Günter Maschke: eine Hommage an Ernst Jünger, den Anarchen, den Waldgänger, den Ästheten des Schreckens

von Günter Maschke

Günter Maschke: eine Hommage an Ernst Jünger, den Anarchen, den Waldgänger, den Ästheten des Schreckens

Die folgende Rede wurde 1982 anläßlich der Verleihung des Goethe-Preises für Hilmar Hoffmann, einen führenden Kulturfunktionär der Stadt Frankfurt am Main geschrieben, der der Verleihung des Goethe-Preises an Ernst Jünger zugestimmt hatte und sich danach scharfer Kritik aus den Reihen seiner Parteifreunde konfrontiert sah. Die von Anfang an geringe Chance, daß diese Rede auch gehalten würde, konnte nicht genutzt werden. Hätte der damalige Ghost-Writer Günter Maschke sie in eigener Regie gehalten, wäre sie hier und da wohl deutlicher und weniger um Verständnis werbend ausgefallen. Der heutige Leser soll also den Anlaß ebenso bedenken wie den alten Satz Georg Lukacs‘: „Eine Rede ist keine Schreibe.” Erstveröffentlicht wurde diese Hommage an Ernst Jünger aus der Feder von Günter Maschke in der sehr zu empfehlenden Zeitschrift „Etappe – Magazin für drakonisches Denken”.

Günter Maschke (* 15. Januar 1943 in Erfurt; † 7. Februar 2022 in Frankfurt am Main)

Mit der Verleihung des Goethe-Preises an Ernst Jünger ehrt die Stadt Frankfurt am Main den letzten großen Überlebenden aus der Generation von Gottfried Benn und Bertold Brecht, von Alfred Döblin und Hans Henny Jahnn, von Heinrich und Thomas Mann. Das literarische und geistige Leben der Gegenwart ist kaum so fruchtbar, kaum an Talenten so überquellend, als daß man an einem der bedeutendsten Repräsentanten der heroischen Epoche unserer Literatur acht- und respektlos vorbeigehen kann. Dies gilt auch dann, wenn viele der Gedanken Jüngers nicht nachvollziehbar sind oder uns unerträglich scheinen. Wir sollten uns bewußt vor Augen führen, daß der angebliche „Vorläufer des Nationalsozialismus” und „Verherrlicher des Krieges” in dem von uns zweimal angegriffenen Frankreich – beide Male war der Soldat Jünger beteiligt – gelassen als der „plus grand écrivain allemand” unserer Tage bezeichnet wird. „In Stahlgewittern – aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers” erschien 1920, und seither ist Ernst Jünger ein umstrittener, immer wieder zu Polemiken und Kontroversen zwingender Autor.

„Es gibt heute wenig Denker, zu deren Werk man auf Jahre hinaus in einem Verhältnis steht, das zwischen spontaner Zustimmung und entschiedener Ablehnung ununterbrochen wechselt… Wir brauchen Ernst Jünger. Wir sind dahin gelangt, daß ein Irrtum, wenn er begreiflich ist und ehrlich dem Leben abgewonnen, uns eher zu helfen vermag als die Feststellung einer Wahrheit, der die Überzeugungsmacht fehlt” schrieb Eugen Gottlob Winkler. „Der Streit um Ernst Jünger”, so könnte man getrost eine mehrbändige Dokumentation betiteln, und zu diesem Streit gehört ja nun auch der Protest der Grünen und der SPD gegen die Verleihung des Goethe-Preises an Ernst Jünger. Schien in den sechziger Jahren der Autor in ein ungefährliches Pantheon einzuziehen, schien dieser Streit zu Ende zu gehen, so entbrennt er jetzt aufs Neue. Diese nun mehr als ein halbes Jahrhundert währenden Intervalle in der Auseinandersetzung, scheinen mir ein sicheres Indiz für den Rang dieses Mannes zu sein.

Man mag, je nach dem ideologischen Standpunkt, viel gegen Jünger einwenden, – aber es scheint mir unmöglich, seine Bedeutung als Essayist und Tagebuchautor, als Schilderer und Denker der Natur, als Diagnostiker der Kriege, der Bürgerkriege und der industriellen Arbeit zu leugnen. Ob seinen Romanen und Erzählungen eine ähnliche Bedeutung zukommt, mag man bezweifeln. Ein Preis wie der Goethe-Preis kann nur wegen einer geistigen und/oder künstlerischen Leistung verliehen werden. Gerade wenn ein Autor in so hohem Maße umstritten ist, ist der Beweis für die Leistung erbracht. Ein Preisträger, der alle zufriedenstellt, wäre auch einer, dessen Arbeit uns nirgendwo herausfordert – er würde ausgezeichnet wegen seiner allgemein akzeptierten und allgemein langweilenden Erbaulichkeiten. Der Goethe-Preis wäre sinnlos, wäre er die Ehrung einer niemanden aufregenden Durchschnittlichkeit. In einigen Überlegungen mit dem Titel „Autor und Autorschaft” schreibt Jünger 1980: „Mein Urteil soll sich nicht darauf gründen, daß ein Autor anders denkt als ich – sondern darauf, ob er überhaupt denkt und vielleicht besser als ich. Ich muß ihn in sein System rücken. Dieses allerdings kann ich ablehnen. Wiederum schließt das die Hochachtung nicht aus.” Ich glaube, daß diese Worte uns eine Richtschnur sein müssen, und ich bin sicher, daß die Mitglieder der Jury, ob sie nun die zitierte Passage parat hatten oder nicht, ähnlich dachten.

Das geistige Leben in der Bundesrepublik leidet an einer stark ideologisierten, polizistenhaften Haltung. Was einer sagt und denkt wird befragt: woher kommt es? Danach folgt regelmäßig die Frage: wohin kann das führen? Zum Schluß hören wir das schon standardisierte Verdammungsurteil: das ist aber gefährlich! – womit doch wohl behauptet wird, daß ein ungefährlicher Gedanke von Interesse sein könnte. Man hat die Auswahl: Untergang der freien Welt oder imperialistische Sklaverei, tödliche Monotonie der Gleichheit oder Wiederkehr der Raubtiere (sprich „Faschismus”), Workuta oder Auschwitz. Die Frage, woher einer kommt – etwa von Marx (wie der Goethe-Preisträger Lukacs) oder von Nietzsche (wie der Goethe-Preisträger Jünger) – läßt sich natürlich nicht verdrängen und die Frage, zu welchen Konsequenzen ein Denken führen kann (besser wohl: wozu es benutzt werden kann), ist nicht nur erlaubt, sondern auch nützlich. Dennoch muß es einen Raum jenseits solcher Erörterungen geben, den eigentlichen Raum des Denkens und der Diskussion. Und hier gilt die Frage: was ist ihm aufgefallen? Was hat er gesehen? Das A und O ist hier, wie es in der Begründung der Verleihung des Preises an Jünger ganz richtig heißt, in der „Unabhängigkeit der Wahrnehmung”. Entscheidend ist, ob wir etwas über den Menschen erfahren, ob unser Blick für Problemfelder geschärft wird. Was bedeutet der Erste Weltkrieg als erster Maschienenkrieg? Daß er ein Gemetzel war, wissen wir und daß das der Frontoffizier Jünger weiß, ist auch sicher. Doch was zeigt sich in diesen Landschaften aus Feuer und Blut? Und was drückt sich in der modernen industriellen Technik aus, was steht hinter ihr? So fragt Jünger in „Der Arbeiter”. Es gibt einen Bereich der Beobachtung, der Tatsachenfeststellung oder meinetwegen nur Tatsachenbehauptung – und es gibt einen anderen Bereich, wo man versucht, Folgerungen zu ziehen und Handlungsanweisungen zu finden. Beide Bereiche sind oft schwer zu trennen, doch muß dies der Leser, mehr noch als der Autor, immer neu versuchen. Leugnet man, daß es einen solchen neutralen Boden des Erkennens, des Konstatierens, des Feststellens gibt, dann ist man auch unfähig, noch fruchtbare Gespräche über die weltanschaulich-politischen Fronten hinweg zu führen. Solcher Gesprächsboykott wird regelmäßig von allen Parteiungen mit einem Wachstum an Dummheit bezahlt: man kann sich nicht einmal mehr die Argumente des Gegners in die eigene Tasche stecken. Karl Marx etwa kritisierte das sich herausbildende Industriesystem mit den Argumenten konservativer, halbfeudaler Ideologen und er kritisierte deren Verherrlichung der vorindustriellen Zeit mit den Argumenten der vom jungen Kapitalismus begeisterten Theoretiker. Dies nur ein Beispiel. – Wie bei allen wirklich bedeutenden Autoren besitzt auch Jüngers Werk grenzen- und lagerüberschreitende Kraft, und man kann durchaus eine Jüngersche Linke feststellen, etwa Alfred Andersch. Es muß uns auch zu denken geben, daß zwei der engsten, lebenslangen Freunde Jüngers die Fast-Namensvettern Carlo Schmid und Carl Schmitt waren. Carlo Schmid, auch er ein Goethe-Preisträger, einer der Verfassungsväter der zweiten deutschen Republik, und Carl Schmitt, der schneidend-sarkastische Kritiker Weimars, der unerbittliche Enthüller demokratischer, liberaler und pazifistischer Illusionen , – ein Mann, von dem gerade Demokraten viel lernen können, wollen sie sich verteidigen. Diese enge Freundschaft zu zwei so gegensätzlichen Männern, die zudem auf dem gleichen Gebiet, als Denker des Politischen, arbeiteten, beweist ja nicht, daß Jünger ein schlangengewandter Opportunist ist, sondern, daß geistige Menschen völlig verschiedener Couleur unseren Preisträger anregend und ergiebig finden. In den zwanziger Jahren wurde das literarische Leben Berlins polarisiert von Bert Brecht und Ernst Jünger. Aber Brecht verteidigte damals Jünger stets mit dem Ausspruch: „Laßt mir den Jünger in Ruhe!”.

Ernst Jünger (geb. 29. März 1895 in Heidelberg, gest. 17. Februar 1998 in Riedlingen)

Der geistige Rang einer Person eignet sich also nur begrenzt für moralische Erregungen. Ein demokratisches Problem ist er schon garnicht. Um es einmal flapsig zu sagen: Goethe war auch kein Demokrat, allein deshalb, weil er vor allem an der Vervollkommnung der eigenen Person interessiert war. Die Goethe-Preisträger Georg Lukács und Arno Schmidt waren es auch nicht. Georg Lukács war zwar einer der bedeutendsten marxistischen Kritiker des Stalinismus, aber er war auch lange Zeit Stalinist, lange Zeit zumindest dessen Kollaborateur. Seine Distanz zum Stalinismus war wohl immer geringer als die Ernst Jüngers zu den Nationalsozialisten und von Lukács stammt, nachdem es an den Verbrechen des Stalinismus keinen Zweifel mehr geben konnte, der in seinen Implikationen grauenvolle Satz: „Der schlechteste Sozialismus ist immer noch besser als der beste Kapitalismus.” Arno Schmidt jedoch, dessen Brüskierung der Goethe-Preis-Jury noch in frischer Erinnerung ist, hat sich auf eine harmlosere, doch wohl provokativere Weise als Nicht-Demokrat gezeigt: indem er den Vorrang des Ästhetischen über das Moralische, des Künstlerischen über das Soziale proklamierte und den großen Schriftsteller in einer heute dreist anmutenden Weise herausstellte über die vielen (allzuvielen?), die die normale Arbeit in einer Gesellschaft tun. Demokratie ist nur ein Prinzip politischer Organisation – ob aber das demokratische Prinzip für andere Bereiche menschlicher Praxis gelten soll, muß gerade für Demokraten eine Frage sein.

Ernst Jünger: In Stahlgewittern

Im Verlauf seiner mehr als sechzig Schriftstellerjahre erfuhr Ernst Jünger die unterschiedlichsten Einschätzungen. Den Verfasser von Schriften wie „In Stahlgewit­tern”, „Der Kampf als inneres Erlebnis”, „Das Wäldchen 125” sah man als Militaristen an, als Kriegshetzer gar. Der Verfasser von „Der Friede”, 1941 geschrieben und ab 1943 in Abschriften verbreitet, galt als Pazifist. Nach dem Buch „Der Arbeiter” (1932) figurierte Jünger als gewissenloser Technokrat. Mit „Am Sarazenenturm” (1959), mit den zahllosen Essays über Steine, Schmetterlinge, Käferfang, Gartenbau oder mit seinen ins Naturphilosophische gehenden Werken wie „Subtile Jagden” (1967), endlich seiner Mitarbeit an der von seinem verstorbenen Bruder Friedrich Georg gegründeten Zeitschrift „Scheidewege”, galt er als Ökologe. Daß Jünger ein Pionier der grünen Bewegung ist, läßt sich mit außerordentlicher Leichtigkeit beweisen. – Die Harmonie von Mensch und Kosmos ist ein dauerndes Thema Jüngers spätestens ab der Mitte seines Werkes. Ebenso dauernd ist seine Abneigung gegen jede bloß quantifizierende Naturwissenschaft und Naturbeherrschung. Der soldatische Nationalist Jünger, der– wie doch jeder zugeben muß – zurecht gegen den Vertrag von Versailles kämpfte, scheint der Feind des guten Europäers zu sein, der 1941 mit „Der Friede” dem Nationalismus den Abschied gibt und die Versöhnung fordert, damit die Anstrengung und der Heroismus des Krieges, diese „ersten gemeinsamen Werke der Menschheit „, nicht umsonst gewesen sind; damit der Haß sich verwandele in Solidarität. Schließlich gibt es aber auch den „konservativen Anarchisten” wie der Politikwissenschaftler Hans-Peter Schwarz 1962 in einem lesenswerten Buch den Preisträger genannt hat.(H.-P. Schwarz: Der konservative Anarchist. Politik und Zeitkritik Ernst Jüngers) Und dieser Jünger ist es, der uns nicht nur darüber belehrt, wie man sich einer totalitären Macht entzieht durch den „Waldgang”, durch das Unterlaufen, Ausweichen und Sabotieren und wie man so die eigene Souveränität bewahrt, – es ist auch der Jünger, der im engen Kontakt mit Widerständlern wie Ernst Niekisch, Speidel und von Stülpnagel steht und der nach dem 20. Juli 1944 unehrenhaft aus der Armee entlassen wird. Es bestehen wenig Zweifel, daß Jünger damals nur davonkam, weil er bereits zum Mythos der Frontkämpfergeneration des Ersten Weltkriegs geworden war. Dieser„konservative Anarchist” Jünger ist auch derjenige, der ein Organ für Leute aus der Subkultur hat, für Aussteiger und für Hippies, überhaupt für den Abweichler und dessen Bedeutung, ja Notwendigkeit. Die oft verwirrenden, uns auch widersprüchlich scheinenden Seiten Jüngers erklären sich nicht zuletzt aus der Tatsache, daß die Jahrzehnte mit ihren Erfahrungsmassen an den Texten arbeiten und immer neue Facetten aus ihnen herausschleifen. Zugleich aber hat sich Jünger immer wieder gewandelt und sein Interesse auf immer neue Fragen gelenkt. Er ist selbst unter den bedeutenden Autoren des Jahrhunderts einer der ganz wenigen, die sich bis ins hohe Alter entwickeln, eine Eigenschaft, die an Goethe erinnert. Augenfällig belegt dies der 1977 erschienene Roman „Eumeswil”, der zumindest gedanklich über das Gros der deutschen Prosa der siebziger Jahre weit hinausragt.

Jünger war stets ein Sprecher des Zeitgeistes, so hört man oft. In Wirklichkeit aber sprach der Zeitgeist aus ihm, währenddessen er zugleich als unzeitgemäß galt. Die Zeitpunkte seiner Wirkung fielen zusammen mit den Momenten kritischen Bewußtseinszustandes in der deutschen Geschichte. Hans-Peter Schwarz schreibt darüber: „1920 … als der Reichswehrleutnant … sein Kriegstagebuch „In Stahlgewittern” herausbrachte, war er einer der ersten, der das Weltkriegserlebnis des Grabenkämpfers in umfassender Form literarisch gestaltete. „Der Kampf als inneres Erlebnis” (1922) nahm bereits die zeitdiagnostische Vertiefung der Begegnung mit dem Krieg vor. Jüngers prägende Erfahrung – die Materialschlacht an der Westfront – war auch die vieler Angehöriger jener Kriegsgeneration … Ein Avantgardist des eisernen Zeitalters, ein Sprecher aktivistischer Jugend, ein Repräsentant jener Generation, die an die Macht kommen würde – so verstand ihn eine stetig wachsende Schar mitgerissener Leser …

1932, die Krise von Staat und Gesellschaft war in ihr entscheidendes Stadium getreten,keiner wußte, wohin die Fahrt ging; umso lebhafter war das Bedürfnis nach Prognosen. In diesem Moment erschien „Der Arbeiter”. Er wurde die literarische Sensation der Monate Oktober und November 1932 und – so erinnert sich heute noch mancher im Gespräch – für mehr als einen die entscheidende Schrift des Jahres. Hier sprach ein Mann, dessen Aussagen aufgrund der Magie seines Stils Kredit beanspruchten, und er verkündete in einem Ton, der keinerlei Widerspruch gelten ließ, das Ende der bürgerlich-liberalen Ära und den Anbruch der Epoche eines nationalen, sozialistischen und imperialistischen Staates. Die roten Fieberkurven der Zeit und der Existenz des Autors waren in diesen Jahren zur Konvergenz gelangt. 1939 – das Jahr des Kriegsausbruchs und 1942, das der größten Ausdehnung des deutschen Machtbereichs, aber zugleich der schon sich abzeichnenden Katastrophe, brachten wiederum zwei Bücher, die in kurzer Zeit, besonders bei der Wehrmacht, einen großen Leserkreis gewannen: „Auf den Marmorklippen” und das Kriegstagebuch „Gärten und Straßen”. Wieder fand er das Wort der Stunde; doch diesmal für jene, die nach der Möglichkeit eines gerechten, anständigen, heilen Daseins Ausschau hielten. 1945 erschien die 1941 konzipierte Schrift „Der Friede“, 1949 die „Strahlungen”: beide Werke griffen unmittelbar in die Auseinandersetzung um die Haltung der Deutschen zum Dritten Reich und um die Prinzipien zukünftiger Politik ein. Man gewinnt beim nachträglichen Studium den Eindruck, als habe sich für manche die Auseinandersetzung mit ihrem persönlichen Schicksal geradezu in Konfrontation mit der inneren Entwicklung dieses Mannes vollzogen.” – Dieses lange Zitat gibt eine Vorstellung sowohl von der Spannweite wie von der schon erwähnten, immer sich aufs neue herstellenden Aktualität des Jüngerschen Schreibens.

Ernst Jünger, Auf den Marmorklippen

Betrachten wir einige der wichtigsten Schriften Ernst Jüngers und hier besonders des frühen Werkes, dem ein militaristischer Barbarismus, eine abschreckende Blutdurst-Romantik, sogar ein bösartiges Landsknechtstum nicht abzusprechen sind – genauso wie die kritisierte Kriegsverherrlichung nicht leugbar ist. „In göttlichen Funken spritzt Blut durch die Adern, wenn man zum Kampfe klirrt im klaren Bewußtsein eigener Kühnheit. Unterm Sturmschritt verwehen alle Werte der Welt wie herbstliche Blätter. Auf solchen Gipfeln der Persönlichkeit empfindet man Ehrfurcht vor sich selbst … Gewiß wird der Kampf durch seine Sache geheiligt, mehr noch wird eine Sache durch Kampf geheiligt.” Auf diese Art von stählernem Kitsch stößt man im Frühwerk immer wieder, aber er bleibt peripher. Dennoch erschreckt die völlige Gleichgültigkeit gegenüber jeder moralischen Problematik des Krieges. Doch hat diese Gleichgültigkeit zumindest einen Vorteil: durch sie ist – jenseits solcher Hysterien wie der zitierten – der kalte Blick Jüngers erst möglich, der auf der Realität der Materialschlacht ruht, die den Menschen als Menschen und damit auch als Helden zu überwinden droht. – Während andere literarische Chronisten des Ersten Weltkrieges wie Erich Maria Remarque und Ludwig Renn mit Romanen wie „Im Westen nichts Neues“ und „Krieg“ uns, wenn auch erzählerisch und moralisch packend, wenig mehr mitzuteilen haben, als daß der Krieg etwas Furchtbares sei, versucht Jünger, hinter das Gesetz des Maschinenkrieges zu kommen, hinter dessen metaphysischen Sinn und fragt überdies, wie nach einem solchen Krieg sich die europäischen Industriegesellschaften entwickeln werden. In den Materialschlachten an der Somme, in Cambrai, in Flandern wird eine neue Epoche geboren und versinkt die Welt der bürgerlichen Sekurität. Und dabei fing dieser Krieg so romantisch an: „Wir hatten Hörsäle, Schulbänke und Werktische verlassen und waren in den kurzen Ausbildungswochen zu einem großen begeisterten Körper zusammengeschmolzen. Aufgewachsen in einem Zeitalter der Sicherheit, fühlten wir alle die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach der großen Gefahr. Da hatte uns der Krieg gepackt wie ein Rausch. In einem Regen von Blumen waren wir hinausgezogen, in einer trunkenen Stimmung von Rosen und Blut.”

Dieser Anfang ist bekannt: der Krieg wurde in ganz Europa erleichtert begrüßt. Und obgleich dann die gerade von Ernst Jünger geschilderte Wirklichkeit des Krieges aus Schlamm, tagelangem Trommelfeuer und zermürbendem Stellungskampf eintrat, stoßen wir auf jeder Seite auf die uns heute ungeheuerlich klingende Frage: Braucht der Mensch den Krieg? Ist die damalige, bald so schrecklich erfüllte Sehnsucht, ist das Bramarbasieren in der Kneipe Jahre danach nicht zu verstehen als die schärfste, verzweifelste Kritik am Frieden und am Alltag, mit dessen Routine, dessen aus Kanzleipapier geschmiedeten Ketten, dessen lächerlichen und doch so auszehrenden Kämpfen um Einfluß und Prestige, dessen öden Sorgen zwischen Mahnkartei, Stromrechnung und Rechtsanspruch? Man kann weder hier noch später das Denken Jüngers, das oft auch nur ein Denken in heftigen Affekten ist, verstehen, wenn man nicht den Haß auf die Welt der bourgeois-bürokratischen Wirtschaftlichkeit und Nützlichkeit versteht, auf die ängstigende „Verzifferung der Welt”, vor der Jünger zuerst in den Krieg, dann in die Natur, schließlich in die Mystik oder in die stilvolle, oft allzu prätentiöse Isolierung flieht. Man muß das Lebensgefühl eines großen Teils der soldatischen Generation von 1914 bedenken. Wer nicht verzeihen will, sollte zumindest verstehen können.

Der Krieg ist für Jünger ein elementares Ereignis und das Elementare scheint ihm zuletzt doch nicht berührt von der Tatsache der Materialschlacht. Er nimmt eine urtümliche Kampfes- und Tötungslust an und die von ihm geschilderten Soldaten, betäubt vom Donner der Vernichtungsmaschinen, von der „turmhohen, flammenden Feuerwand …, in roten Nebel, in Blutdurst, Wut und Trunkenheit getauft, leben in einer Welt, die, als äußerste Realität, so traumartig wie schockhaft wirkt. Hier wurzelt Jüngers „Ästhetik des Schreckens” (so sein Interpret Karl-Heinz Bohrer im gleichnamigen Buch), mit künstlerischen Effekten, die ihn zum vielleicht einzigen Surrealisten der deutschen Literatur machen. Der gefährliche Augenblick, den der Mensch so somnambul wie schneidend überhell erlebt und den Jünger wie kein anderer erzählte und untersuchte, verleiht diesen in ihrer Weltanschauung oft unerträglichen Werken so hohen künstlerischen Rang, daß sie als seine bedeutendsten angesehen werden müssen. Die Materialschlacht wird metaphysisch überhöht, gilt Jünger als „Äußerung eines Elementaren”, als „prächtiges, blutiges Spiel”, als „Bedürfnis des Blutes nach Fest, Freude und Feierlichkeit” und das Heldentum, schon verloren geglaubt, wird auf neue Weise möglich durch die perfekte Beherrschung der technischen Vernichtungsapparatur. Im Kriege, in der Nähe zum Tod, drückt sich intensiviert das Leben aus, während gleichzeitig der Krieg die Menschen als Material einer großen Idee verzehrt. Der Krieg ist es, der einen Neuen Menschen schafft, eine neue Aristokratie, die des Schützengrabens, die an die Stelle der bürgerlichen Elite und ihrer aufklärerischen Ideale aus der Perückenzeit, ihres pausbäckigen Vertrauens auf Fortschritt, Entwicklung und Humanität treten soll, eine bürgerliche Elite, die sich im Führerpersonal der pazifistisch und spießig gewordenen Arbeiterbewegung fortsetzt. Solche Ästhetisierung des Grauens ist purer Nihilismus, wurzelt aber ganz natürlich im Lebensgefühl einer Generation, die nicht mehr an die idées generales, an Wahrheit und Gerechtigkeit der bürgerlichen Aufklärung und des Sozialismus glauben kann. Nur der Kampf an sich, daß man kämpft und wie man dies tut, verleiht den Rang.

Bevor wir uns darüber empören, sollten wir uns mit dieser Generation befassen, die alle Illusionen verloren hatte, auch die von uns bereits wieder gehegten, um zum Opfer einer neuen und furchtbareren zu werden, der Illusion von der befreienden, reinigenden, stärkenden Gewalt. Von hier aus lassen sich die Linien ziehen zu Georges Sorel und Benito Mussolini, zu Adolf Hitler wie zu Che Guevara und zu Frantz Fanon. Das Opfer, der Kampf, das Leiden, das Standhalten adelt eine Sache – eine solche Haltung aber scheint die letzte Rettung zu sein in einer entzauberten, banalen, durchorganisierten Welt, in der der Hunger nach stärksten Erregungen völlig unausweichlich zunimmt. Daß diese Begeisterung damals viele Männer in Europa erfaßte, zeigt sich an den Werken etwa des Faschisten Pierre Drieu la Rochelle, des Konservativen Henry de Montherlant, des Sozialisten Andre Malraux oder dem mit Franco und Hitler sympathisierenden Wyndham Lewis. Dieses Lebensgefühl findet sich mindestens bis zum Ende des Spanischen Bürgerkrieges, auf der Rechten wie der Linken. Religion, moralische Konvention, Fortschritt, Völkerversöhnung – diese Ideen sind eitle Luftblasen geworden und die Stabilisierung des Ich ist nur noch möglich in der kämpfenden Gruppe, im brüderlichen Aushalten ungeheuerlicher Strapazen, in der konkreten Aktion. Die immer noch verfochtene Ideologie wird demgegenüber peripher. In der Aktion werden die Dinge klar und fordernd, fällt die Entscheidung, endet die zermürbende Diskussion, das quälende Für und Wider, das intellektuelle Geplapper, bei dem sich zu jedem Argument ein ebenso einleuchtendes wie bezweifelbares Gegenargument findet.

Man muß die Verwirrung, die tiefe Ratlosigkeit, das Ausmaß der Desillusionierung der Jüngerschen Generation sozusagen kulturhistorisch verstehen: „Casca il mondo! Die Welt zerbricht!” Dann kam der Tod mit der Maschine, in die die europäische Gesellschaft ganz andere Hoffnungen gesetzt hatte, eine Gesellschaft, in der man vom Monarchen bis zum letzten Arbeitslosen geglaubt hatte, allmählich käme die Menschheit doch voran. So gesehen war der Erste Weltkrieg ein viel bedeutenderes Ereignis als der Zweite, der nur noch eine vergrößerte und vergröberte Kopie war. Jenseits aller uns unheimlichen Ideologie hat Jünger damals am lakonischsten, quasi als Kaltnadelradierer, diese Erschütterungen, in denen viele nur durch eine soldatische Existenz Halt fanden, aufgezeichnet. Er war einer der wenigen, die dazu den Mut fanden; vorherrschend war, nach allgemeiner Begeisterung, ein konfuser pazifistischer Wortschwall. Man könnte hier auf die rein künstlerische Ebene ausweichen und das bis auf wenige Entgleisungen hohe stilistische Niveau dieser Texte loben. Doch entscheidend sind zwei Dinge. Erstens werden wir hier an Abgründe der menschlichen Seele geführt (es macht nichts aus, daß Jünger dies fast begeistert tut), die wir, gerade wenn wir den Frieden wollen, nicht leugnen dürfen. Diese These, daß es ein Bedürfnis nach kriegerischer Aktion gibt und daß dies Bedürfnis sich nicht erklären läßt als das Ergebnis von Rüstungsinteressen und Manipulation – diese These ist doch nicht der Empörung, sondern der Prüfung wert. So werfen für die meisten von uns Jüngers frühe Schriften die Frage auf, ob es um die menschliche Verfassung nicht noch schlimmer steht, als es der vor dem Krieg sich entsetzende Liebhaber des Friedens glaubt. Zweitens gelingt es Jünger im Schrecken des ersten industriellen Krieges die Strukturen und die Triebkräfte der „friedlichen” Industriegesellschaft zu entdecken. Auch hier ändert die Bejahung der Sache durch ihn nichts an der die Phänomene aufschließenden Kraft von Arbeiten wie etwa dem kurzen Essay von 1930 „Die totale Mobilmachung”. Freilich steht zwischen den frühen Kriegsschriften, der „Totalen Mobilmachung” und dem „Arbeiter” ein Buch wie „Das abenteuerliche Herz” (1929), in dem Jünger sein die Natur, die Gesellschaft und den Alltag notierendes, spaziergängerhaftes Denken der späten Tagebücher und Essays vorwegnimmt. Das Warten auf dem Postamt, das Einkaufen, das Betrachten von Tieren und Pflanzen, Träume, die beklemmenden Schilderungen von Foltermaschinen, wie wir sie so nur von Kafka kennen – was diese Sammlung auszeichnet, ist nicht nur die Gewißheit vom symbolischen Charakter aller Erscheinungen, sondern auch der Wille, noch die flüchtigste Realität mittels der Hör-, Tast-, Riech- und Geschmackssinne wieder zu gewinnen. Vielleicht ist dies in der deutschen Literatur unseres Jahrhunderts nur Walter Benjamin ähnlich gelungen. Ein solches ästhetisches Verhalten, in dem das Bewußtseins- und Wahrnehmungsfragment blitzartig zum Spiegel der Epoche wird, ist nur in Zeiten möglich, in denen der Boden schwankt, in denen, wie es Jacob Burckhardt 1876 einmal, mehr aufs Politische bezogen, formulierte, „alle Sicherheit ein Ende findet.” – Jünger hat oft von sich gesagt: „Nach dem Erdbeben schlägt man auf die Seismographen”. Und wenn in diesem Wort für viele die Absicht, das eigene Werk zu verharmlosen, mitschwingt, so wird es doch zum größeren Teil der Lage gerecht. Alle diejenigen, die mithalfen, die Illusionen des Fortschritts-optimismus am Anfang unseres Jahrhunderts zu zerstören, konnten dies nicht ohne Sarkasmus, nicht selten gar mit bösartiger Schadenfreude tun. Mit einer wahrhaft unermüdlichen Empörung wurde von den Gegnern einer Verleihung des Goethe-Preises an Ernst Jünger dessen „Totale Mobilmachung” genannt. Doch die Tatsache, daß Adolf Hitler diesen Begriff gern benutzte (weshalb ihn Jünger während des Dritten Reiches vermied) und daß Jünger der deutschen Niederlage 1918 nicht nur nachtrauerte, sondern auf eine Revanche hoffte, ist wohl kein Grund, den diagnostischen Wert dieses Essays zu leugnen. Er stellt dar, daß ständisch oder feudal strukturierte Staaten wie die Türkei oder Rußland dem Krieg kaum gewachsen waren und daß auch Deutschland, bis zum Kriegsende starke traditionale Strukturen aufweisend, auch deshalb die Partie verlor. Den Krieg gewannen Staaten, die eine großstädtisch-technisierte Führungsschicht besaßen und denen – auf der Basis staatsbürgerlicher Gleichheit – die völlige Ausschöpfung aller Material- und Menschenreserven gelang. Deutschland gelang nur eine partielle Mobilmachung und es besaß nicht einmal eine einheitliche Ideologie. Fortan mußten alle entwickelten Staaten, wollten sie sich in der Welt halten, ihre gesamte Ökonomie und Technik auf die Möglichkeit eines totalen Krieges ausrichten. Sie würden sich auch, um die ideologische Einheit der Nation, um die Manipulierung einer den Machtzielen günstigen öffentlichen Meinung kümmern müssen. Selten sind die Tendenz der Maschine zum Krieg und die Zukunft der Propaganda so scharf gesehen worden. In Panzern, Kanonen, U-Booten, Flugzeugen und Maschinengewehren sah Jünger die eigentlich vollkommenen Maschinen. Und wie schon Nietzsche war ihm klar, daß Technik und Wissenschaft die Weltzerstörung „wollen”, wobei er noch glaubte, daß die Technik neue Möglichkeiten des Heroismus und damit des Menschentums eröffnete. Doch nur weil er in den Maschinen den von ihm damals bejahten Willen zur Zerstörung sah, konnte er später zu einer derart überzeugenden Kritik des technischen Zeitalters ansetzen. Dabei wurde der Gegensatz von „links” und „rechts” für Jünger schon damals irrelevant. Er wurde seiner Überzeugung nach überholt von der die Welt verziffernden Bürokratie und Technokratie, die sich, sozusagen abwechselnd, der Vokabeln „links” und „rechts” und der entsprechenden Kämpfe zwischen den Lagern bediente, um den Einzelnen zur Anpassung zu zwingen. Der Kampf zwischen den Lagern war nur das Drehen an dieser Schraube …

Die Unentrinnbarkeit dieser Welt sah Jünger wohl ähnlich wie Max Weber, der freilich allzu rasch zum Glauben bereit war, man könne ihr „menschlich gewachsen sein”. In „Die totale Mobilmachung” schrieb Jünger: „Die Abstraktheit, also auch die Grausamkeit aller menschlichen Verhältnisse nimmt ununterbrochen zu. Der Patriotismus wird durch einen neuen, stark mit Bewußtseinselementen durchsetzten Nationalismus abgelöst. Im Faschismus, im Bolschewismus, im Amerikanismus, im Zionismus, in den Bewegungen der farbigen Völker setzt der Fortschritt zu Vorstößen an, die man bisher für undenkbar gehalten hätte; er überschlägt sich gleichsam, um nach einem Zirkel der künstlichen Dialektik seine Bewegung auf einer sehr einfachen Ebene fortzusetzen. Er beginnt sich die Völker zu unterstellen in Formeln, die von denen eines absoluten Regimes bereits wenig mehr unterschieden sind, wenn man von dem weit geringeren Maße an Freiheit und Gemütlichkeit absehen will. An vielen Stellen ist die humanitäre Maske bereits abgetragen, dafür tritt ein halb grotesker, halb barbarischer Fetischismus der Maschine, ein naiver Kultus der Technik hervor, – gerade an Orten, an denen man kein unmittelbares, kein produktives Verhältnis zu den dynamischen Energien besitzt, von deren zerstörender Siegessucht die Fernfeuergeschütze und die mit Bomben bewaffneten Kampfgeschwader nur der kriegerische Ausdruck sind. Gleichzeitig nimmt die Schätzung der Massen zu; das Maß an Zustimmung, das Maß an Öffentlichkeit wird zum entscheidenden Faktor der Idee. Insbesondere sind Sozialismus und Nationalismus die beiden großen Mühlsteine, zwischen denen der Fortschritt die Reste der alten Welt und endlich sich selbst zermalmt. Durch einen über hundertjährigen Zeitraum hindurch spielten sich „Rechte” und „Linke” die durch die optische Täuschung des Wahlrechts geblendeten Massen wie Fangbälle zu; immer schien bei dem einen Gegner noch eine Zuflucht vor den Ansprüchen des anderen zu sein. Heute enthüllt sich in allen Ländern immer eindeutiger die Tatsache ihrer Identität, und selbst der Traum der Freiheit schwindet wie unter den eisernen Griffen einer Zange dahin. Es ist ein großartiges und furchtbares Schauspiel, die Bewegungen der immer gleichförmiger gebildeten Massen zu sehen, denen der Weltgeist seine Fangnetze stellt. Jede dieser Bewegungen trägt zu einer schärferen und unbarmherzigeren Erfassung bei; und es wirken hier Arten des Zwanges, die stärker als die Folter sind: so stark, daß der Mensch sie mit Jubel begrüßt. Hinter jedem Ausweg, der mit den Symbolen des Glücks gezeichnet ist, lauern der Schmerz und der Tod. Wohl dem, der diese Räume gerüstet betritt.”

„Die totale Mobilmachung”: das war auch die Nachricht von der Beerdigung des Individuums, eine Entwicklung, die Jünger völlig unaufhaltsam schien, die er deshalb mit heroischem Pessimismus bejahte. Näher ausgeführt ist das Thema in „Der Arbeiter”. Die Welt ist in die Zeit der „großen Raumgestaltung” eingetreten, wo die Rationalisierung der Arbeitsleistung perfekt wird; die technischen Mittel determinieren den Menschen sozial, psychisch und physisch immer mehr. Unterm Diktat der Technik ähneln sich Krieg und Industriearbeit immer stärker an. Der Soldat wird Vernichtungstechniker, der „zivile” Techniker agiert in der Planlandschaft des neuen totalen Staates als Soldat der Produktion: „Aufgabe der totalen Mobilmachung ist die Verwandlung des Lebens in Energie, wie sie sich in Wirtschaft, Technik und Verkehr im Schwirren der Räder oder auf dem Schlachtfeld als Feuer und Bewegung offenbart.” Sausen, Blitzen, Brausen, Fliegen, Schwirren, Donnern – wir finden eine Häufung solcher Wörter in Jüngers Buch, in dem eine Faszination durch die Technik deutlich wird wie sie sich etwa in der gleichzeitigen Neuen Sachlichkeit zeigt. Und doch wird das Ausgeliefertsein an den technischen Apparat überdeutlich, wenn es auch von Jünger als zu bejahendes Schicksal begrüßt wird. Der Mythos des Arbeiters, der der Mythos einer disziplinierten Plan- und Industriegesellschaft ist, eine Art Bolschewismus unter nationalistischen Vorzeichen, dieser Mythos ist für Jünger verbunden mit einem autoritären System, das die Ineffizienz und Gemütlichkeit des liberalen Zeitalters abschafft. Die von ihm später gezeichneten Figuren des Waldgängers und des Anarchen, beide Feinde der Technik, sind auf den „ Arbeiter” bezogen. Jünger ist ein Mann der Extreme und er sieht die Phänomene von innen her. Darin liegt die Verführbarkeit dieses Denkens, darin aber auch seine Stärke: die die Phänomene vergrößernde Übertreibung arbeitet deren Tendenz heraus. Und auch für „Der Arbeiter” gilt die Erklärung: „Unsere Aufgabe …besteht im Sehen, nicht aber in der Werbung.”

1933-1945. Es ist kein Zweifel, daß Jünger die Weimarer Republik nicht liebte und daß er auf ein anderes System hoffte. Doch wer verteidigte sie in ihrer Endphase noch, wer liebte sie gar? Mit ihren Arbeitslosen, ihrer heute kaum vorstellbaren Verzweiflung, ihrer weitgehenden Hinnahme des Versailler Vertrages, der zurecht als unerträgliches Diktat angesehen wurde, mit ihrer nationalen (Selbst-) Demütigung? Und: um Jünger zu verstehen, muß man mindestens die These für diskutabel halten, daß ab 1930, nach dem Rücktritt der Regierung Hermann Müller, die Frage nicht mehr lautete: Demokratie oder Diktatur? – sondern nur noch: welche und wessen Diktatur? Es ist eine einfache Tatsache, daß große Teile der Bevölkerung, bis in die Wählerschaft der demokratischen Parteien hinein, keine Demokraten waren, und daß, falls sie es werden wollten, ihnen dies durch die Entwicklung Weimars nicht erleichtert wurde. The proof of the pudding is in the eating. Demokratie ist etwas, das schwer zu machen ist und wir dürfen nicht vergessen, daß Reinhold Maier und Theodor Heuß für die Ermächtigungsgesetze stimmten – während Ernst Jünger und Carl Schmitt diese Gelegenheit nicht hatten …

Sicherlich bestand eine gewisse Nähe Jüngers zum Nationalsozialismus. Aber diese Nähe war damals so normal wie begreiflich. Man denke nur an einen Ernst Niekisch, dessen heute gelobter Widerstand vor allem in der Meinung wurzelte, Hitler sei nicht radikal genug, sei eine Marionette des „Westens”. Diese Nähe ist auch nicht per se disqualifizierend, wie die Männer des 20. Juli beweisen, die zu Demokraten umzuschminken eine Unmöglichkeit ist und die jenen Widerstand leisteten, an denen es die überzeugten Demokraten in aller Regel fehlen ließen. Im Dritten Reich selber hat sich Jünger völlig untadelig benommen. Er verweigerte die Aufnahme in die Preußische Akademie der Dichtung, er verbietet nationalsozialistischen Zeitungen den Abdruck seiner Werke, er lehnt sofort ein ihm von der NSDAP angebotenes Reichstagsmandat ab, er schreibt „Auf den Marmorklippen“, ein Werk, das von vielen als tollkühne Attacke auf das Hitler-Regime gelesen wurde, er zeigt eine seltene Solidarität mit Verfolgten (z.B. mit Niekisch), er pflegt enge und freundschaftliche Kontakte zu Speidel und von Stülpnagel, er vertraut seinem Tagebuch Kommentare über die Lage an, die mehr als gefährlich waren, bedenkt man, daß Hausdurchsuchungen der Gestapo bei ihm nicht zu den Raritäten zählten. Die Entlassung aus der Armee nach dem 20. Juli 1944 wurde schon erwähnt. Wer in den „Strahlungen“ die Passagen über Hitler und Goebbels liest, kann diesen Mann unmöglich für einen Freund der Nationalsozialisten halten. „Gärten und Straße”, 1942 erschienen, wurde indiziert, weil Jünger am 29.3.1940 notiert: „Dann zog ich mich an und las am offenen Fenster den 73. Psalm.”

Die Widerstandsmöglichkeiten eines Hauptmanns, der zudem so klug war, in Hitler den Mann des Schicksals zu sehen, waren bescheiden. Jünger kam gar nicht in die Lage, das zentrale Problem zu lösen: „Wie komme ich mit der Bombe in den Sperrkreis 1?” – Man hat ihm anhand seiner Schriften „Der Arbeiter” und „Die totale Mobilmachung” vorgeworfen, er verfechte die Ideologie des totalen Staates und man hat dann, auch in dem Protestpapier der Grünen, eine Linie Jünger-Hitler konstruiert. Der „totale Staat” jedoch, den Jünger zeitweise wollte, war das Gegen-Konzept zu Hitler. Er meinte die Diktatur der Reichswehr gegen die negative Kombination NSDAP/KPD, wie sie etwa dem 1934 von den Nationalsozialisten ermordeten ehemaligen Reichskanzler Kurt von Schleicher in seiner Idee einer „Querfront“, die die Gewerkschaften einschloß, vorschwebte. Gerade die NSDAP wollte keinen „totalen Staat“ – sie wollte die freiwillige Volksgemeinschaft, weil der totale Staat sowohl den Zwang, dessen es zwischen den glücklichen Volksgenossen jetzt angeblich nicht mehr bedurfte, ebenso ausdrückte wie den Rechtscharakter der angestrebten politischen Form. Die Polemik gegen den „totalen Staat” ist fast das einheitsstiftende Kennzeichen aller nationalsozialistischen Theorien. Ebenso unsinnig ist es, Jünger einen Vorwurf daraus zu machen, daß er die Tendenz zu einer „mathematischen, wissenschaftlichen Charakterologie“ feststellt, etwa „auf einer Rassenforschung, die sich bis auf die Zählung der Blutkörperchen” erstreckt. Gerade seine Folgerung, daß „erst mit dem Eintreten dieser Erscheinungen … Staatskunst und Herrschaft in größtem Stile, d.h. Weltherrschaft möglich sein” wird, ist vollkommen plausibel; ebenso, daß Jünger auch hier die „Verzifferung der Welt” feststellt. Und wenn er 1920 schreibt: „Die Gliederung aller Deutschen in das große Hundert-Millionen-Volk der Zukunft, das ist das Ziel, für das es sich wohl zu sterben und jeden Widerstand niederzuschlagen lohnt”, so sind dies die Worte eines enttäuschten Nationalisten, dessen Sehnsucht sogar noch heute verständlich ist…

Unbestreitbar sind einige antisemitische Äußerungen Jüngers. Aber vor 1933 waren solche Stellungnahmen weit verbreitet und galten den Juden als Repräsentanten der Moderne und der Abstraktion, als Befürwortern des bankrotten Weimarer Systems, als Organisatoren einer dekadenten Kulturindustrie. Man muß stets den Kontext solcher Äußerungen beachten, man muß unterscheiden, ob sie etwas wollen oder ob sie nur etwas konstatieren und man muß endlich einem Mann, der nicht nur einige bedeutende Bücher schrieb, sondern der unzählige Male Mut, Zivilcourage und Ritterlichkeit bewies, dies und jenes nachsehen. Man kann auch von einem Mann, der noch in der militärischen Tradition des Kaiserreiches aufwuchs, nicht erwarten, daß er begeisterter Liberal-Demokrat wird. Zudem muß ja die Kritik an der Demokratie nicht falsch sein, dafür finden sich in der politischen Soziologie genügend Belege, man denke nur an Michels, Pareto, Sorel, Mosca, Ostrogorski, selbst an Schumpeter.

In dem hier gesteckten Rahmen kann auf zahlreiche Schriften nicht eingegangen werden, etwa auf die großartige Studie „An der Zeitmauer“ (1959), in der Jünger die Gründe für die Faszination der Astrologie erhellt, oder auf den Essay „Der gordische Knoten“ (1953), in dem er den historischen Wurzeln des Ost-West-Konfliktes nachspürt. Auch seine Tätigkeit als Herausgeber der Zeitschrift „Antaios“ (gemeinsam mit Mircea Eliade), auch sein erzählerisches Werk, auch die späten Reisetagebücher „Siebzig verweht“ muß man hier übergehen. „Wo man hingreift, da ist es interessant“, sagte Goethe über das Leben. Dies ist auch eine Maxime Jüngers, dessen Universalität der Interessen ebenso an Goethe erinnert wie seine Begabung für das Abenteuer des Erstaunens. Sicherlich sind nicht alle Schriften des Preisträgers gelungen, und es versteht sich, daß vielen von uns seine Botschaft nicht oder wenigstens nicht immer gefällt. Doch was besagt das gegenüber dem Werk eines großen Grenzgängers zwischen Dichtung, Betrachtung und Wissenschaft, eines Mannes, mit dem sich die Auseinandersetzung stets lohnt – wenn auch nicht auf die abgeschmackte Weise der Protestierer gegen die Preisverleihung? Mit dem „Waldgänger” in „Der Waldgang” (1951) und mit dem „Anarchen” in „Eumeswil” (1977) hat uns Jünger zwei Typen des Widerstandes gegen Herrschaft skizziert. Gewiß: der abwartende, sich bereithaltende, ab und an zuschlagende Waldgänger, dessen Kampfmittel vor allem Sabotage und Verweigerung sind, ist keiner, der dem Machthaber ins offene Messer läuft. Doch das ist wohl kaum der Sinn des Widerstandes. Es ist uns hier aber entscheidende Anregung gegeben, wie ein totalitäres System vielleicht doch zum Rückzug gezwungen werden kann. Manche Sätze in dieser Arbeit wirken wie eine Illustration zu den heutigen Vorgängen in Polen und Jüngers Quintessenz lautet denn auch: „Wo sich ein Volk zum Waldgang rüstet, muß es zur furchtbaren Macht werden.“ Der Waldgang ist nicht weniger und nicht mehr als eine Theorie über die Erosion des Herrschaftsapparates durch die nicht mehr berechenbaren Reaktionen vieler entschlossener Einzelner. Demgegenüber ist der „Anarch” (der nicht, wie der Anarchist, die Herrschaft abschaffen will, weil die jeweils bekämpfte nur durch eine andere ersetzt würde) eine hoffnungsärmere Gestalt. Der Anarch sieht die Aussichtslosigkeit seines Widerstandes ein und kümmert sich nur um die Bewegungs- und Denkfreiheit seiner eigenen Person. Er kämpft ganz egoistisch um seine Freiheit: gegen die Eltern, gegen die „Gesellschaft“, gegen die öffentliche Meinung, gegen die „Ideen”, gegen die eigene Bequemlichkeit. Dies sind zwei Modelle der Freiheit, die bei der Erörterung des großen Themas fast stets zu kurz kommen. Man mag diesen Denkansätzen vorwerfen, daß sie sich zu stark auf die Flucht, aufs Ausweichen, aufs Überleben konzentrieren. Hier findet kein frisch-fröhlicher Angriffskrieg gegen die ganz große und die ganz echte Freiheit statt, aber „Mangel an Optimismus” ist nach den Erfahrungen der Epoche kaum ein Vorwurf. Vielleicht ist heute, gerade in Gesellschaften, in denen die Beherrschung der Menschen eher mit psychischen und intellektuellen Mitteln als denen klassischer Gewaltanwendung organisiert wird, die individuell-bewußtseinsmäßige Widerstandsfähigkeit des Einzelnen nötiger als die von sozialen Gruppen, die meist nur teilhaben wollen an der subtilen Unterdrückung, die um ihre legale Quote am Machtbesitz kämpfen. Weil Jünger in seinen Anfängen die Bedrohtheit der individuellen Freiheit radikal erfaßte, konnte der späte Jünger auch zum Partisan dieser Freiheit werden. Es ist unmöglich, in ihm einen Agenten organisierter Unfreiheit zu sehen; den frühen können wir noch heute als Diagnostiker lesen, selbst wenn wir seine Konsequenzen ablehnen – die Ratschläge des späten mögen uns nützen. In einer Schrift wie „Der Friede” – Rommel würdigte sie als die ethische Grundlage des Widerstandes – zeigt Jünger ein deutliches Abrücken von seinem früheren Militarismus und nennt die „frevelhaften Morde” in den Konzentrationslagern sehr deutlich beim Namen. Die großen Anstrengungen des Krieges, mit ihren Opfern und ihrem Heldentum, sie sind für ihn „die Saat”, aus der die Frucht sprießen soll: der Friede. „Man darf wohl sagen, daß dieser Krieg das erste allgemeine Werk der Menschheit gewesen ist. Der Frieden, der ihn beendet, muß das zweite sein.” Vielleicht konnte nur ein alter Soldat wie Jünger am 24.6.1979 vor den früheren deutschen und französischen Kämpfern in Verdun sagen: „Sollten wir, nunmehr planetarisch, nicht gleich dort beginnen, wohin uns so viele Umwege so vieler Opfer geführt haben?”

Wie facettenreich, komplex und auch widersprüchlich das Werk dieses intellektuellen Abenteurers und Spurenlesers ist, beweist jede neue Lektüre. Kein Zweifel ist erlaubt, daß hier ein bedeutendes und Dauer besitzendes Werk vorliegt; von einem Mann, der viele Grenzgänge machte, der die Macht feierte und der ihr widerstand, der die Stimme des Blutes pries und wohl deshalb die Geste der Brüderlichkeit wieder entdeckte, die Geste, die so einfach ist und so schwer; von einem Mann, der oft Seismograph war und oft Gewittervogel; von einem Mann schließlich, in dessen Werk sich die Spannung, die Qual, die das Herz der den Einzelnen zerreißenden Konflikte der Epoche abbilden. Ernst Jünger ist ein würdiger Preisträger.

Der Artikel von Günter Maschke erschien zuerst in: „Fünfte Etappe“, Mai 1990. Wir danken dem Herausgeber Dr. Theo Homann für die Veröffentlichungsgenehmigung. Einzelexemplare können hier bestellt werden.

Ein Kommentar zu “Günter Maschke: eine Hommage an Ernst Jünger, den Anarchen, den Waldgänger, den Ästheten des Schreckens

  1. Danke für diese wundervolle, großartige Rede meines lieben Freundes, die leider nie gehalten wurde, soviel Mut hatte Hilmar Hoffmann dann doch nicht.
    Ich habe noch erlebt, wie Ernst Jünger nach der Preisverleihung aus der Paulskirche trat, jeder Zoll ein Herr und Offizier, meine Bewunderung war grenzenlos. Es war übrigens die Zeit, als ich – auf dem Weg von links nach rechts – zur Wir Selbst stieß. Ich habe es nicht bereut, auch wenn man sich als ehemaliger radikaler Linker, der laut Götz Kubitschek durchaus „hart drauf“ war, natürlich auch eine andere Rechte gewünscht hat und immer noch wünscht. Aber Jünger hat uns auch einige nützliche Ratschläge gegeben, wie man sich der totalitären Macht entzieht: durch den „Waldgang“, durch Unterlaufen, Ausweichen, Sabotieren und dem Bewahren der eigenen Souveränität. Und Maschkino meinte „Auch wenn es fast keinen Zweck hat, es bleibt uns nicht anderes übrig, als immer wieder das Richtige zu sagen. Immer wieder!“ und „Die Garde stirbt, aber sie ergibt sich nicht!“

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