Der flüchtige Charme des Linksnationalismus

von Winfried Knörzer

Der flüchtige Charme des Linksnationalismus

Der Linksnationalismus vereint Elemente und Denkansätze politischer Richtungen, die gemeinhin als gegensätzlich und inkompatibel erachtet werden. Diese complexio oppositorum verleiht ihm einen hohen geistigen Reiz, der ihn insbesondere für nonkonforme, unkonventionelle Intellektuelle anziehend macht. Ein derartiges Mischwesen wird in der Kunstgeschichte als Chimäre bezeichnet, ein Ausdruck, der in der Alltagssprache nicht zu Unrecht für Gebilde verwendet wird, die den Charakter des Unwirklichen aufweisen. Das Schicksal dieser Fabelwesen ist, daß sie sich, wenn sie durch irgendeinen Zauber sich materialisieren und in der Realität erscheinen, binnen kurzem in Luft auflösen.

Ich will hier nicht abstrakte Deduktionen entwickeln, auch nicht abstreiten, daß eventuell doch anderes möglich sein könnte, sondern nur das analysieren, was sich tatsächlich ereignet hat. Solange man sich im Elfenbeinturm der Theorie aufhält, kann vieles gedacht und geschrieben werden; nur in der politischen Wirklichkeit zeigt sich, welchen Wert eine politische Position besitzt. Man muß von der Tatsache ausgehen, daß links-nationalistische Gruppierungen immer eine kleine Minderheit gewesen sind. Sobald sie sich nicht mehr damit zufriedengaben, irgendwelche Abhandlungen und Traktate zu schreiben, sondern politisch handeln wollten, ereignete sich regelmäßig folgender Vorgang: Im Augenblick der Prüfung wird der Linksnationalismus in ein Scheidewasser getaucht, und die ursprüngliche, aber immer fragile Einheit löst sich auf. Die Bruchstücke des Linksnationalismus werden dann durch die Masse eines größeren Objekts angezogen und gehen in ihm auf. Der Linksnationalismus, zwar hell und glänzend wie ein Komet, erweist sich als zu klein, um selbständig seine Bahn zu ziehen, irgendwann gerät er ins Schwerefeld eines Planeten, taucht in seine Atmosphäre ein und verglüht. Ist die Linke stark genug und ist sie zu einem bestimmten Zeitpunkt, aus welchen Gründen auch immer, in gewisser Hinsicht national orientiert, wird diese den Linksnationalismus anziehen; der historisch häufigere Fall ist freilich der, daß der Linksnationalismus in den Bannkreis der Rechten gerät.1)

Was die erste Möglichkeit betrifft, so möchte ich nur auf den sogenannten Scheringer-Kurs der KPD verweisen. Die KPD war selbst nie wirklich national eingestellt, ihr fehlten hierzu alle Voraussetzungen; ausgestattet mit einem ideologisch wenig originellen und von den Persönlichkeiten her der Souveränität entbehrenden Führungskader, horchte sie stets, wie ein treuer Hund, auf die Stimme ihres Herrn, der KPdSU. Sie spielte die nationalistische Karte allein aus taktischen Gründen aus. Zum einen wollte sie dadurch Verwirrung ins Lager der Gegner tragen, einen Keil in die „konterrevolutionäre Front“ treiben. Zum anderen hatte sich gezeigt, daß sie mit ihren eigenen Kräften, nämlich Teilen der Arbeiterklasse, den großen Umsturz nicht bewerkstelligen konnte. Deshalb suchte sie neue Bündnispartner, teils zur Vergrößerung der Massenbasis, was vor allem ihre Agitation in bäuerlichen (Landvolkbewegung um 1930) und kleinbürgerlichen Kreisen betrifft, teils um wichtige Spezialisten („bürgerliche“ Theoretiker für die Propaganda, Offiziere für den Ausbau der militärischen Organisation) zu rekrutieren. Linke Nationalisten wie Richard Scheringer, Bodo Uhse, Bruno von Salomon, Beppo Römer, die zu der Überzeugung gelangt waren, daß das Bürgertum nicht zur nationalen Rettung beitragen könne, gerieten in den Bannkreis der KPD. Sobald sie sich aber dieser Partei anschlossen, waren sie der Parteilinie unterworfen und die Stimme ihres Nationalismus verhallte, als der Wind wieder drehte und die schwarz-weiß-roten Fahnen in der Dachkammer verstaut worden waren, ungehört in den Büros des Parteiapparates.

Die andere, historisch häufigere Möglichkeit, wird paradigmatisch vom frühen Faschismus verkörpert. Mussolini war vor Beginn des 1. Weltkrieges in der Sozialistischen Partei Italiens der führende Kopf des radikalen, revolutionären Flügels. Schon bald nach Kriegsausbruch befürwortete er einen Kriegseintritt Italiens auf Seiten der Entente. Italien verhielt sich zu diesem Zeitpunkt neutral, obwohl es nominell mit den Mittelmächten verbunden war. Mussolinis Kriegsenthusiasmus speiste sich noch gar nicht aus eigentlich nationalistischen Motiven, sondern entstammte einer durchaus linken Strategie. Zum einen waren ihm die „reaktionären“ Mittelmächte zuwider, zum anderen aber erhoffte er vor allem, daß durch die kriegsbedingte Verschärfung der innenpolitischen Konstellation sich eine günstige Ausgangslage für den Ausbruch einer Revolution ergeben könnte. Durch seine bellizistische Propa-ganda entfremdete er sich freilich von der pazifistisch orientierten Partei und wurde schließlich ausgeschlossen. Mit einer Gruppe von Gleichgesinnten, den sogenannten Linksinterventionisten, gründete er, mit seiner Zeitschrift „Popolo d’ Italia“ als Zentrum, eine eigene politische Bewegung. Im Laufe der Zeit gewann er noch einige neue Bundesgenossen, die Futuristen (eine zahlenmäßig kleine, aber lautstarke und einflußreiche Gruppe moderner Künstler) und Angehörige von Elitetruppen (die „Arditi“, mentalitätsmäßig und physiognomisch den deutschen Freikorps vergleichbar), mit denen zusammen er im März 1919 den ersten „Fascio“ aus der Taufe hob. Dieser frühe Faschismus wäre – unter dem Stichwort Politsekten und Splitterparteien – als Fußnote in der italienischen Geschichte abgehakt worden, wenn es nicht zu kommunistischen Unruhen gekommen wäre. Um der drohenden kommunistischen Machtergreifung entgegenzutreten, bildeten sich, völlig unabhängig von der Mailänder Zentrale, vor allem auf dem Land lokale fasces,konterrevolutionäre Schutzbünde, die von den Großgrundbesitzern und örtlichen Honoratioren unterstützt und finanziert wurden. Um hier nicht völlig die Kontrolle zu verlieren und in der Bedeutungslosigkeit zu versinken, sprang Mussolini auf den fahrenden Zug auf, was aber bedeutete, daß er sich einer, von einem völlig anderen Menschenschlag getragenen und von völlig anderen Voraussetzungen ausgehenden Bewegung anpassen mußte. Binnen zweier Jahre hatte sich dadurch der Faschismus völlig gewandelt: aus einer revolutionären, antibürgerlichen, gemäßigt sozialistischen, linksnationalistischen Bewegung war eine konterrevolutionäre, das Bürgertum unterstützende, rechtsnationalistische Partei geworden. Eine ähnliche Entwicklung wie Mussolini machte in Deutschland Ernst Niekisch durch. Beide trafen sich übrigens Mitte der dreißiger Jahre, wobei sie in ihrem Gespräch auch die gemeinsame marxistische Vergangenheit würdigten. Mussolini sagte zu Niekisch: „Nicht wahr, man muß durch die Schule des Marxismus gegangen sein, um ein wahres Verständnis für die politischen Realitäten zu besitzen. Wer die Schule des historischen Materialismus nicht durchschritten hat, bleibt immer nur ein Ideologe.“2) Niekisch hatte in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre – er war zu diesem Zeitpunkt noch sozialdemokratischer Funktionär – eine unorthodoxe, linksnationalistische Konzeption aufgestellt. Die Knechtung Deutschlands durch die bürgerlichen Siegermächte in Gestalt des Versailler Vertrages beeinträchtige unmittelbar die Lebenschancen der deutschen Arbeiterschaft. Das Bürgertum erweise sich als unfähig oder unwillig, gegen diesen Zustand anzukämpfen. Deswegen zog er die Konsequenz, daß der soziale Kampf der Arbeiterklasse mit dem nationalen Befreiungskampf Hand in Hand gehen müsse. Verständlicherweise stieß er mit diesen Vorstellungen in der Sozialdemokratie auf taube Ohren. Auf der Suche nach einer organisatorischen Basis als Transmissionsriemen für seine Ideen wandte er sich zunächst einer national eingestellten Gruppe von Jungsozialisten, dem Hofgeismarkreis, und einer auf Sachsen beschränkten Rechtsabspaltung der SPD, der Altsozialdemokratischen Partei, zu. Beiden Gruppierungen war aber kein langes Leben beschieden. Unter gleichzeitiger Radikalisierung seines Kurses in Richtung eines reinen Nationalismus3) geriet Niekisch immer mehr ins Fahrwasser der authentischen Rechten. Er stützte sich, neben Rechtsintellektuellen wie den Gebrüdern Jünger, Albrecht Erich Günther, Franz Schauwecker, Alfred Bäumler, auf Gruppierungen aus dem Milieu ehemaliger Freikorpsverbände und der bündischen Jugend. Ende der zwanziger Jahre war diese Entwicklung abgeschlossen. Blättert man in den Heften seiner Zeitschrift „Widerstand“, so unterscheidet sie sich, sieht man von der Radikalität des auf die Spitze getriebenen Nationalismus ab, in nichts von anderen typisch rechten Publikationsorganen. Man findet Anzeigen des hauseigenen Widerstandsverlages, in dem Bücher bürgerlich-konservativer Autoren wie Othmar Spann und Wilhelm Stapel veröffentlicht werden. Anzeigen von Kriegserinnerungen und Ludendorff-Büchern, positive Rezensionen von Bismarck-Biographien und rassekundlichen Werken, antipazifistische und antisemitische Glossen, usw.

Entgegen den Behauptungen der in den letzten Jahren populär gewordenen Untersuchungen zum Prozeß des „nation building“ ist von der Ursprünglichkeit einer tiefverwurzelten Liebe zum Eigenen (Autophilie) auszugehen. Dieses gemeinsame Eigene ist im wesentlichen die Heimat. Deren Begriffsumfang variiert naturgemäß. Aufgrund fehlender Verkehrs- und Kommunikationsmöglichkeiten bezog er sich in früheren Zeiten zwangsläufig auf die unmittelbare Umgebung: Sippe, Dorf und Stadt, Landstrich. Erst durch die Fortschritte in Kommunikations- und Verkehrstechnik, aber auch durch den Bedeutungszuwachs abstrakt-idealistischer Sozialisationstechniken, jetzt über die Bildung, nicht mehr durchs unmittelbare Erleben vermittelt, durch das Bewußtwerden sprachlicher, kultureller und geschichtlicher Gemeinsamkeiten wurde die Ausdehnung dieses Heimatgefühles auf das ganze Vaterland im 18. und 19. Jahrhundert ermöglicht. Diese Ausdehnung des ursprünglichen Heimatgefühls auf das ganze Vaterland wird im allgemeinen Patriotismus genannt. Der Patriotismus ist ein noch vorpolitischer Motivationskomplex. Nationalismus entsteht, wenn der Patriotismus politisch wird, sich also als Bewegung gegen innere oder äußere Feinde wendet. Die Unterscheidung Patriotismus/Nationalismus entspricht der von Karl Mannheim getroffenen Unterscheidung von Traditionalismus und Konservativismus. Traditionalismus ist das vorpolitische, gleichsam unbewußte Verhaftetsein an überlieferte Sitten und Gebräuche, Konservativismus die bewußte, politische und kämpferische Bewegung gegen die Moderne.

Dieser ursprüngliche und natürliche Patriotismus gehört zum Wesen des ursprünglichen Menschen, ist Teil seines natürlichen Empfindens. Das natürliche Antriebspotential wird aber immer von darüber gelagerten Tendenzen modifiziert und überformt. Dies kann dazu führen, daß der autophile Partialtrieb sich auf andere Objekte verschiebt, beispielsweise nicht auf die Nation als solche, sondern nur auf die Fußballnationalmannschaft. Je mehr ein Mensch in bestimmte soziale Zusammenhänge eingespannt ist, desto stärker wird sich eine diesbezügliche Gruppensolidarität ausprägen, die dann an die Stelle der ursprünglichen Autophilie tritt. Die Zugehörigkeit zu Parteien oder anderen Gruppierungen ist dann der primäre motivierende Faktor. Hier öffnet sich eine Schere zwischen der sozio-kulturell überformten Gruppensolidarität und der ursprünglichen Autophilie, die sich in einen Interessenskonflikt zwischen dem „Parteigänger“ und dem Durchschnittsbürger zeigt. Besonders deutlich wurde dies während der mitteldeutschen Revolution. Während die Intellektuellen sich an komplizierten und weltfremden Modellen eines „dritten Weges“ berauschten, wollte das Volk die Wiedervereinigung. Ein weiteres, für unseren Zusammenhang noch prägnanteres Beispiel:

Im Frühjahr 1921 besetzten polnische Insurgenten weite Teile Oberschlesiens. Die deutsche Bevölkerung Oberschlesiens wurde von der die Reaktion des Auslands fürchtenden Reichsregierung im Stich gelassen. Gegen den Widerstand der offiziellen Stellen gelang es dennoch Freikorpstruppen, nach Oberschlesien durchzustoßen und den polnischen Angriff zurückzuschlagen. Die Truppenverbände wurden auf ihrer Fahrt nach Oberschlesien durch kommunistische und sozialdemokratische Bahnbedienstete massiv behindert, größeren Einheiten wurden sogar von der SiPo (Sicherheitspolizei) der sozialdemokratischen preußischen Landesregierung der Vormarsch verwehrt. Dagegen kämpften in den oberschlesischen Städten kommunistische und sozialdemokratische Arbeiter Seite an Seite mit den nationalistischen „rechten“ Freikorpssoldaten. Während hier also bei den unmittelbar Beteiligten sich die Autophilie Bahn brach, also das Antriebspotential sich gegenüber der parteimäßigen, soziokulturellen Überformung durchsetzte, überwog bei den Linken im Reichsgebiet die Parteibindung, weil diese ja in ihrem Handeln nicht durch die Bindung an die gefährdete Heimat bestimmt wurden.

Dieses Beispiel „proletarischer Heimatverteidigung“ verdient höchste Bewunderung, als Indiz für das Vorhandensein eines Linksnationalismus taugt es freilich nicht. Der Widerstand gegen die polnische Invasion ist Ausdruck der ursprünglichen Autophilie und nicht Resultat einer dezidiert politischen Einstellung. Wie der Riese Antaios bezieht diese Haltung ihre Kraft aus dem heimischen Boden und sie schwindet darum proportional mit der räumlichen Entfernung vom Ausgangspunkt und zeitlich mit dem Nachlassen der akuten Bedrohung. Dagegen sind die Freikorpssoldaten, die teilweise sogar aus dem fernen Österreich angerückt waren, „echte“ Nationalisten, weil für sie der „Aufbruch der Nation“, unabhängig von Raum und Anlaß, ein ihr Leben bestimmender Hauptmotivationsfaktor ist. Dieser Heimatkampf ist also weder links noch nationalistisch, weil er von Triebkräften motiviert ist, die Motivationsbereichen entstammen, in welche die politischen Unterscheidungen nicht hineinreichen.

Man wird vielleicht gegen diese Ausführungen einwenden, daß es doch durchaus erfolgreiche linksnationalistische Bewegungen gegeben habe, man denke etwa an Kuba und Vietnam, Nasser, die Baath-Partei, evtl, auch an die IRA. Dazu ist folgendes zu sagen:

Erstens ist zu fragen, ob für diese Bewegungen die Nation wirklich die zentrale Bezugsgröße und den höchsten politischen Wert darstellt. Meines Erachtens ist vielmehr in diesen Ländern die sozialistisch-kommunistische Revolution das Entscheidende. Die Nation gibt nur den territorialen Bezugsrahmen für das revolutionäre Projekt an, wobei in einem zweiten Schritt angestrebt wird, das eigene Modell über die Landesgrenzen hinauszutragen (vgl. das bolivianische Experiment Che Guevaras, die Ausdehnung kommunistischer Herrschaft auf Kambodscha und Laos).

Zweitens muß dieser Linksnationalismus im Zusammenhang mit dem antikolonialistischen Befreiungskampf gesehen werden. Um sich von den Kolonialmächten bzw. den von diesen eingerichteten Statthalterregimes zu emanzipieren, gab es zunächst einmal kein anderes zu befreiendes Objekt als die Nation. Zuerst mußte nach außen hin die Souveränität über das eigene Territorium hergestellt werden, um dann im Innern die sozialistische Revolution zu verwirklichen.

Eine solche, für die Dritte Welt charakteristische Konstellation läßt sich nur mit Mühe für die BRD konstruieren. Man würde in grotesker Weise den Sinn für Proportionen verlieren, wollte man die Bundesrepublik ernsthaft und nicht in einem für propagandistische Zwecke durchaus nützlichen, polemisch-metaphorischen Sinn – als Bananenrepublik bezeichnen. Es besteht ein himmelweiter Unterschied zwischen der kulturellen Kolonisierung (ist nicht bereits dieser Ausdruck schon eine Metapher?) durch McDonald’s und Hollywood und der tatsächlichen Kolonisierung, wie sie im 19. Jahrhundert stattgefunden hat. Jeder hat die Freiheit, statt eines Hamburgers ein Wurstbrot zu essen und statt Spielberg anzuschauen Goethe zu lesen; die Neger aber mußten die britische Flagge grüßen und in den Bergwerken und Plantagen für die weißen Herren schuften. Deshalb ist es originären Linken wie Linksnationalisten auch nie gelungen, dem Volk glaubhaft zu machen, in einer amerikanischen Kolonie zu leben. Diese These, auch wenn sie ein gutes Stück Wahrheit enthält, entspricht weniger den Tatsachen als vielmehr dem Bedürfnis, den befreiungsnationalistischen Impuls auf Deutschland zu übertragen. Man hat eben einfach einen Feind nötig, um sich von etwas befreien zu können. Dies aber ist nur ein reaktiver Nationalismus. Wahrer Nationalismus hingegen besteht aus dem Glauben an die Nation, nicht in der Abgrenzung vom Anderen, sondern im Man-Selbst-Sein, in der Verwirklichung des Eigenen.

Drittens: Weil es in diesen „jungen Staaten“ kein bereits fest etabliertes Parteiensystem gibt, kann der Linksnationalismus gar nicht zwischen den mächtigen Blöcken links und rechts zerrieben werden.

Die Linke und die rechte Einstellung zur Nation unterscheidet sich durch die gegensätzliche Gewichtung des Zweck/Mittel-Verhältnisses. Für die nationalistische Rechte4) ist die Nation immer Zweck und eine sozialistische „linke“ Methodik Mittel zum Zweck (um die Arbeiterschaft in den Staat zu integrieren und eine wahre Volksgemeinschaft zu schaffen bzw. um im Sinne einer „totalen Mobilmachung“ die Wirtschaft dem Willen des Staates zu unterwerfen). Für die Linke dagegen ist die Berufung auf die Nation zumeist nur ein Mittel, um in einer konkreten historischen Situation bestimmte Ziele zu erreichen. Sie geht hierbei von der Frage aus: Wer ist der Hauptfeind, kann er durch ein nationalistisches Engagement wirkungsvoll getroffen werden? Alle ernsthaften linksnationalistischen Unternehmungen haben immer im Umkreis antiimperialistischer Kämpfe stattgefunden: im Ruhrkampf 1923 sollte die Invasion des französischen Imperialismus abgewehrt und während der Nachrüstungsdebatte Anfang der achtziger Jahre entstand eine linke nationalpazifistische Fraktion, um dem amerikanischen Imperialismus Paroli zu bieten. Eine solche Situation, in der die eigene Nation zum Objekt einer fremden imperialistischen Macht wird, eröffnet für die Linken die Möglichkeit einer nationalistischen Orientierung, weil angesichts der Gefahr des Sieges des Imperialismus und der Etablierung massiver und manifest militärisch gestützter Herrschaftsformen, die eine noch drückendere Ausbeutung der heimischen Arbeiterklasse befürchten lassen, das Zusammengehen mit nationalistischen Kräften als das kleinere Übel erscheint.

Auf der Basis dieser Konstellation wäre es durchaus denkbar, „ein Stück Wegs“ (Graf Reventlov) gemeinsam zurückzulegen. Aber diese Konstellation ist nicht mehr gegeben. Die Linke hat die Stoßrichtung gegen Kapitalismus und Imperialismus ad acta gelegt und bekämpft stattdessen im Namen eines moralischen Universalismus den Nationalismus. Die Linke im klassischen Sinne als Repräsentantin der Arbeiterklasse existiert nicht mehr. Vom Arbeiter, den sie einst als einen auf die Erde herabgestiegenen Gott verehrte, spricht sie heute nur noch mit Ausdrücken der Verachtung – er ist für sie zum Stammtischproleten herabgesunken. Die Linke hat mit dem Kapitalismus Frieden geschlossen, sie ist heute integraler Bestandteil eines riesigen „juste milieu“, das die klassische Aufforderung zum „enrichez-vous“ mit dem vergangenheitsbewältigenden, asylbejahenden, etc. Lack einer „Hypermoral“ (A. Gehlen) gewissensentlastend überzieht. In diesem ebenso ökonomistischen wie moralistischen Weltbild finden Kollektivsubjekte, sei dies nun die Nation oder die Arbeiterklasse, keinen Platz mehr. Der Individualismus entkleidet den Menschen von seinen gruppenbezogenen Eigenschaften; in ihrer reinen abstrakten Eigenschaft des Mensch-Seins erscheinen dann alle Menschen als gleich. Für den, der dies glaubt, gibt es keinen prinzipiellen Grund, einen arbeitslosen Deutschen einem hungernden Inder vorzuziehen, da ja beide gleichermaßen Menschen sind. Mit der Aufgabe des Kampfes gegen den Kapitalismus, den die Linke nicht mehr abschaffen, sondern nur noch ökologisch und klientelspezifisch (Privilegierung von Frauen, Homosexuellen, Radfahrern, usw.) einhegen will, ist einer Zusammenarbeit von links und rechts der Boden entzogen worden.

Der Kapitalismus ist die eigentliche internationalistische Kraft, die alle nationalen Besonderheiten auflöst und das Eigene durch ein weltweit gleichförmiges Warenangebot ersetzt. Der moralische Universalismus ist sein ideologischer Reflex. So wie der Kapitalismus die sozialen Beziehungen auf abstrakte Tauschverhältnisse reduziert, so reduziert der moralische Universalismus die historisch tradierte,konkrete Vielfalt des Menschlichen auf ein abstraktes Rechtsverhältnis. Der moralische Universalismus ist die Goldkette, mit der das internationale Kapital die Linke an sich fesselt. Ein Linksnationaler muß diese Kette zerbrechen, um zur Nation zu finden. In den Reihen der Nationalisten wird ihm der deutsche Arbeiter und die „antikapitalistische Sehnsucht“ (Strasser) wiederbegegnen, von dem sich die heutige liberalextremistische Linke verabschiedet hat. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus kann der Kampf gegen den Kapitalismus nur noch von rechts, von einer nationalistischen Position aus vorangetragen werden.

1) Es sind schon unzählige Abhandlungen über die Unterscheidung von links und rechts geschrieben worden. Angesichts der Unmöglichkeit, unumstößliche Unterscheidungsmerkmale zu finden, haben in ihrer Verzweiflung einige den Vorschlag gemacht, die Begriffe „links“ und „rechts“ überhaupt fallenzulassen. Die meisten Menschen scheren sich aber nicht um derartige analytische Schwierigkeiten und verorten ihren eigenen politischen Standort ohne nennenswerte Probleme im Links/Rechts-Schema. Diese Einordnung verdankt sich nicht einer bewußten Verstandestätigkeit – etwa durch den Abgleich mit einer im Kopf gespeicherten Tabelle doktrinärer Aussagen; sondern durch ein gleichsam ästhetisches, begriffsloses Erkennen. Wer beispielsweise politisches Propagandamaterial in einer Fußgängerzone verteilt, wird nicht wahllos alle Passanten ansprechen, sondern nur die, von denen er vermutet, daß sie für die eigene Botschaft empfänglich sein könnten. Teilweise minimale Signale, die Haartracht, Kleidung, Gesichtsausdruck, Gangart aussenden, fügen sich zum Bild eines Persönlichkeitsprofils, dem eine entsprechende politische Einstellung korrespondiert. Mit anderen Worten: Die meisten Menschen wissen bzw. spüren sehr genau, was links und rechts ist, weshalb es für mich keinen Grund gibt, von diesem alltäglichen Verständnis abzuweichen.

2)Ernst Niekisch: Gewagtes Leben. Begegnungen und Begebnisse. Berlin, Köln, 1958, S. 263, Neuauflage im Bublies Verlag.

3)Unter reinem Nationalismus verstehe ich ein Haltung, welche die Nation zum alleinigen und ausschließlichen Kriterium politischen Denkens und Handelns macht und alle anderen Lebensbereiche wie Kultur, Wirtschaft, Ethik, usw. den Erfordernissen des nationalen Gesichtspunktes unterordnet.

4)Es gibt natürlich auch eine internationalistische Rechte, die uns hier aber nicht interessieren muß: der feudale Internationalismus der aristokratischen Standessolidarität (Metternich und die Heilige Allianz), die nationenübergreifende Glaubensgemeinschaft des politischen Katholizismus, der abendländisch-konservative oder neurechte Europamythos.

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Dr. Winfried Knörzer

Dr. Winfried Knörzer, geboren 1958 in Leipzig, studierte in Tübingen Philosophie, Germanistik, Medienwissenschaften, Japanologie und promovierte über ein Thema aus der Geschichte der Psychoanalyse. Berufliche Tätigkeiten: Verlagslektor, EDV-Fachmann. Seit Anfang der 90er Jahre ist er mit Unterbrechungen publizistisch aktiv.

Die Neuerscheinung im Juni2021: „Farben der Macht“ von Dr. Winfried Knörzer im Lindenbaum Verlag. Hier können Sie es direkt beim Verlag versandkostenfrei bestellen: https://lindenbaum-verlag.de/produkt/farben-der-macht-der-rechte-blick-auf-die-gesellschaft-der-gleichen-winfried-knoerzer/

6 Kommentare zu „Der flüchtige Charme des Linksnationalismus

  1. Vielleicht sollte der Verfasser sich von der Betrachtung der Vergangenheit lösen. Der Nationalsozialismus der gegenwärtigen chinesischen KP ist linksnationalistisch, ebenso die Bewegung Le Pens, die katalonischen, schottischen, irischen usw. Nationalisten.

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  2. Der Beitrag ist mir zu anti-intellektualistisch. Immer, wo man deutliche Definitionen bräuchte, flüchtet sich der Autor plötzlich in intuitiv-emotionale Affekte und Links / Rechts wird dann mal eben nach bloßem Habitus unterschieden. Das geht so nicht. Erst Begriffe klären, dann kritisieren.
    Zumal es auch wünschenswert wäre, wenn auf derlei Grundsatzkritiken dann am Ende mal ein „Was stattdessen?“ folgen würde. Also jetzt liberaler Neokonservatismus à la US-Republicans als Antwort? Oder einfach ein Solidarischer Patriotismus von rechts, wie ihn Benedikt Kaiser und Björn Höcke vorschlagen (und wie ich ihn begrüßen würde und ihn immer mal wieder in meinem Blog skizziere)? Wie aber unterschiede sich letzterer dann noch vom Linksnationalismus? Das wird allein schon deswegen nicht klar, weil der Autor die terminologischen Hausaufgaben vorher nicht gemacht hat.
    Fakt ist: Es gibt in der rechten Wählerschaft Deutschlands ein großes Bedürfnis nach Antworten auch auf die soziale Frage – genau daher resultiert überhaupt die Idee des Sozial- oder Solidarischen Patriotismus, der durchaus linke Positionen mit rechtem Denken und rechten Präferenzen vereint. Wer darüber hinaus meint, die Kritik am US-Kulturimperialismus sei quasi sinnlos oder überholt, der blendet die soziologische Geschichte des letzten halben Jahrhunderts (Amerikanisierung -> Individualisierung -> Postmoderne -> Wegfallen von Grenzen -> vom Autor selbst beschriebene Allianz von Neoliberalen und globalistischen Linken) gänzlich aus. Wir brauchen die Allianz von Rechten und (klassischen, nationalstaatlichen) Linken mehr denn je, denn mit den Neoliberalen bekommt man nichts als Globalismus. Auch das blendet der Autor aus: Dass in einer rechtsliberalen Allianz die eigentliche Widersprüchlichkeit und Inkonsistenz liegt – und nicht in der von Rechten und klassischen Linken.

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  3. Korrigierte Version!! bitte diese veröffentlichen

    „Dieser ursprüngliche und natürliche Patriotismus gehört zum Wesen des ursprünglichen Menschen, ist Teil seines natürlichen Empfindens“.
    Ist diese Aussage wirklich wahr oder gehört nicht der Patriotismus zur Kultur des Menschen und muß so immer wieder neu erlernt, erworben werden? Wird so nicht auch die Aufgabe einer patriotischen Politik verkannt, daß eben nicht einfach ein Patriotismus als natürliches Selbstverständnis vorauszusetzen ist? Macht man es sich nicht zu leicht, wenn einfach präsumiert wird, daß nur noch politische Manipulationen Bürger ihres natürlichen Patriotismus beraubt würden? Hier einfach naiv einen natürlichen Patriotismus vorauszusetzen könnte politisch fatale Folgen zeitigen ob der Verkennung der Notwendigkeit einer patriotischen Bildungsarbeit.
    Etwas Aktuelles: Das „Neue Deutschland“ heißt jetzt nur noch „nd“- die SED war nicht antinational, die DDR in manchem recht preußisch, erst jetzt paßt sich diese Ex-SED Zeitung der typisch westdeutschen antideutschen Linken an! Auch wird man Stalin (es sei an seine Parole des großen Vaterländischen Krieges erinnert) keinen Antinationalist nennen können, das trifft eher auf seinen stärksten Gegner Trotzki zu!

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  4. Da der Verfasser Ernst Niekisch als Denker vorführt, der als ursprünglicher Linksnationalist quasi automatisch zum „authentischen“, also rechten Nationalismus abrutschen mußte: Niekisch war trotz aller Zugeständnisse, die er im politischen Tageskampf machen mußte, stets Linksnationalist – von seinem Proletarischen Nationalismus an bis zu seinem Preußischen Bolschewismus. Ich hoffe, dies in meinem Buch deutlich gemacht zu haben, das unlängst im Lindenbaum-Verlag erschienen ist.

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  5. Wie gewohnt messerscharfe Analyse von Dr. Knörzer. Die Querfront in Deutschland – nicht im Rest der Welt! – ist eine Geschichte des Scheiterns. Da allerdings deutsch sein bedeutet, eine Sache ihrer selbst willen zu tun, sollten wir rechts-/links-übergreifende Konzepte auch weiterhin verfolgen. Wir sind ja als sozialrevolutionäre Nationalisten davon überzeugt, daß diese Querfront-Konzepte richtig sind.
    Zudem bezieht sich Empirie immer auf Vergangenheit und allenfalls auf die Gegenwart, niemals auf die Zukunft. Recht hat Uwe Sauermann, daß Knörzer zwar das Scheitern der Querfrontbemühungen in der Vergangenheit attestieren kann, aber eben nicht die Erfolgsaussichten derartiger Bemühungen für die Zukunft genau voraussagen kann.

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  6. Hallo Herr Sauermann,

    Knörzer schreibt, daß sich Niekischs „Widerstand“ dem allgemeinen rechtsnationalen Strom angepaßt habe. Sehe ich auch so. Daß Niekisch noch andere Überzeugungen hatte, die er zurückstellte, mag sein, die er aber wohl aus taktischen Gründen außen vor ließ. Mir ist nicht bekannt, daß Niekisch zu Zeiten der Weimarer Republik ein sozialrevolutionäre Programm vorgelegt hätte, einmal sprach er vom „Lehnsbegriff“.
    Der „Widerstand“ bot kaum Alternativen sozialrevolutionärer Art gegenüber Hitlers Pseudo-Sozialismus. Diesbezüglich ging selbst Otto Strasser weiter. Die eigentliche Alternative des „Widerstands“ bestand in der Rußland-Orientierung und darin, daß man nicht plumpen Antikommunismus betrieb. Diese beiden Punkte waren die inhaltlich sichtbaren Aternativen des „Widerstands“ gegenüber der Hitler-NSDAP. Niekisch appellierte an „Rapallo“.
    Niekisch chronologisch durchgehend als „Nationalbolschewisten“ zu bezeichnen, ist für mich zweifelhaft. In der Münchner Räterepublik gehörte er eher dem gemäßigten Flügel an, später der Alt-SPD, einer Rechtsabspaltung der SPD. „Bolschewistisch“ bezüglich eines Wirtschaftsprogramms war der „Widerstand“ nicht. In der SBZ bzw. DDR war Niekisch dann tatsächlich Bolschewist und etwas Patriot. Kein Nationalist mehr, das war nach 1945 auf beiden Seiten nicht mehr opportun.
    Übrigens, ist dies auch heute so, wer vertritt auf der Rechten – außer mir – offen ein sozialistisches Programm? Mit angezogener Handbremse von Benedikt Kaiser. Wer sich bezüglich des bürgerlichen Eigentums zu kritisch auf der dt. Rechten äußert, isoliert sich schnell.

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