Ökologie, Naturschutz und Nachhaltigkeit

von Florian Sander

Ökologie, Naturschutz und Nachhaltigkeit als konservative Grundwerte

Für den Paradigmenwechsel zu einer unitarischen Ethik

Ist aktuell von Ökologie, Nachhaltigkeit, Umwelt- und Naturschutz die Rede, ist der Gedanke an Klimawandel und Klimaschutz nicht fern. Nicht erst seit Greta und den einschlägigen sozialen Bewegungen, die das Thema ganz nach oben auf die politische Agenda gerückt haben, dominiert die Klimaschutzfrage die Gemüter, und schafft neue inhaltliche Trennlinien zwischen den Staaten, politischen Parteien und anderen politischen Akteuren. Auch innerhalb konservativer Parteien wie der AfD sorgt die neue Debatte für reichlich Diskussionsstoff. Eine diskursive Einengung, im Zuge derer der – eigentlich sehr notwendige – Fokus auf andere Bereiche und Fragen des Umwelt- bzw. Naturschutzes mehr und mehr verloren geht. So kann es nicht weitergehen.

Denn: Egal wie man nun zu der Frage steht, wie hoch der menschliche Anteil am Klimawandel und damit auch wie groß dessen Verantwortung für eine Bekämpfung dessen ist, ist festzustellen, dass der menschliche Umgang mit der Natur auch heutzutage alles andere als sorgsam oder rücksichtsvoll ist. Das Problem beginnt, wenn man es genau nimmt, bereits bei der Semantik: Geht es denn nun um Umweltschutz – oder nicht eher um Naturschutz?

Naturschutz statt lediglich Umweltschutz

Betrachtet man den Begriff der Umwelt einmal genau, so wird man feststellen, dass er durch und durch anthropozentrisch ist. Wer die Natur, den Planeten, den Kosmos semantisch zur Umwelt transformiert, der reduziert sie damit genau genommen auf ihre Rolle für uns, für den Menschen, der immer noch und weiterhin im Zentrum der Betrachtung steht und um den sich alles dreht, wie sich für die Dogmatiker früherer Zeiten die Sonne um die Erde drehte. Im Zentrum der Mensch – in christlicher Auslegung: Die „Krone der Schöpfung“, die sich „die Erde Untertan“ machen solle. Um ihn herum: Alles andere. Die Umwelt.

Der Begriff des Naturschutzes ist genau genommen der respektvollere und wertfreiere: Unbeeinträchtigt von der christlichen Dogmatik stellt er auf den Schutz der Natur ab, zu der der Mensch in gleicher Weise gehört wie der Baum oder das Insekt, in der er weder eine untergeordnete noch eine herausgehobene Rolle gegenüber anderen Erscheinungen des Lebens einnimmt. Eine Dichotomie im Sinne von „hier der Mensch, da die Umwelt“ bzw. „hier wir, da alles andere“, wie sie der Umwelt-Begriff impliziert, gibt es so eben nicht. Was es gibt, ist eine Natur, eine einzige, die nicht nur regional, nicht nur global, nicht nur irdisch ist, sondern in der Tat kosmisch und als solche schützenswert, da sie Leben bedeutet und beinhaltet.

Politisch resultiert aus diesen Überlegungen die grundsätzliche Frage, wieso man überhaupt ökologische Politik betreiben solle, was eigentlich das Leitmotiv, die primäre Intention dahinter ist. Wer sie auf den reinen Umweltschutz reduziert, der erklärt damit de facto die Notwendigkeit ökologischer Politik aus egoistischem Denken: Es gilt, die Umwelt zu schützen, um den Lebensraum des Menschen nicht zu schädigen. Wer hingegen Naturschutz betreiben will, der will die Natur um ihrer selbst willen schützen: Sie hat demnach als solche ihren Wert, ob sie nun menschlicher Lebensraum ist oder nicht, ob sie für den Menschen eine Funktion erfüllt oder nicht. Leben ist als solches wertvoll – ob menschlich oder nicht.

Eine unitarische Ethik der Ökologie

Hinter dieser Einsicht steht der notwendige Paradigmenwechsel von einer christlichen hin zu einer unitarischen ökologischen Ethik, welche die Natur als Teil der Unitas, der All-Einheit, als Trägerin des Göttlichen als schützenswert ansieht, anstatt dem Menschen eine „krönende“ Sonderrolle im Rahmen einer göttlichen „Schöpfung“ zuzugestehen, die aber im Grunde nur als diesseitiges „Jammertal“ gesehen wird, welches dem paradiesischen Jenseits gegenübersteht.

Während die anthropozentrische christliche Auslegung stets gut mit dem wachstumsorientierten Neoliberalismus harmonierte – insbesondere in der protestantischen Interpretation, deren Korrelation zum „Geist des Kapitalismus“ von keinem Geringeren als Max Weber aufgezeigt wurde – neigte die konservative Auffassung, die im deutschen Idealismus, in der Romantik, im mystischen Denken wurzelt, seit jeher eher zur Ganzheitlichkeit. Hier wird die Natur um ihrer selbst willen gedacht und nicht auf ihre biologische – oder gar nur ökonomische – Funktion für den Menschen reduziert. Konservatismus bedeutet, ein ökologisches Bewusstsein um der Natur selbst willen zu haben, es nicht rein „pragmatisch“ zu verstehen.

Diese zunächst sehr philosophisch-ethisch-theoretisch anmutende Unterscheidung birgt durchaus viele sehr praktische Implikationen für ökologische Politik. Ist etwa vom notwendigen Schutz der Regenwälder vor Rodung und Abholzung die Rede, so reicht es eben von dieser Warte her nicht aus, auf die natürliche Funktion der Flora für die Sauerstoffbildung zu verweisen. Die Flora ist eben stattdessen um ihrer selbst schützenswert. Der jeweilige südamerikanische Baum hat eben selbst, als solcher ein Anrecht auf Leben, und nicht nur weil er „der Umwelt dient“. Genauso wenig lässt sich der Wert des Hambacher Forsts auf „den Klimawandel“ reduzieren – vielmehr ist er zunächst einmal um seiner selbst willen existenzberechtigt! Eine Position, die für manche allzu „schöngeistig“ oder idealistisch erscheinen mag, die aber im tiefsten Sinne des Wortes konservativ ist, da sie auf die Bewahrung des Bewahrenswerten setzt.

Biodiversität und Artenschutz

In diesem Kontext ist auch das Stichwort der Biodiversität relevant. So wie Konservative etwa auch die Vielfalt der Kulturen und souveränen Nationen in Europa zu schätzen wissen, hat auch die Artenvielfalt der Natur einen Eigenwert – egal, inwieweit der Mensch nun beispielsweise auf einen bestimmten Insektenbestand angewiesen ist oder nicht. Daher ist politisch auf ihre Bewahrung hinzuwirken.

Und auch diese Erkenntnis und Positionierung gilt völlig unabhängig von der oft diskutierten Frage des menschengemachten Klimawandels. Durchaus seriöse, des Lobbyismus unverdächtige Quellen sprechen bei 14.000 Wirbeltier-Populationen von einem Rückgang der Bestände um fast 60 % während der letzten 40 Jahre. Besonders Amphibien und Süßwasserfische sollen hier betroffen sein. Auch die teils drastischen Entwicklungen im Insektenbestand (u. a. Bienensterben) sind weitläufig bekannt. Und auch AfD-Vertretern stünde es durchaus gut zu Gesicht, auf den Schutz von Insekten und Vögeln nicht nur zu sprechen zu kommen, wenn es um Argumente gegen Windräder geht.

Als Ursachen für die beschriebenen Missstände werden u. a. die bereits oben problematisierte Abholzung und Rodung von Wäldern, (wodurch auch immer verursachte) Klimaveränderungen, Stickstoffbelastungen von Gewässern und erhöhte Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre genannt. Auch der vorletzte Punkt sollte aufhorchen lassen, da eben solche Stickstoffbelastungen auch durch Autoabgase zustande kommen. Es braucht also wahrlich keinen menschengemachten Klimawandel, um Autoabgase als ökologisch problematisch einzustufen. Ein Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs zwecks Minderung des Individualverkehrs etwa ließe sich also durchaus auch als konservative Position verstehen.

Die Notwendigkeit des Schutzes der Fauna manifestiert sich nicht nur in der Frage der Biodiversität und der Artenvielfalt, sondern auch im Tierschutz mit Bezug zur Tierhaltung in der Landwirtschaft. Jeglicher Form der Tierquälerei, sei es nun in Form entsprechender Nutztierhaltung oder gar von Tierversuchen, gilt es auch politisch energisch entgegenzuwirken, um den Schutz der Tiere selbst willen. Auch hier wird der Zusammenhang zu konservativen Positionen deutlich, wenn man etwa an den Brauch des Schächtens denkt. Leidensfähiges Leben gilt es vor allen menschlichen Handlungen zu bewahren, die ein eben solches Leid bewirken können.

Nachhaltiger Konsum und Zero Waste

Auch mit Blick auf die Schädigung unseres Ökosystems durch Müll – insbesondere Plastik – ließen sich schnell konservative Positionierungen herausschälen, die aber bisher alles andere als deutlich genug artikuliert worden sind. Und auch hier geht es eben nicht nur darum, dass lediglich „die Landschaft verschandelt“ wird – auch derlei Formulierungen stellen wieder primär auf das ästhetische Empfinden des Menschen ab, anstatt die Beeinträchtigung der Natur selbst in den Blick zu nehmen. Anders gesagt: Es geht bei der notwendigen Vermeidung von Müll eben nicht nur darum, dass dem Menschen nicht der wohlige Anblick der Natur beim Waldspaziergang verdorben wird, sondern um den Schutz der Natur selbst.

Einer der wesentlichsten Unterschiede zwischen Konservatismus und Neoliberalismus manifestiert sich in der Ablehnung der Konsumgesellschaft durch ersteren. Konservativ leben bedeutet eben gerade die Ablehnung der Vorstellung grenzenlosen Wirtschaftswachstums und zügellosen Lebensstils, die Ablehnung von Dekadenz, Konsum und ökonomisiertem Materialismus, zugunsten einer ganzheitlichen, disziplinierten, bewussten Haltung, im Rahmen derer sich der Mensch eingebettet weiß in eine Natur, die nicht nur seinen Lebensraum darstellt und seine Heimat symbolisiert, sondern die eben auch, ohne jede Übertreibung, eine Manifestation des Göttlichen ist.

Hier gilt es sich von neokonservativen Autoren à la Tichy, Maxeiner und Miersch etc. zu lösen, die dem Leser Neoliberalismus als Konservatismus zu verkaufen versuchen. Der Konsumwille des Individuums kann in einer Welt, in der es um das Wohl von Flora und Fauna genauso geht wie um das des Menschen, nicht mehr der Maßstab aller Dinge sein. Daher können auch liberale Allergien gegen politische Einmischungen in den individuellen Lebensstil nicht zur Entscheidungsgrundlage bei ökologischen Fragen werden. Anders gesagt: Es ist durchaus legitim, wenn sich der Staat zum Ziel setzt, seinen Bürgern etwa korrekte Mülltrennung oder nachhaltigen Konsum näherzubringen. Fatalistisches Schulterzucken, während der konsumfreudige, vollgefressene Teenager seine leeren McDonalds-Tüten ins Gebüsch wirft, gehört in die Welt der 80er-Jahre-Yuppies, aber nicht ins 21. Jahrhundert.

Um derlei Missständen zu begegnen, können und sollten gerade auch konservative Kräfte Positionen aufgreifen, die man keineswegs den Grünen überlassen muss, welche diese durch ihren elitären Habitus und ihre gesellschaftspolitischen Positionen ohnehin unglaubwürdig machen. Die Grundgedanken der sogenannten Zero-Waste-Bewegung etwa verkörpern nahezu in Gänze konservative Werte, denn sie implizieren einen disziplinierten, konsumkritischen und nachdenklichen Lebensstil in Harmonie mit der Natur, ein im positiven Sinne einfaches Leben, wie es schon zu Zeiten der Lebensreformbewegung angestrebt worden war. Wer Müll vermeidet, tut etwas für sich, vermutlich auch für seine Gesundheit, für die Natur, für die Gemeinschaft. Vor diesem Hintergrund wären etwa auch wirtschaftliche Innovationen wie die sogenannten verpackungsfreien Läden zu fördern.

Nicht nur ein ökologischer Fortschritt

Der Nutzen all dessen wäre offenkundig – nicht einmal lediglich aus ökologischen Motivationen heraus, sondern auch aus gesamtgesellschaftlichen. Wer ökologisch lebt, lebt reflektierter, bewusster, verantwortungsvoller. Ein solches Bewusstsein dürfte sich, wenn es erst einmal vorhanden ist, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch auf andere Lebensbereiche und politische Felder ausdehnen – hin zu mehr gegenseitigem Respekt, Werteverständnis, Rücksichtnahme, Disziplin und Solidarität. Mehr können sich gerade Konservative schwerlich wünschen.

Florian Sander

Florian Sander, M. A., hatte zunächst einen nebenamtlichen Lehrauftrag (2013 – 2015), danach eine hauptamtliche Dozentur (2016 – 2019) an einer Fachhochschule inne, lehrte dort Sozialpsychologie, Soziologie und Politikwissenschaft und arbeitete auch als Verhaltenstrainer. Er ist aktuell Doktorand an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology (BGHS), Universität Bielefeld.
Von 2009 bis 2014 war er Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld. Seit 2018 betätigt er sich als Mitglied der Landesprogrammkommission und des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD NRW sowie als Leiter des Arbeitskreises Kommunalpolitik der AfD Bielefeld, deren stellvertretender Kreissprecher er seit 2019 ist. Er war Autor für den Blog Le Bohémien (2010 – 2017), für das Online-Magazin Rubikon (2017 – 2018) und für die Linke Zeitung (2017 – 2018) und schreibt seit 2018 für das Kultur- und Lifestyle-Magazin Arcadi sowie seit 2019 auch für den Blog des Jungeuropa-Verlags, für die rechtsintellektuelle, vom Institut für Staatspolitik (IfS) herausgegebene Zeitschrift Sezession und für das Zentralorgan des Bundes Deutscher Unitarier e. V., Glauben und Wirken.

7 Kommentare zu „Ökologie, Naturschutz und Nachhaltigkeit

  1. Lieber Florian Sander,
    wir sind uns gar nicht uneins – soll ich schreiben: „natürlich“ nicht uneins? – über den Naturschutz als Ziel. Wie ein Heuschreckenschwarm vernichten Menschen Lebensräume und Arten, auf die ich größten emotionalen Wert lege und die für das Überleben der Spezies Mensch erforderlich sind.
    Aber Ihre philosophischen Argumente funktionieren so nicht – philosophisch nicht:
    Der Begriff Natur ist ein ebenso anthropozentrischer Begriff wie der Begriff Umwelt. Als Gegenbegriff zur menschlichen Kultur bildet er eine menschliche Abstraktionsleistung, eine gedankliche Kategorisierung. Ohne solche Kategorisierungen funktioniert menschliches Denken nicht. Als menschliche Gedankenkategorie kann er aber gar nichts anderem als anthropozentrischen Denken entspringen: Wir Menschen mit unserer Kultur hier – „die Natur“ dort. Was in diese Kategorie gehört, erfordert wiederum anthropozentrische Definitionen: Gehört der Kohlkopf im Gemüsegarten nun zur Kultur oder zur Natur? Gehören die eisigen Wüsten des Mars zur schützenswerten Natur?
    Die Dichotomie Natur – Kultur ist tief in der Philosophiegeschichte verankert und birgt dieselbe Problematik wie der weiter gefaßte Begriff Umwelt.
    Wer „die Natur um ihrer selbst willen schützen“ möchte, muß in einem ersten gedanklichen Schritt begrifflich klären, was er mit Natur meint und ob er dabei nicht schon in der normativistischen Falle eines wertbehafteten Naturbegriffes sitzt. Es gibt nichts „um seiner selbst willen“ Wertvolles. Jede Bewertung erfordert ein bewertendes Subjekt und ein bewertetes Objekt. Werte stecken niemals in dem bewerteten Objekt, sondern nur im Kopf des Bewerters. Das gilt umso mehr, wenn das Objekt selbst gar kein reales Objekt ist, sondern nur eine, gleichfalls im Kopf des Bewerters, erzeugte Gedankenkategorie.
    „Die Natur ist wertvoll an sich“ erfordert also in einem ersten gedanklichen Schritt, in meinem Kopf eine Idee davon zu erzeugen, was für mich „Natur“ ist, und im zweiten Schritt, mich dieser meiner Idee emotional zuzuwenden und ihr einen Wert beizumessen.
    Zur „All-Einheit als Trägerin des Göttlichen“ möchte ich nicht viele eigene Worte verlieren und mit Nicolai Hartmann (Teleologisches Denken, S.8) antworten: Bei einer solchen Teleologie des Ganzen „wird der als Einheit verstandenen Welt ein oberstes bewegendes oder schaffendes Prinzip zugeschrieben, das als Absolutes, Weltgrund oder Gottheit, die Mannigfaltigkeit der Seinsformen zwecktätig hervorbringt.“ Diese Teleologie verfährt „rein summarisch, ohne auf das Besondere Rücksicht zu nehmen. In ihren theologischen und halbtheologischen Formen (zu den letzteren gehören auch die Pantheismen) bildet sie die am meisten verbreitete und populärste Form des finalen Weltbildes. Charakteristisch für sie ist, daß das Telos hier weder den Prozessen noch den Formgebilden immanent gedacht ist (nicht als ihr innerer Antrieb), sondern weit jenseits ihrer, „über“ ihnen, als transzendenter Zweck. Meist wird es als Endzweck verstanden, der von einer Weltvernunft gesetzt ist; und dann ist es nur konsequent, wenn die letztere auch als lenkende Vorsehung das Ganze des Weltprozesses durchwaltet und über der Verwirklichung des Endzweches wacht. Alle Autonomie und alle Selbständigkeit der Gebilde ist hier a limine aufgehoben. Das aber ist freilich eine Konquenz, die wir nur selten in klar ausgesprochener Form gezogen finden.“
    Eine konservative Theorie aber, die den Anspruch auf Brauchbarkeit im Jahre 2019 erhebt, kann keine sein, die nur Menschen mit esoterischen, metaphysischen oder religiösen Neigungen zu irgend etwas Göttlichem überzeugt.
    Viele Grüße
    Klaus Kunze

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  2. Lieber Klaus Kunze,

    genau darin liegt ja der unitarische Gedanke (Unitas = Einheit): Die ständigen Dualismen aus Diesseits / Jenseits, Kultur / Natur, Mensch / Umwelt etc. aufzulösen. Wir befinden uns in der Tat in der Sphäre des Pantheismus, in der der Mensch TEIL eben dieser Natur ist. Ein besonderer zwar, ja, weil er sich über diese Dinge überhaupt erst Gedanken macht, aber dennoch eben ein Teil, der sich in diese Natur einfügt. Nicht: Ihr vorsteht, aus ihr herausragt, ihre „Krone“ ist o. ä. – sondern: Ein Teil des Göttlichen, der Einheit, des Ganzes. Insofern lässt sich das m. E. durchaus gut vertreten. Die unitarische Vordenkerin Sigrid Hunke hat das in ihrem Buch „Europas eigene Religion“ sehr ausführlich und plausibel dargelegt.

    Ich glaube schon, dass konservatives Denken und Glaube / Religion / Metaphysik zusammengehören. Gerade das macht einen ja konservativ: Die Skepsis gegenüber der liberalen Aufklärung und Rationalisierung, das Streben nach „Wiederverzauberung der Welt“. Konservatismus setzt genau darauf. Ich werde auf meinem Blog in Kürze einen kleineren Artikel veröffentlichen, der das illustriert.

    Viele Grüße
    Florian Sander

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    1. Lieber Herr Sander,
      ich stimme Ihne zu, daß Dualismen aus Diesseits / Jenseits, Kultur / Natur, Mensch / Umwelt etc. nur Scheindichotomien sind.
      Ich folge nicht Ihrer Spekulation, es gebe ein Jenseits. Menschen sind von Natur aus Kulturwesen und als solche natürlich Teil des natürlichen Geschehens – was auch sonst. Die Dichotomie Mensch-Umwelt ergibt nur Sinn aus einer Perspektive, die Menschen nicht als Bestandteil ihrer „Umwelt“ sieht, was aber offenbar Unsinn ist.
      Konservatives Denken ist kein inhaltlich feststehender Begriff und war es nie. Wer vom Glauben an Götter, Wunder, himmlische Versprechungen und dergleichen nicht lassen kann, mag diesen Glauben zu konservieren suchen. Andere Konservative suchen völlig andere Denkinhalte und soziale Zustände zu konservieren. Konservativ zu sein ist eine Denkstruktur mit beliebigem Inhalt.
      Es gibt nur eine umfassende Aufklärung, und die ist nicht liberal. Der Liberalismus hat seine spezifischen Glaubensinhalte, zu Beispiel den an die Heterogonie der Zwecke, der zufolge wie durch eine unsichtbare Hand aus egoistischer, freier Konkurrenz aller Kräfte in wunderbarer Weise „Allgemeinwohl“ entstehen soll.
      Wiederverzauberung der Welt kann ich für mich jederzeit haben: Bei Tolkien und seinen Epigonen, aber auch bei einem Spaziergang im Wald. Es gibt zauberhafte Momente – auch ohne eingebildeten Mystizismus.
      Ihre emotionales Movens kann ich gut verstehen. Ich antworte darauf auf Elfisch:
      http://klauskunze.com/blog/2019/11/27/649/
      Viele Grüße, Ihr
      Klaus Kunze

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  3. Da muss ich einhaken: Ich schrieb nirgends von einem Jenseits. Unitarier glauben ja vielmehr gerade an das Göttliche im Diesseits, um uns herum. Das ist ja eben diese All-Einheit, die damit einhergeht. Und das ist für jene, die daran glauben, dann auch mehr als nur Spekulation oder gar „Einbildung“ (ein Begriff, den ich übrigens als implizit abwertend, weil pathologisierend empfinde).

    Nein, klare, eindeutige und unanfechtbare Definitionen von den Begriffen Konservatismus, Liberalismus und auch Sozialismus gibt es in der Tat nicht. Ich lege hier nur meine Auffassung dessen dar, die allerdings auch nicht nur aus der Luft gegriffen ist, sondern sich aus einer Vielzahl von weltanschaulicher Grundlagenliteratur (etwa der Konservativen Revolution) herleitet. Dass Konservatismus eine relativ klare Bindung an übergeordnete, weltliche und oft eben auch spirituelle kollektive Identitäten hat, lässt sich sowohl in Europa als auch in Nordamerika beobachten. „Beliebig“ ist er daher nicht, selbst wenn manch in der Tat beliebige Opportunitätspolitiker etwa aus CDU/CSU versucht, den Begriff noch krampfhaft für sich zu reklamieren (was diesen Leuten aber eh keiner mehr abnimmt).

    Liberalismus und Marxismus sind ohne die Aufklärung nicht zu denken – und andersherum genauso (man denke an Kant, Voltaire, 1789 und ähnliche Stichworte). Beide Ideologien tragen in sich die Loslösung vom Ursprünglichen, vom Metaphysischen, vom Idealismus – hin zum Materialismus (Liberale für [Groß-]Bürger, Marxisten für Arbeiter und Bauern). Was Sie beschreiben, ist der Wirtschaftsliberalismus (und heute: Neoliberalismus), aber Liberalismus als Ganzes ist ja mehr. Da geht es nicht nur um das Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft, Nachtwächterstaat etc., sondern um Individualismus und Individualrechte, Rationalismus, Technisierung, Arbeitsteilung, (mit Luhmann gesprochen) funktionale Differenzierung, heute auch Digitalisierung, Postmoderne und das Ende großer weltanschaulicher Entwürfe. Und genau an dem Punkt treffen sich Liberalismus und Aufklärung. Beides steht dem konservativen Gedanken letztendlich entgegen.

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  4. Der „Geschichte“ genannte Entwicklungsgang, der aus der Kreisbahn des Geschehens hinausführt und fürder nicht zu vergleichen ist dem Schicksal sonstiger Lebewesen, beginnt in eben dem Augenblick, wo der Mensch den Zustand des „Paradieses“ verliert und unversehens mit entfremdeten Blicken in nüchterner Helle draußen steht, entrissen dem unbewußten Zusammenklange mit Pflanzen und Tieren, Wässern und Wolken, Felsen, Winden und Sternen. Ludwig Klages

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