von Christian Witt
Die Geschichte der Deutschen in Kirgistan – unterwegs nach Rotfront
Auf der Marschrutka 317 steht es schwarz auf weiß, in kyrillischen Lettern auf einem Schild hinter der Windschutzscheibe: Kant, Iwanowka, Station Ak-Sai, Rotfront. Eine unscheinbare Fahrt durchs Tschüi-Tal, gut eine Stunde von Bischkek entfernt. Doch der letzte Name auf dem Schild trägt ein Stück deutsche Geschichte in sich, die kaum jemand in Europa noch kennt.
Bergtal, nicht Rotfront
Die Geschichte des Dorfes reicht zurück zu deutschen Siedlern, überwiegend Mennoniten, die seit Ende des 19. Jahrhunderts in Zentralasien siedelten. Seit 1882 lebten Mennoniten im Talas-Tal. Als dort das Land knapp wurde, zogen Familien weiter ins Tschüi-Tal. 1925 entstand zunächst Grünfeld, das spätere Dorf Thälmann. 1927 gründeten weitere Familien aus dem Talas-Tal Bergtal, das spätere Rotfront. Wenig später entstanden beziehungsweise entwickelten sich in der Region weitere deutsche Siedlungen wie Luxemburg und Friedenfeld.

1931 wurde Bergtal im Zuge der sowjetischen Umgestaltung und Kollektivierung in Rot-Front umbenannt. Der Name passte zur politischen Sprache der Zeit und erinnert an den kommunistischen Kampfruf „Rot Front!“, der auch durch den deutschen Roten Frontkämpferbund bekannt war.
Deportation und stiller Aufbau
Die eigentliche demografische Wende kam 1941. Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion ließ Stalin Hunderttausende Wolgadeutsche deportieren, vor allem nach Kasachstan und Sibirien. Nach dem Ende der Sonderkommandantur 1956 zogen viele Deutsche weiter nach Kirgistan. Das vergleichsweise milde Klima und die fruchtbaren Gebiete des Tschüi-Tals machten die Region attraktiv.
In den Dörfern und Kolchosen des Tschüi-Tals trafen sie auf bereits ansässige deutsche Gemeinschaften.
Es entstand eine eigene kleine Welt mit deutscher Sprache, Kultur und Tradition. Bei der letzten sowjetischen Volkszählung 1989 lebten mehr als 101.000 Deutsche in der damaligen Kirgisischen SSR – rund 2,3 Prozent der Bevölkerung.
Die große Auswanderung
Mit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 änderte sich alles. Deutschland nahm Russlanddeutsche als Aussiedler beziehungsweise Spätaussiedler auf, und binnen weniger Jahre verließ der überwiegende Teil der deutschen Minderheit Kirgistan.
Von den einst mehr als 100.000 Deutschen blieb nur ein Bruchteil zurück. Heute leben nach neueren Angaben noch rund 10.000 Deutschstämmige in Kirgistan, viele davon im Norden des Landes und im Tschüi-Tal.
Was von den einst blühenden deutschen Dörfern übrig blieb, lässt sich heute besichtigen wie ein stilles Mahnmal: alte Häuser und Gehöfte, Spuren der Kolchosenzeit, deutsch klingende Familiennamen und Erinnerungen an eine Zeit, in der Deutsch in manchen Dörfern zur Alltagssprache gehörte.

Was heute bleibt
Von den rund 5.000 verbliebenen Deutschen im Tschüi-Tal leben etwa 2.000 in Bischkek selbst, rund 1.000 in der näheren Umgebung. Zentraler Interessenvertreter ist seit 1992 der Volksrat der Deutschen der Kirgisischen Republik, hervorgegangen aus der Vereinigung „Wiedergeburt“. Er koordiniert acht Begegnungsstätten im ganzen Land, von Bischkek über Kant, Tokmok, Kara-Balta bis nach Osch und Talas, und organisiert Sprachkurse, kulturelle Projekte und den Austausch mit Deutschland.
Im Mai 2025 wurde in Bischkek, in der Nikitina-Straße 14, ein neues Kyrgyzsch-Deutsches Haus eröffnet, gefördert unter anderem vom Deutschen Fonds für Humanitäre Hilfe. Es soll nicht nur Ort für Deutschunterricht sein, sondern lebendiges Zentrum für ethnokulturelle Initiativen und interkulturellen Dialog. Alle vier Jahre kommt der Volksrat zu einem Kongress zusammen, zuletzt im Oktober 2025, bei dem Vertreter der deutschen Botschaft und des kirgisischen Außenministeriums die Rolle der deutschen Gemeinschaft als Brücke zwischen den Kulturen würdigten.
Und die Dörfer selbst? Rotfront trägt seinen sowjetischen Namen bis heute. Heute leben dort noch elf deutsche Familien. Deutsch ist kaum noch Alltagssprache, doch der alte Name Bergtal ist wieder sichtbar. Eine kleine deutsch-mennonitische Gemeinschaft, ein Gebetshaus und ein Museum erinnern an die Geschichte des Ortes.Die Marschrutka 317 fährt weiterhin dorthin, dreimal, viermal, fünfmal am Tag, vorbei an Iwanowka und der Bahnstation Ak-Sai. Ein Alltagsverkehrsmittel, das unbeabsichtigt eine Route durch die Geschichte der Russlanddeutschen in Zentralasien nachzeichnet.
Das Copyright des Fotos unser Titelseite liegt auch bei Christan Witt.
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