Die Kühlerfigur des Westens: Alexej Nawalny

von Florian Sander

Die Kühlerfigur des Westens: Alexej Nawalny

Kühlerfiguren sind die glänzende Zierde teurer Autos mit zumeist wohlhabenden Besitzern und Passagieren. Autos mit Kühlerfigur machen zumeist etwas her. Sie zu fahren, bedeutet Wohlstand und Prestige. Kühlerfiguren sind zugleich – und gerade wegen dieser auffällig symbolischen Rolle – die ersten Opfer all derer, die auf offene Prestigesymbolik und Zurschaustellung von Wohlstand allergisch reagieren. Noch vor den zerstochenen Reifen, noch vor dem zerkratzten Lack, erst recht noch vor schlimmeren Delikten kommt, in Sachen Häufigkeit, das Abbrechen der Kühlerfigur, was dem Delinquenten buchstäblich oft „mal eben“, im Vorbeigehen möglich ist, sofern der jeweilige Autohersteller keine Option für den Besitzer eingebaut hat, die Figur oder das Symbol zeitweilig abzuschrauben.

Alexei Nawalny erfüllt alle Kriterien einer Art „politischen Kühlerfigur“ auf der Luxuskarosse der westlichen Welt, wie diese sie sich dutzendfach in Staaten hält, die bislang nicht ihrer Hegemonie unterworfen sind. Die politische Kühlerfigur ist schillernd und glamourös, steht stellvertretend für einen prachtvollen westlichen Anhang, der – wie die chauffeurgesteuerte Luxuskarosse – die hoffnungsversprechende Mixtur aus Wohlstand, Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft beinhaltet. Zugleich zieht sie die Aufmerksamkeit aller auf sich, die von glanzvollen Oberflächen fasziniert sind, die in den hohen Sphären feinsinniger westlicher Liberalität schweben: Anywheres. Andere hingegen möchten nichts mehr als genug zu essen, Arbeit, Gesundheit, Familie und Mobilität. Ob mit oder ohne glänzende Kühlerfigur ist eben diesen Somewheres egal; zur Not tut es auch der Gebrauchtwagen. Hauptsache, er fährt.

Was wir bereits beim sogenannten Arabischen Frühling im Jahre 2011 erleben durften; ja, was sogar schon bei der Studentenrevolte 1968 galt, gilt auch heute wieder, bei den Protesten in Russland: Die oft so lauten und von der westlichen Presse oft so bejubelten Massenproteste für „Freiheit und Demokratie“ sind in der Regel Demonstrationen einer lauten Minderheit. Echter Wandel kommt zumeist eher mit ökonomischen Krisen, die auch die Lebensverhältnisse der Mehrheit tangieren. Derlei ist im Rußland des Jahres 2021 trotz US-interessenbasierter westlicher Wirtschaftssanktionen nicht in Sicht.

Westliche Kühlerfiguren sind oftmals propagandistische Blendwerke, die zur Spaltung und Provokation der adressierten Staaten und ihrer Gesellschaften ebenso gedacht sind wie zur liberalen Selbstvergewisserung der Gesellschaften der westlichen Hemisphäre. Um die Etablierung von „Freiheit und Demokratie“ geht es in den allermeisten Fällen genauso wenig wie bei der US-unterstützten Installation von Augusto Pinochet in Chile. Faktisch geht es um geostrategische und ökonomische Interessen, wie sie sich im Falle der USA in der erwünschten Verhinderung des Nord-Stream-2-Projektes zugunsten des Handels mit US-Fracking-Gas manifestieren. Ein Zusammenhang, über den in der und durch die moralinsaure westliche Presse ebenso regelmäßig hinweggetäuscht wird wie die glänzende Kühlerfigur den Gestank der Abgase eines Rolls-Royce vergessen macht.

Nawalny selbst spiegelt den Wandel des Westens vom Kalten Krieg bis heute fast symbolhaft wider. Gestartet ist der 44-jährige als bekennender Nationalist und Vorsitzender einer nationalliberalen Partei. Um 2013 herum zog er mehr und mehr die positive Aufmerksamkeit des Westens auf sich. Seit dieser Zeit distanzierte er sich Stück für Stück von seinen früheren rechten Positionen. Die westliche Unterstützung wuchs, ebenso wie sich die Schlinge der Justiz zunehmend zuzog; insbesondere infolge mehrerer Betrugs- und Veruntreuungsvorwürfe gegen Alexei Nawalny und seinen millionenschweren Bruder Oleg. Westliche Medien sprachen von „politisch motivierten Verfahren“.

Spätestens nach dem Nervengift-Anschlag auf Nawalny 2020 und nach seiner erneuten Verhaftung 2021 haben USA und transatlantische Presse ihren Ansatzpunkt gefunden, um moralummantelte Geo- und Energiepolitik zu betreiben. Man empört sich über das Abbrechen der Kühlerfigur beim Parken im sozialen Brennpunkt – und glaubt so endlich eine Legitimation zu haben, dessen ungeliebte Sozialwohnungen durch eine profitable Fast-Food- Filiale ersetzen zu können. Doch so wirkmächtig die Kräfte der liberalen McDonaldisierung auch sein mögen – Rußland ist kein instabiler Nahost-Staat und hat sich schon oft als renitent gegen westliche Interventionen erwiesen. So möglicherweise auch diesmal.

Unser Titelbild zeigt: Der Recke am Scheideweg von Viktor Michailowitsch Wasnezow

Florian Sander

Florian Sander ist Soziologe und Politikwissenschaftler. Er ist Mitglied der Landesprogrammkommission und des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD in NRW sowie Kreisvorsitzender der AfD Bielefeld und Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld. Er schrieb u. a. für ‚Le Bohémien‘, ‚Rubikon‘, ‚Linke Zeitung‘, den ‚Jungeuropa‘-Blog und ‚PI News‘, ist inzwischen Autor für ‚Arcadi‘, ‚Sezession‘, ‚Glauben und Wirken‘, ‚Wir selbst‘ und ‚Konflikt‘ und betreibt den Theorieblog ‚konservative revolution‘.

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