in Peking bewusst, welches Potenzial dort schlummerte. Tibet verfügt über riesige Vorkommen an Kupfer, Lithium, Chrom, Gold und Uran – allesamt kritische Ressourcen, die China für seine Industrialisierung und das spätere Wirtschaftswachstum dringend benötigte. Es ist also durchaus nicht übertrieben festzustellen, dass der spätere ökonomische Aufstieg der Volksrepublik ohne diese Okkupation nicht in der Form möglich gewesen wäre.
Historisch berechtigte Ansprüche Chinas auf Tibet gab und gibt es indes nie. Es ist umso wichtiger darauf hinzuweisen, weil der Autor dieser Zeilen an anderer Stelle postuliert hat, dass der Anspruch Festland-Chinas auf die Insel Taiwan durchaus legitim ist, was den Separatismus-Vorwürfen Pekings gegen Taipeh ebenfalls eine gewisse Berechtigung erteilt: Taiwan gehörte historisch (ausgenommen eine koloniale japanische Ära) seit jeher zu China; die Taiwanesen sind mehrheitlich Han-Chinesen, die Mandarin sprechen.
Tibet: Eigene Sprache, eigene Kultur, eigenes Volk
In Tibet liegt der Fall hingegen grundlegend anders – sprachlich, ethnisch, kulturell, politisch und historisch. Anfang des 7. Jahrhunderts entstand das Königreich Tibet und bestand in stabiler Form etwa bis in 10. Jahrhundert. Es folgte ab dem 13. Jahrhundert eine Epoche zeitweiliger mongolischer Fremdherrschaft, die aber bereits im 14. Jahrhundert wieder endete. In den Jahrhunderten danach zeigte sich immer mal wieder ein gewisser mongolischer Einfluss auf Tibet, der es jedoch nicht schaffte, die Integrität des Reiches grundsätzlich in Frage zu stellen. Erst im 18. Jahrhundert kam es zeitweilig zu einer Besetzung durch das chinesische Kaiserreich, die aber nach einigen Jahrzehnten wieder endete.

Mit Blick auf das 19. Jahrhundert lässt sich Tibet wiederum als souveränes, theokratisch-feudal beherrschtes Reich unter Herrschaft der Dalai Lamas bezeichnen – zeitweilig jedoch eher beherrscht vom jeweiligen Panchen Lama, dem zweithöchsten Theokraten, der übernahm, wenn der jeweilige Dalai Lama noch zu jung war, um sein Amt auszuüben. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Tibet erneut Zielobjekt imperialistischer Bestrebungen: Als Russland zunehmendes Interesse an Tibet entwickelte, marschierten die Briten, gewissermaßen „präventiv“, 1903 / 1904 in Tibet ein. Auch die Chinesen verständigten sich wenige Jahre später mit den Briten über ihren Anteil am „tibetischen Kuchen“ – um Tibet dann jedoch, mit dem Fall der chinesischen Monarchie im Jahre 1911, wieder zu verlassen. 1913, nach der Rückkehr des damaligen Dalai Lama, wurde Tibet wieder unabhängig, um ab den 50er Jahren schließlich vom maoistischen China besetzt zu werden.
Deutlich macht dieser kurze Streifzug durch die tibetische Geschichte über die Jahrhunderte zumindest eines: Im Gegensatz zu Taiwan war Tibet stets zwar auch das Zielobjekt vielseitiger imperialistischer Ambitionen aus mehreren Richtungen, hatte aber immer seine eigene kollektive Identität, mit eigener Sprache, eigener Kultur, eigenem, sehr spezifischem Regierungssystem und nicht zuletzt: eigener Ethnie. Nicht einmal der schärfste kommunistische Hardliner in der KPCh könnte historisch fundiert bestreiten, dass es ein tibetisches Volk gab und gibt.
Sinisierung und Umerziehung
Die Wahrheit dieser Aussage lässt sich quasi dialektisch herleiten: Nämlich durch die Versuche der Volksrepublik China, eben jenes Volk faktisch auszulöschen, indem die Grundlagen seiner Identität zerstört oder noch im Kindesalter wegsozialisiert werden. In der Zeit der Kulturrevolution fielen tausende Kloster und deren Reliquien dem Wüten der Roten Garden zum Opfer; das tibetische Volk wurde – und wird – in Tibet gewissermaßen eingesperrt; eine Freizügigkeit innerhalb der Volksrepublik gibt es für Tibeter nicht, vom Ausland ganz zu schweigen.

Die heutige Repression der chinesischen Zentralregierung gegen das tibetische Volk zielt auf eine systematische, erzwungene Assimilation ab – ein Prozess, der oft als „kulturelle Auslöschung“ bezeichnet wird. Unter dem Deckmantel von Modernisierung, „patriotischer Erziehung“ und Terrorbekämpfung hat Peking Tibet in einen lückenlosen Überwachungsstaat verwandelt, in dem religiöse Praktiken des tibetischen Buddhismus drastisch eingeschränkt, Klöster streng kontrolliert und der Dalai Lama kriminalisiert werden.
Ein besonders repressives Werkzeug ist das Internatssystem: Schätzungen zufolge werden rund eine Million tibetischer Kinder – oft schon ab dem Kindergartenalter – systematisch von ihren Familien getrennt. In diesen staatlichen Zwangsinternaten findet der Unterricht fast ausschließlich auf Mandarin statt. Die Kinder werden gezielt ideologisch indoktriniert und sinisiert, während ihre eigene Sprache, Kultur und Identität systematisch verdrängt werden. Setzt sich der Prozess fort, so wird die tibetische Kultur und Sprache mittel- bis langfristig aussterben. Ergänzt wird diese Politik durch restriktive Arbeitstransferprogramme für Nomaden und ländliche Gemeinden sowie eine flächendeckende digitale Überwachung, die jeglichen friedlichen Protest im Keim erstickt.
Ausbeutung und Umweltschäden
Die rücksichtslose Ausbeutung der tibetischen Ressourcen durch die chinesische Zentralregierung hat zudem tiefgreifende und teilweise irreversible Umweltschäden verursacht, die dem globalen Ruf der Volksrepublik als „grüne“ Großmacht, die sich (im Gegensatz zu den USA) um den Klimaschutz sorgt, großen Schaden zufügen. Im Zentrum der Kritik steht der massive Bau von Megastaudämmen an den Oberläufen der großen asiatischen Flüsse, wie dem Brahmaputra oder Mekong. Diese Großprojekte zerstören lokale aquatische Ökosysteme und bedrohen die Wasserversorgung von hunderten Millionen Menschen flussabwärts.
Zudem führt der exzessive Abbau von Rohstoffen wie Lithium, Kupfer und Gold zu einer großflächigen Zerstörung der sensiblen alpinen Landschaft, zur Kontamination von Trinkwasserquellen durch Chemikalien und zur Erosion der dünnen Bodenschicht. Angesichts des Klimawandels, der die tibetischen Gletscher ohnehin im Rekordtempo schmelzen lässt, wirkt die chinesische Infrastruktur- und Rohstoffpolitik wie eine Art Brandbeschleuniger, der das ökologische Gleichgewicht dieses global wichtigen Ökosystems kollabieren lässt.
Gewaltloser Widerstand und Autonomiebestrebung
Trotz tibetischer Aufstände und immer wieder vorkommenden Selbstverbrennungen von Tibetern ist der Widerstand gegen diese Repression in der meisten Zeit friedlich und gewaltlos geblieben, was auch der Bedächtigkeit des gegenwärtigen Dalai Lama und seiner tibetischen Exilregierung zu verdanken ist, die in Dharamsala (Indien) residiert. 1987, in den Jahren des globalen „Tauwetters“ zwischen Ost und West, veröffentlichte der Dalai Lama seinen Fünf-Punkte-Friedensplan, der Tibet als Zone der Gewaltlosigkeit vorsah.
Die demokratischen Freiheiten des tibetischen Volkes und die Menschenrechte sollten demgemäß respektiert werden, die Bevölkerungsumsiedlungen sollten enden, die Umwelt sollte geschützt werden und weitergehende Verhandlungen sollten aufgenommen werden. Der Ansatz seiner Heiligkeit war dabei stets kompromissorientiert und pragmatisch: So forderte er dezidiert nicht die nationale Unabhängigkeit Tibets, sondern lediglich echte tibetische Autonomie innerhalb des Staatsgebiets der VR China, gewissermaßen als eine „Republik innerhalb der Volksrepublik“. Ziel einer realpolitisch sinnvoll agierenden tibetischen Exil-Regierung sollte es besser auch in Zukunft sein, diese Linie beizubehalten.
Chinesische Marionetten
Dies jedoch wird, darüber sollte man sich keine Illusionen machen, in der Zukunft nicht einfacher werden. Der Dalai Lama hat, zur Beruhigung vieler Tibeter weltweit, klargemacht, dass es auch nach seinem Tod einen Dalai Lama, einen Trülku und Bodhisattva, also weitere Inkarnationen geben werde. Das wiederum lässt, trotz der spirituellen Unausweichlichkeit dieser Ankündigung, ein Szenario erwarten, das sich bereits beim religiösen „zweiten Mann“ Tibets, dem Panchen Lama, abgespielt hatte: Nach dem Tod des Panchen Lama Thrinle Lhündrub Chökyi Gyeltshen 1989wurde der vom Dalai Lama anerkannte neue Panchen Lama Gendün Chökyi Nyima von Kräften der chinesischen Regierung entführt. Sein weiterer Verbleib ist bis heute unbekannt. An seiner statt erklärte Peking Gyeltshen Norbu zum Panchen Lama, der jedoch von den meisten Tibetern bis heute nicht als solcher anerkannt wird.
Es steht zu befürchten, dass sich eine solche Praxis der Ernennung von „Marionetten-Lamas“ durch die kommunistische Regierung auch mit Blick auf die irgendwann anstehende Dalai-Lama-Nachfolge wiederholen könnte. Eine wesentliche Aufgabe der jetzigen Exil-Regierung und des derzeitigen Dalai Lama dürfte daher sein, die Nachfolgeregelung so konkret und unmissverständlich wie möglich auszugestalten, ohne Raum für „Interpretationen“, insbesondere mit Blick auf jene religiösen Würdenträger, die diese dann umzusetzen haben. Dieser Prozess sollte von der Weltöffentlichkeit mit Argusaugen begleitet werden – der einzige Weg, um die Sicherheit der Zuständigen und Betroffenen so gut es geht zu gewährleisten und Manipulationen und repressives „Verschwindenlassen“ von Vornherein zu verhindern.
Kernfragen kollektiver Identität
Tibet bleibt, so viel steht fest, weiterhin eine Kernfrage des Verhältnisses zwischen Ost und West, nicht nur, aber auch wegen seiner spirituellen Bedeutung für Buddhisten weltweit – letztlich auch für solche, die nicht tibetisch-buddhistischen Strömungen angehören. Und es bleibt ein Prüfstein für die Frage, wie wir, nach einem brutalen 20. Jahrhundert, im 21. Jahrhundert mit der Wahrung kollektiver Identitäten – Sprache, Religion, Kultur, Souveränität bzw. Autonomie und Volk – umgehen wollen.

Florian Sander
Dr. Florian Sander ist Soziologe und Politikwissenschaftler und arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter. Er ist Mitglied der Landesprogrammkommission und der Landesfachausschüsse „Außen- und Sicherheitspolitik“ und „Grundwerte, Kultur und Medien“ der AfD NRW sowie Kreisvorsitzender der AfD Bielefeld und Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld. Er betreibt den Theorie-Blog „konservative revolution“ und schreibt für mehrere patriotische und alternative Medien. Programmatisch ist er klar verortet: Publizistisch und innerparteilich tritt er seit Jahren als entschiedener Verfechter eines Solidarischen Patriotismus in Erscheinung, der sich von liberalen Ansätzen abgrenzt. Als einer der „linken Leute von rechts“ gilt er Parteifreunden als „patriotischer Sozialist“: Gesellschafts-, identitäts- und staatspolitisch rechts; umwelt-, wirtschafts- und sozialpolitisch links.“
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