Erinnerungen an Sachsens volkstümlichen König Friedrich August III. (1865-1932)

von Bert Wawrzinek

Erinnerungen an Sachsens volkstümlichen König Friedrich August III. (1865-1932)

Sachsen und die Wettiner

Als am 18. Februar 1932 Sachsens letzter König Friedrich August III. im schlesischen Sibyllenort verstarb, bereitete die frühere Residenzstadt Dresden ihrem Ehrenbürger einen bewegenden Abschied. Über 500 000 Menschen aus allen Teilen des Landes sollen zusammengekommen sein, um ihrem einstigen Landesvater, der mit militärischen Ehren in der Krypta der Hofkirche beigesetzt wurde, ein würdiges Trauergeleit zu geben.

Am 25. Mai 1865 als ältester Sohn Prinz Georgs von Sachsen in Dresden geboren, hatte Friedrich August nach Studium und Militärdienst die österreichische Erzherzogin Luise von Toscana (1870-1947) geheiratet. Mit einer Affäre und anschließender Flucht provozierte Luise einen europäischen Skandal; doch getragen von der Sympathie der Bevölkerung, war der Thronfolger nach Kräften bemüht, seinen sieben Kindern die Mutter zu ersetzen. Seit 1904 König, suchte Friedrich August III. den Ausgleich zwischen Tradition und Fortschritt und legte das Schwergewicht auf die schöpferische Entfaltung von Wirtschaft und Kultur. Die Sachsen schätzten sein offenes natürliches Wesen, die Güte und seinen schlagfertigen Humor. Ohne Begleitung schlenderte Friedrich August durch die Straßen der Residenz, kam mit den Dresdnern ins Gespräch, und da er die richtigen Worte fand, wurde er im Volk verstanden und geliebt.

Friedrich August III. von Sachsen (1865-1932)

Während des Weltkrieges waren es Frontreisen, die den König zu seinen sächsischen Regimentern führten. Er teilte die Trauer um gefallene Landeskinder und bangte um das Leben auch der eigenen Waffendienst leistenden Söhne. Doch nach vier Kriegsjahren zerbrach die Heimatfront, griffen Unruhen auch auf Sachsen über. Als Vertreter der Armee die Auffassung vertraten, daß Widerstand unmöglich sei, da zuverlässige Truppen fehlten, resignierte auch Friedrich August. Auf dem Schloßturm ging die rote Fahne hoch. „Ich verzichte auf den Thron“ – ganze fünf Worte – zogen den Schlußstrich unter eine mehr als 800 Jahre währende Ära, in der die Wettiner, eines der ältesten deutschen Fürstengeschlechter, im Gebiet des heutigen Sachsens und der Lausitz, als Markgrafen, Herzöge, Kurfürsten und Könige die politischen Geschicke in den Händen hielten. Es entbehrt nicht der Tragik, daß ausgerechnet jener „Bilderbuchkönig einer für ihre Zeit freiheitlich-demokratischen und rechtsstaatlichen sächsischen Kulturmonarchie“ (Christoph Jestaedt), dieses Zeitalter beschließen sollte. Nach der Abdankung zog sich Friedrich August auf eine Besitzung des Königshauses im schlesischen Landkreis Oels zurück, um als Privatmann im Kreise seiner Familie zu leben.

Eindrucksvoll bleibt die Bilanz, welche das Sachsenvolk unter Führung der Wettiner aufzuweisen vermag. Aus einer umkämpften Grenzmark war durch den Fleiß und die Innovationskraft von Generationen die höchstindustrialisierte Region des Kaiserreichs geworden. Sachsen, dessen Bevölkerung sich zwischen 1871 und 1914 nahezu verdoppelte, besaß das dichteste Städte-, Eisenbahn- und Straßennetz Deutschlands. Mit seinen blühenden Wirtschafts- und Handelszentren bot das Königreich nachgerade „das Musterbild eines aufstrebenden Industriestaates“ (Frank-Lothar Kroll). Sinnfälliger Ausdruck jener fruchtbaren Kontinuität, die in der Einheit von Herrscherhaus und Landesnation begründet lag, ist ein 102 Meter langes Wandbild, der „Fürstenzug“ am Dresdner Residenzschloß, dessen Faszination seit seiner Entstehung (1876/1907) nicht nur die Sachsen in seinen Bann zieht.

Der Fürstenzug am Residenzschloß Dresden

Auf die politischen Weichenstellungen aber kam es an. So ebnete Sachsens erste Verfassung vom September 1831 frühzeitig den Weg des Landes vom Absolutismus hin zum bürgerlichen Rechtsstaat. Seither waren die Grundrechte des heutigen Staatsbürgers – die Freiheit der Person und des Eigentums, freie Berufswahl und Religionsausübung sowie die Gleichheit aller vor dem Gesetz – im sächsischen Königreich garantiert. Im Land der albertinischen Wettiner entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte eine vielgestaltige Kulturlandschaft, der auch Bach, Händel, Schumann, Wagner, Lessing, Fichte, Novalis, Nietzsche und Martin Luther entstammten. Um wieviel ärmer wäre die heutige Bundesrepublik ohne jene sächsische „Mitgift“, die Barockschöpfungen des Augustäischen Zeitalters, die Kostbarkeiten in Schlössern, Burgen und Sammlungen, die Musikstätten in Leipzig und Dresden, das Meißner Porzellan? Selbst wenn besagte Entwicklung 1918 ein Ende fand und die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts auch an Elbe und Mulde Spuren hinterließen, bleiben Kurfürstentum und Königreich wesentlicher Teil jener leuchtenden Gesamtüberlieferung, die den Namen Sachsens in der Welt bis heute charakterisiert.

Über alle Umbrüche hinweg haben die Sachsen ihre Identität zu bewahren verstanden und 1989 mit dem Ruf „Wir sind das Volk!“ Mauer und Diktatur zum Einsturz gebracht. Doch auch in jüngerer Zeit wurden im weiß-grünen Freistaat das Bedürfnis nach echter Mitbestimmung und mancher Zweifel an einer beunruhigenden Berliner Politik selbstbewußt artikuliert. Dafür haben besonders die unbotmäßigen Einwohner der Landeshauptstadt manche Schmähung über sich ergehen lassen, wurde das „Tal der Ahnungslosen“ zum Sinnbild „Dunkeldeutschlands“, wo undankbare Ossis leben, die den Errungenschaften der Merkel-BRD durchaus kritisch gegenüberstehen. Um so heller strahlt die Erinnerung an jene Zeit, als Sachsen noch ein Königreich war und von einem volkstümlichen Monarchen regiert wurde, bei dessen Heimgang eine halbe Million Menschen die Straßen säumten, 14 Jahre nach dem Ende der Monarchie!

Literatur:

  • Karlheinz Blaschke: Der Fürstenzug zu Dresden. Denkmal und Geschichte des Hauses Wettin. Leipzig, Jena und Berlin 1991
  • Suzanne Drehwald / Christoph Jestaedt: Sachsen als Verfassungsstaat. Leipzig 1998
  • Friedrich Kracke: Friedrich August III. Sachsens volkstümlichster König. München 1964
  • Frank-Lothar Kroll: Geschichte Sachsens. München 2014

Bert Wawrzinek

Bert Wawrzinek wurde 1959 in Leipzig geboren und lebt heute im Stolpener Land. Im ersten Leben Rockmusiker, betreibt er im 30. Jahr das Historica Antiquariat im Dresdner Barockviertel und ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu Themen sächsischer Geschichte und Kultur.

3 Kommentare zu „Erinnerungen an Sachsens volkstümlichen König Friedrich August III. (1865-1932)

  1. Was für ein herzerwärmender, begeisternder Aufsatz mit dem Wermuthstropfen der Abdankung des deutschen Adels! Es wäre anmaßend, aus heutiger, vergleichsweise komfortabler Zeit in vergangene Wirren zu urteilen. Das Schicksal der russischen Zarenfamilie wird jedem deutschen Fürsten und König vor Augen gestanden haben. Woher könnte ein neuer Adel kommen? Ich sehe keine Einrichtung, keine Schicht, geschweige denn Partei, die solchen hervorzubringen fähig wäre. Wir, die wir das Land lieben, an Ehre und Treue glauben, uns als Glieder einer tief in die Zeit zurückreichenden und weiter fortführenden Reihe empfinden, wir selbst müssen, und sei es im bescheidensten Maße und Umkreis, sein, was wir entbehren und ersehnen – jeden Tag. Wir sollten uns endlich innerlich von diesem (Um-)Erziehungsheim BRDDR mit Freilauf lösen, statt uns daran ewig abzuarbeiten und zu erschöpfen. Wir machen, indem wir es bekämpfen, nur stärker, was früher oder später an seiner eigenen Unwahrhaftigkeit erstickt. Wiederentdecken, aneignen, über die Zeiten retten, was unser Eigentliches ist, uns selber erziehen zum Edlen – das ist, was nottut. Eine Erinnerung wie die obige an den letzten sächsischen König wäre ein schöner Setzling dazu.

    Jupp Koschinsky

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  2. Der Ahnung vieler Sachsen, dass sich in der Geschichte dieser Region Dinge entfaltet haben, die noch lange nachwirken werden, wird hier sehr überzeugend nachgegangen.
    Prinzipien der Ausgewogenheit, des Maßhaltens und der Konsistenz werden in Sachsen noch heute, vielleicht unbewusst, gelebt …

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    1. Ich glaube, daß das Beharren auf dem und das Bewahren des Eigenen ganz bewußt gelebt wird. Zehntausend Leute am letzten Montag auf dem zweihundertsten PEgIdA-Spaziergang in Dresden, wo gibt’s denn so etwas sonst noch in Deutschland? Einfach großartig! Die Sachsen haben schon einmal ein Regime zur Implosion gebracht und sie wissen es. Vielleicht jucken Bannflüche sie deshalb weniger als andere Landsleute. Ah, „Sing, mei Sachse, sing!“

      Jupp Koschinsky

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