Ernst Rudorff

Ernst Rudorff
Ernst Rudorff (1840-1916)

von Heinz-Siegfried Strelow

Ein Portrait Ernst Rudorffs, des Begründers der Natur- und Heimatschutzbewegung

»Mächtige moderne Kulturbewegung entfacht«

Die 1913 von dem Lebensphilosophen Ludwig Klages verfaßte Schrift »Mensch und Erde« gilt auch heute noch zu Recht als einer der wichtigsten Meilensteine auf dem Weg zur ökologischen Bewußtseinsbildung. In eben dieser Broschüre findet sich, gewissermaßen als mahnende Begründung für ein sorgsameres Verhältnis zur Natur und zu den ursprünglichen Kulturformen, eine sogenannte »Totenliste«, in der Klages all jene Tier- und Pflanzenarten, Landschaften und Kulturleistungen aufführt,die den »Segnungen der Zivilisation« bereits zum Opfer gefallen sind. Diese Liste schließt mit einem Verweis auf einen Vorläufer in dieser Mahnerrolle: »Dies alles«, schreibt Klages, »wurde ja wieder und wieder, obgleich vergeblich, ausgesprochen, mustergültig schon 1880 durch den trefflichen Ernst Rudorff, auf dessen Aufsatz »Über das Verhältnis des modernen Lebens zur Natur« […] wir jedermann ausdrücklich hinweisen wollen.« Klages gehörte, als er diese Zeilen schrieb, dem »Deutschen Bund Heimatschutz« an, jenem Verband, der neun Jahre zuvor auf Betreiben Ernst Rudorffs gegründet worden war. Mehr noch als dieses Engagement hatte freilich das künstlerische Wirken des Komponisten Rudorffs dazu beigetragen, daß sein Name in den letzten Friedensjahren des deutschen Kaiserreiches nicht zu den Unbekanntesten zählte.

Um so erstaunlicher muß daher stimmen, daß Rudorff in unserer verbal-ökologisch so sensibilisierten Zeit fast völlig in Vergessenheit geraten ist. Außer eifrigen Philatelisten, denen die von der Bundespost zu Ehren des 150. Geburtstages Rudorffs herausgebrachte Marke ein Begriff sein mag, dürften die meisten Zeitgenossen nur mit einem Achselzucken antworten, wenn man sie nach dem »Begründer des Naturschutzes«, wie es lapidar auf dem Postwertzeichen heißt, fragt. Wer also war jener Mann, auf den die Wortschöpfungen »Naturschutz« und »Heimatschutz« sowie die damit verbundenen ersten Aktivitäten zurückgehen?

Ernst Rudorff wurde am 18.Januar 1840 in Berlin geboren. Seine Eltern gehörten zu den wohlgebildeten Bürgerschichten Berlins, in denen der Verkehr mit den bedeutendsten Geistern der Romantik selbstverständlich war. Der Vater Adolf Friedrich Rudorff hatte sich als Schüler Savignys und Jurist der »Historischen Schule« Ansehen erworben, während sich das Haus der mütterlichen Linie Pistor zu einem Zentrum schöngeistiger Treffen entwickelte, die auch durch Besuche Goethes, Eichendorffs und der Schleiermachers beehrt wurden. In diesem Fluidum wuchs der kleine Ernst heran. Ihm war es noch vergönnt, in Kindertagen Bekanntschaft mit Achim und Bettina von Arnim, mit Ludwig Tieck und den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm zu machen. Letzterer verehrte dem Knaben eine Ausgabe seiner Märchensammlung, versehen mit der Widmung »ein kleiner Spaß für den kleinen Ernst«.

Man mag die kindliche Zuneigung zu Sagen, Märchen und der Tier- und Pflanzenwelt als etwas Normales im menschlichen Reifungsprozeß ansehen, für den kleinen Ernst Rudorff sollten sie aber dauerhaft im Mittelpunkt seines Lebensgefühls und seiner seelischen Grundstimmung bleiben. Zweifellos hat der frühzeitige Umgang mit der Geisteshaltung der Romantik seinen Anteil daran, jedoch scheint bei dem heranwachsenden Knaben, der sich selbst in seinen Erinnerungen, die bezeichnenderweise den Titel »Aus den Tagen der Romantik« tragen, als ein wenig robustes und sportlich talentiertes Kind beschreibt, auch eine ausgeprägte persönliche Veranlagung vorhanden gewesen zu sein, die Natur mehr als nur oberflächlich zu erschließen und »mit einer Art Ehrfurcht« zu betrachten. In seinen Erinnerungen schildert Rudorff die »bedrückende Abneigung«, die er bei den elterlichen Spaziergängen am Stadtrand von Berlin empfand:

»Mein Vater ging gern einmal gegen Abend aus dem Halleschen Tor ins Freie. Die Stadt hatte mit dem Belle-Alliance-Platz ihr Ende. Die Natur sollte also anfangen. Man sah aber nichts als ein paar vereinzelte häßliche Häuser, magere Kornfelder, eine Reihe von Pappeln, den sogenannten Kreuzberg mit seinem kahlen, gelben Sandabhang und den träge dahinschleichenden Kanal. Mit einem unbesieglichen Trübsinn erfüllte mich jedesmal dieser Anblick. Ich suchte ihm nach Möglichkeit auszuweichen. — Der Heftigkeit solchen Widerwillens stand auf der anderen Seite die enthusiastische Liebe gegenüber, die meine Seele für unser Lauenstein mit seinen Bergen, seinen herrlichen Buchen- und Eichenwäldern empfand. Bis in die Dämmerung frühester Kindheit reicht dieses Gefühl innigster Anhänglichkeit.«

Lauenstein. Dieses kleine Dörfchen im südniedersächsischen Bergland bildete für Ernst Rudorff die eigentliche Heimat. Seine Eltern hatten hier ein stattliches Anwesen, die Knabenburg, erwerben können, die die Vorburg einer älteren Anlage war, von der nur noch die Ruinen oberhalb des Lauensteiner Tals existierten. Hier verbrachte die Familie Rudorff die Sommermonate. Der kleine Ernst durchstreifte dort die Wälder und ließ sich von der Vielfalt der zoologischen und botanischen Eindrücke fesseln, während seine Altersgefährten auf den Straßen des Dorfes herumtobten. So, wie ihn die Natur faszinierte, fühlte er sich auch zu den vielfach noch lebendigen Traditionen der Landbevölkerung hingezogen. Seine Schilderungen, etwa über den Anblick der herbstlichen Kartoffelfeuer auf den vom Abendlicht überfluteten Feldern, sind in gewisser Hinsicht bereits eine Vorwegnahme jenes späteren Denkens und Handelns, in dem Heimatverbundenheit, Romantik und Ästhetizismus zu einem unverwechselbaren Amalgam verschmolzen. Rückblickend hat Rudorff die Tage in Lauenstein als Quell seiner Weitsicht und seiner Betätigungsfelder charakterisiert:

»Der Fleck selbst aber, das Stück Erde, das den Schauplatz gab für all dies menschliche Tun und Treiben, Kommen und Gehen: es ist im wesentlichen dasselbe geblieben in seiner stillen Schönheit, und dieser Boden an und für sich war es auch in jener fernen Zeit vor allem übrigem was auf mein inneres Leben, mein Empfinden und Denken nährend und entwickelnd einwirkte. Hier durfte ich teilnehmen an jenen geheimnisvollen Vorgängen des natürlichen Lebens, des Wachsens und Vergehens, des Blühens und Welkens schon zu einer Zeit, wo die Seele noch halb im Schlaf liegt, und wenn sie da schon träumend Wunderbares empfängt, um wieviel Größeres erlebt sie, wenn sie nun wirklich mehr und mehr zu bewußtem Dasein erwacht.«

Seine ausgeprägte Sensibilität hatte den jungen Ernst Rudorff frühzeitig für musikalische Reize zugänglich werden lassen. Bereits als Zweijähriger soll er »viele Lieder auswendig« gekonnt haben und erhielt daraufhin im Alter von fünf Jahren Klavierunterricht. Mit acht Jahren erfolgten die ersten Kompositionsversuche und spätestens nachdem der jugendliche Rudorff 1854 Clara Schumann kennengelernt hatte, stand für ihn fest: er mußte Musiker werden. Ein erster öffentlicher Auftritt des 17jährigen wurde von der Berliner Presse günstig aufgenommen. Als Rudorff 1859 das Berliner Friedrichs-Gymnasium verließ, mußte er freilich auf Drängen des Vaters ein Theologiestudium antreten, was »ohne die notwendige innerliche Freudigkeit« geschah. Es erfolgte eine Auseinandersetzung mit dem Vater und schließlich konnte Ernst Rudorff durchsetzen, an das Leipziger Konservatorium überzuwechseln, allerdings unter der Bedingung, die theologischen und historischen Studien fort-zusetzen. Von den Vorlesungen Treitschkes abgesehen, hatte der Student jedoch nur Ohren für die Musik. Nach Abschluß seines Studiums schien so eine freie Künstlerlaufbahn vorgezeichnet. Bonn, Hamburg und Köln waren kurzfristige Stationen auf diesem Weg, bis Rudorff 1870 schließlich an der neugegründeten »Königlichen Hochschule für Musik« in Berlin eine dauerhafte Anstellung fand. Als Leiter der Klavierabteilung sollte er hier bis zu seinem Abschied im Jahre 1910 wirken.

Das kompositorische Wirken Rudorffs soll im Zusammenhang dieser Betrachtungen nur am Rande gestreift werden, soweit es für die Skizzierung der Persönlichkeit Rudorffs notwendig ist. Daß sein Gesamtwerk, das neben drei Sinfonien rund 60 Lieder für einzelne Singstimme oder gemischten Chor umfaßt und musikalische Juwele wie den »Gesang an die Sterne« (op. 43) oder die 1866 herausgegebene Partitur zu Webers Oper »Euryanthe« birgt, in gleicher Weise wie sein heimatschützerisches Wirken dem Vergessen anheimgefallen ist, muß aber nachdenklich stimmen. Rudorffs Verhältnis zur Musik entsprach, wie bereits angedeutet, seiner ästhetischen Beziehung zur Natur. Letztlich waren beide Bereiche untrennbar miteinander verwoben. Rudorff vermerkte hierzu 1870 in seinem Tagebuch:

»Im allgemeinen läßt sich wohl der Eindruck der Instrumentalmusik am besten mit der Landschaft vergleichen; es ist kaum Freude und Schmerz zu nennen, was man beim Hören empfindet […] Es ist ebenso unbegreiflich, warum der Schwung einer fernen Berglinie schön ist und das Gemüt ergreift, als die Bewegung der Seele zu erklären und zu benennen ist, die irgendein Musikstück hervorruft. Der eine wird mehr nach der Seite des Erhobenseins, der andere nach der Wehmut durch denselben Eindruck in der Natur berührt, und man kann nicht anders sagen als: Beides liegt darin, beide Gegensätze sind darin beschlossen. Berge, Wolken, Ströme, Bäume, Farben und Schatten sind wie die Motive und Klänge, aus denen ein Musikstück sich zusammenwebt, und das unerklärliche Etwas, was als Harmonie über ihrer Verbindung schwebt, ist das, was hier und dort die Seele bezaubert, fesselt und mit sich fortzieht.«

Einem Menschen, der solche Gefühle hegte, mußten die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in immer stärkerem Maße einsetzenden Umwälzungen in Technik und Landschaftsveränderung als ein schneidender Mißton im harmonischen Zusammenspiel von Natur und Kultur, wie es von der Romantik als Ideal gesehen wurde, erscheinen. Die Folgen der Industrialisierung machten auch vor dem Leinebergland und dem Lauensteiner Tal nicht halt. »Scheu flieht Sage und Brauch vor den Baken der Geometer und dem schrillen Pfiff der Lokomotiven in die entlegensten Walddörfchen« notierte 1860 der südniedersächsische Volkskundler Karl Seifart. Rudorff mag ähnlich empfunden haben. Hand in Hand mit der Verkoppelung sah er nicht nur die Vielgestaltigkeit der natürlichen Landschaft weichen, sondern registrierte mit großer Sorge auch den Prozeß der Abwanderung der Landarbeiter in die großen Städte, von denen wiederum neue Formen des Lebensstils in die Dörfer gelangten. So verschwanden die unbegradigten Bachläufe und Feldgehölze in gleichem Maße wie die plattdeutsche Mundart, die alten Trachten und Bräuche. Für Rudorff war diese Entwicklung allein aus ästhetischen Gründen unerträglich. Allerdings verband er mit diesem Empfinden auch gesellschaftspolitische Sorgen, von denen noch die Rede sein wird.

Im heimatlichen Lauenstein war Rudorff jedenfalls entschlossen, die Auswüchse des Fortschrittsstrebens und der Urbanisierung aufzuhalten. Hierfür scheute er keine Mühen und vor allem keine Kosten. Er kaufte alte Eichenalleen auf dem Stamm und bewahrte sie so vor dem Schlag; er erwarb das Lauensteiner Tal und setzte in zähem Kampf mit den Behörden durch, daß hier die alten Wege, Gebüsche, Feuchtstellen und Waldspitzen unangetastet blieben; schließlich ließ er sich sogar die Burgruine von Lauenstein zuweisen, als bekannt wurde, daß sie einem Ausflugslokal weichen sollte. Natürlich waren dies nur lindernde Maßnahmen, die nichts an der generellen Entwicklung zu ändern vermochten. Und während das Wort »Naturschutz«, das 1888 erstmals in einem Tagebucheintrag auftaucht, noch im verborgenen blieb, wurde im Jahr 1880 der Öffentlichkeit die erste Frucht der eingehenden Beschäftigung mit der Naturzerstörung präsentiert. Schon die einleitenden Zeilen des Aufsatzes »Über das Verhältnis des modernen Lebens zur Natur«, der in den »Preußischen Jahrbüchern« abgedruckt wurde, ließen aufhorchen:

»Man feiert die Natur, aber man feiert sie, indem man sie prostituiert (…) Eine wahre Manie hat die Welt ergriffen, die Natur in ihrem eigensten Wesen zu zerstören unter dem Vorhaben, daß man sie dem Genuß zugänglich machen will.«

Die Angriffe gegen den industriellen Fortschritt führt Rudorff in dieser seiner ersten Anklageschrift auf zwei Ebenen durch. Zum einen beklagt er die ästhetische, seinem konservativen Kunstgeschmack konträr laufende Rohheit des Industrialismus, der durch die gerade, rationale und kalte Linie verkörpert wird; zum anderen finden sich aber auch erste Warnungen vor der Belastung der Natur durch industrielle Schadstoffe. Vor allem die Fabrikschornsteine, »die mit ihrem Qualm allen Duft der Poesie längst hinweggeräuchert haben, deren garstige, himmelhoch ausgestreckte Gradlinigkeit allem Malerischen Hohn spricht« fanden seine beständige Kritik. Nicht minder heftig war seine Aversion gegen die Flurbereinigung und Verkoppelung:

»Jede vorspringende Waldspitze wird dem Gedanken der bequemen geraden Linie zuliebe rasiert, jede Wiese, die sich in das Gehölz hineinzieht, vollgepflanzt, auch im Innern der Forste keine Lichtung, keine Waldwiese, auf die das Wild heraustreten könnte, mehr geduldet. Die Bäche, die die Unart haben, in gewundenem Lauf sich dahinzuschlängeln, müssen sich bequemen, in Gräben geradeaus zu fließen. Der Begriff des Feldweges als eines Fußpfades, der sich in ungekünstelter Linie bald zwischen wogenden Ähren, bald über ein Stück Wiese dahinzieht, wie ihn im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte das Bedürfnis hat werden lassen, hört für die Wirklichkeit auf zu existieren. Hermann und Dorothea treffen einander zukünftig auf dem ,Koppelweg‘, d.h. einem endlos in schnurgerader Richtung das ebene oder unebene Terrain durchschneidenden Ackerfuhrweg von 10-20 Meter Breite, dem sein alter ego, der ,Koppelgraben‘ das Substitut für den ehemaligen Wiesenbach, getreulich zur Seite läuft. Bei der rechtwinkligen Einteilung der Grundstücke fallen dann auch alle Hecken und einzelnen Bäume oder Büsche, die ehedem auf den Feldmarken standen, der Axt zum Opfer (…) und so ist dafür gesorgt, daß weder der Wanderer oder Arbeiter einen hübschen, schattigen Platz findet, um auszuruhen, noch der Singvogel eine Stelle, wo er nisten mag.«

In ihrer polemischen Schärfe auch heute noch äußerst lesenswert sind schließlich Rudorffs Ausführungen über die »verlebte, mattherzige Gesellschaft der großstädtischen Salons«, die mit ihren touristischen Ansprüchen auf Naturgenuß eben die letzten Reste unberührter Natur immer weiter zurückdrängte.

»Der Kellner auf dem Rigi fragt: »Wie befehlen Sie? Zuerst Souper und dann Sonnenuntergang, oder in umgekehrter Reihenfolge? Für beide Eventualitäten ist gesorgt.« Der Sonnenuntergang rangiert neben Hummersalat und Champagner, Billardspiel und Conversation als einer der verschiedenen Artikel, die dazu bestimmt sind, dem Menschen auf amüsante Weise die Zeit totschlagen zu helfen. Das erhabene Bild der Alpenkette hat den Rahmen für das elegante Treiben herzuleihen, es wird zur Dekoration herabgewürdigt. Schließlich kommt kaum mehr allzuviel darauf an, ob der Effekt von der Natur produziert oder mit Hilfe von Pappe, Farbentöpfen und allerhand Beleuchtungsapparaten künstlich hergestellt wird.«

Der Aufsatz »Über das Verhältnis des modernen Lebens zur Natur« verschaffte Rudorff eine gewisse öffentliche Aufmerksamkeit, und so fühlte er sich 1887 berufen, eine Eingabe an die Regierungen sämtlicher deutschen Bundesstaaten zu richten, in der er den Schutz »hervorragender Baudenkmäler« forderte. Ein Jahr später legte er der Posener Tagung des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine einen Nachtrag zu dieser Eingabe vor, der erstmals den Gedanken der Unterschutzstellung von Landschaftsgebieten und einzelner Naturdenkmäler enthält:

»Es ist hierbei«, ergänzte Rudorff seine Ausführungen zum Denkmalschutz, »nicht nur an den Schutz des Menschenwerkes gedacht, sondern zugleich an die Schonung landschaftlicher Eigentümlichkeiten, insofern die Natur als Bedingung alles menschlichen Wirkens unzertrennlich von diesem bleibt, auch in der Schätzung ihrer historischen Bedeutung. Alte Bäume, Baumgruppen und Büsche, Quellen, Bäche, Wasserfälle, Hügel, Felsen, Felskämme sind unverändert und unberührt zu erhalten. Nicht nur die von seiten der Industrie, des Verkehrswesens, der Spekulation der Gastwirte, der Touristenvereine, usw. drohenden Gefahren sind ins Auge zu fassen, es ist auch, zumal bei Verkoppelungen und Gemeinheitsteilungen, die Berücksichtigung der natürlichen und historischen Verhältnisse (…) zu erwirken.«

Rudorffs Antrag wurde abgelehnt. Doch brachte ihn diese erste Schlappe in keiner Weise davon ab, den Gedanken des Natur- und Heimatschutzes weiter zu propagieren. 1892 hielt er einen vielbeachteten Vortrag über den »Schutz der landschaftlichen Natur und der geschichtlichen Denkmäler Deutschlands« vor dem »Allgemeinen Deutschen Verein« in Berlin.

1897 erschien schließlich in der weitverbreiteten Zeitschrift »Grenzboten« jener Beitrag, der Rudorffs Gedanken zum großen Durchbruch verhalf: Heimatschutz«. Rudorff überspringt hier den engeren Rahmen der Schilderung der Natur- und Landschaftszerstörung und geht erstmals eingehend auch auf die gesellschaftlichen und ökonomischen Folgen des materialistischen Fortschrittsstrebens ein. Hier finden sich einige der ersten scharfen Töne, die im 19. Jahrhundert gegen die »Ausbeutung aller Schätze und Kräfte der Natur durch industrielle Anlagen aller Art« angeschlagen worden sind. Vor allem zieht der Verfasser von »Heimatschutz« den Bogen von der Naturzerstörung zu einer urbanen, naturentfremdeten Lebensauffassung:

»Die Natur ist zur Sklavin erniedrigt, der ein Joch abstrakter Nutzungssysteme, das ihr völlig fremd ist, gewaltsam aufgezwängt, deren Leistungsfähigkeit ausgepreßt wird bis auf den letzten Tropfen (…) Dem entspricht die Gesamtstimmung unserer Zeit, die ohne jedes Verständnis für ideale Bestrebungen ausschließlich in dem Jagen nach äußerem Glanz und Effekt, nach Bequemlichkeit und materiellem Genuß befangen ist.«

Rudorff war kein Maschinenstürmer. Seine Industriekritik formulierte er aus einer konservativen Position heraus. Allerdings erkannte er im Gegensatz zu vielen zeitgenössischen Konservativen, daß sich das Vertrauen in den technischen Fortschritt und die damit verbundene Normierung der Produktion zwangsläufig auch im kulturellen und politischen Sektor niederschlagen mußte. Banal formuliert, sah Rudorff einen unvermeidbaren Zusammenhang zwischen der ökonomischen und sozialen Vermassung. Seine mahnenden Appelle verstand er als Aufforderung, Maß zu halten, auch im Vertrauen in den Fortschritt:

»Wie es niemand einfallen kann, von einer vernünftigen, höhere Rücksichten achtende Nutzung der Bodenerzeugnisse und Naturkräfte abhalten zu wollen, so könnte auch nur ein Narr fordern, die Menschheit oder ein einzelner Staat solle auf Eisenbahnen, auf Elektrizität oder auf Fabriken verzichten. Aber zwischen Gebrauchen und Gebrauchen ist ein Unterschied. Es kommt alles auf das Maß an, das man walten läßt. Den Wald ausroden bedeutet, wie Riehl einmal ausführte, bis zu einer gewissen Grenze Fortschritt und Kultur; über diese Grenze hinaus bedeutet es Barbarei, und zur Kultur wird umgekehrt das Schonen und Ansäen. Mit dem vermeintlich absoluten Fortschreiten, das die sogenannten Errungenschaften der Neuzeit darstellen sollen, steht es gerade so zweischneidig.«

Es ging Rudorff also darum, rechtzeitig jenen point of no return, jenen Scheitelpunkt auf der Kurve zu erkennen, von wo aus weiteres Fortschreiten zum Niedergang führt. Und Rudorff hielt diesen Punkt – bereits vor annähernd einhundert Jahren – für sehr nahe:

»Wer die Gesamtlage überblickt, dem erscheint der Wendepunkt längst überschritten, der Überschuß an negativen Ergebnissen, wie er in unserer sozialen Entwicklung hervortritt, riesengroß.«

Man fühlt sich bei diesen Ausführungen unwillkürlich an die Positionen des Ökologen Herbert Gruhl erinnert, dessen – von ihm selbst übrigens als »naturkonservativ« bezeichnete – Wachstumskritik bei Rudorff eine frühe Vorwegnahme findet:

»Ist man über allen Verwöhnungen,« fragt Rudorff, »die die Fortschritte der Technik der Menschheit gebracht haben, so weichlich geworden, daß man nichts Dringlicheres glaubt zu tun zu haben, als die ganze Welt, alle Lebenskreise ohne Unterschied mit Danaergeschenken zu beglücken? Daß man die alte Wahrheit ganz und gar vergessen hat: »Reich ist nicht, wer viel besitzt, sondern wer wenig begehrt«? Die Wahrheit des Delphischen Apollo lautete: »Nichts zu viel!« Wir aber leiden an künstlich großgezogenen Bedürfnissen, am »zuviel« in allen Dingen vom Größten bis zum Kleinsten. Ahnt man nirgends mehr die unausbleibliche Nemesis, die jedem Zuviel, jeder Übersättigung folgen muß?«

Die »sozialpolitischen« Konsequenzen, die von Rudorff in seinem Heimatschutz-Artikel skizziert werden, folgen im wesentlichen den analogen Auslassungen Wilhelm Heinrich Riehls. Ihr Kernstück ist die Forderung, die Fabrikarbeit zurückzudrängen und dem Handwerk seinen früheren Einfluß im Wirtschaftsgeschehen wiederzugeben. Rudorff hält dies ökonomisch für sinnvoll, vor allem aber für sozialpolitisch unerläßlich, um einer weiteren Proletarisierung vorzubeugen, »[…] weil das Folgenschwerste darin beschlossen liegt, daß dem Arbeiter die Freude an der Arbeit selbst verloren geht, sobald ihm die eigentliche Leistung von der Maschine abgenommen wird. Nimmt man sie ihm, wie sie dem Fabrikarbeiter genommen wird, der sein Tagwerk gleichgültig herunterhaspelt, so bleibt ihm nur der öde Erwerb, und für die eingebüßte Arbeitsfreude sucht er Entschädigung in Genüssen, die jenseits und außerhalb seines Berufslebens liegen. Wie ungeheuer die sittlichen Gefahren sind, die sich mit einem solchen Zustande einstellen müssen, […] das braucht wohl nicht erörtert zu werden; jeder Blick in das Leben der Gegenwart gibt erschütternde Beweise.«

Folglich könne man »nicht eher wieder zu gesunden Zuständen gelangen, bis der fabrikmäßige Betrieb lediglich auf die Dinge eingeschränkt wird, die einzig und allein nur so gemacht werden können. Alles andere […] muß dem Handwerk zu ausschließlicher Behandlung zurückgegeben werden, weil es seiner Natur nach ihm und nur ihm gehört.«

Nicht ohne Pikanterie sind schließlich Rudorffs Ausführungen zum Sinn und Zweck patriotischer Einstellung. So, wie der Heimatschützer und Künstler gegen die Fassadenkunst der historisierenden Stile der Gründerzeit, die »mit den Flicken aller Länder und Zeiten Komödie« spiele, zu Felde zog, so prangerte er zugleich einen Patriotismus an, der die mit der Industrialisierung einhergehende Entwurzelung der Landbevölkerung und die Vernichtung der »unersetzlichsten vaterländischen Besitztümer« in der Natur feiere. Ein solcher Patriotismus drehe sich den eigenen Strick:

»Wir arbeiten den Ideen der roten Internationalen mit unserer Gleichmacherei geradezu in die Hände. Es ist bezeichnend, daß die Vaterlandslosigkeit fast ausschließlich in den Fabrikbezirken aufgezogen wird. Was gibt es auch an vaterländischen Gütern besonderes zu schützen, wofür das Leben einzusetzen wäre, wenn jede Eigenart der Heimat in ihrem landschaftlich und geschichtlich gewordenen Charakter, jede Volkstümlichkeit und Besonderheit in Wesen, Sitten und Erscheinung getilgt wird […] Die elektrisch beleuchteten Mietskasernen, die Fabrikschornsteine, die Hotels und die Pferdebahnen sehen in dem modernen Rom gerade so aus wie in Berlin oder New York. Das Rennen und Hasten nach Reichtum und Wohlleben, die ganze Phrase der zivilisierten Gesellschaft in Tracht und Gewohnheiten ist dieselbe diesseits und jenseits des Ozeans. Wenn es weiter nichts mehr gibt auf der Welt als das, so ist die Frage erlaubt, warum man sich überhaupt noch bemüht, die Barriere aufrechtzuerhalten, die ein Staat dem anderen gegenüber errichtet. Dann ist es doch das klügste, den Vaterlandswahn abzuschütteln und die ungeheure lange Weile des Einerlei mit der Einführung des Volapük als Weltsprache zu besiegeln.«

Nun war Ernst Rudorff keineswegs bereit zu resignieren, auch wenn er mehr als einmal betrübt erkennen mußte, daß »diese Wahrheit gerade auf konservativer Seite noch immer nicht in ihrer vollen Tragweite gewürdigt wird«. Seine durchaus beachtlichen Vorschläge zur Milderung der sozialen Lage in den Städten, für die er die Errichtung von Einzelheimen mit Gartengrundstücken vorschlug, um den Menschen noch eine Verbindung zur Natur zu ermöglichen und sie nicht vollends in die Öde der Mietskasernen hinabsinken zu lassen, wurden freilich nicht zur Kenntnis genommen. Auch für seine Überzeugung, das Heranführen der einfachen Menschen an die Schönheit der Natur und Kultur brächte eine Stärkung ihrer konservativen Grundeinstellung, erntete Rudorff nur in geringem Maße Zustimmung. So hielt Rudorff es schließlich für angebracht, die eigene vornehme Zurückhaltung aufzugeben und eine feste Institution zur Durchsetzung des Heimatschutzgedankens aufzubauen:

»Die kostbarsten Erbgüter der beständigen Gefährdung, der sie durch die Rücksichtslosigkeit des modernen Materialismus preisgegeben sind, zu entziehen, in der Jugend Ehrfurcht und Liebe für sie als für die unverletzlichsten Heiligtümer zu wecken und zu pflegen, das wäre ein solideres Förderungsmittel für Heimat- und Vaterlandsliebe als Feuerwerk und Blumenguirlanden samt allen schönen Reden, mit denen heute patriotische Festtage im Übermaß gefeiert zu werden pflegen (…) Hier zu retten, durch energischen Zusammenschluß, durch Aufrüttelung der Geister, namentlich auch der Jugend, durch rastloses Bemühen, einen Umschwung der allgemeinen Stimmung herbeizuführen und so auch auf die Gesetzgebung Einfluß zu gewinnen, durch Aufbringung großer, bedeutender Geldmittel, mit deren Hilfe allmählich ein Nationalbesitz unveräußerlicher, unantastbarer Heiligtümer der Natur und der Geschichte erworben werden könnte – es wäre die vornehmste Aufgabe für alle, die nicht Parteiatome sind, sondern Menschen mit einem vollen Herzen für die wahre Größe und Hoheit des Vaterlandes.«

Die Jahre nach Erscheinen dieses Aufrufes waren für Rudorff geprägt durch Vorgespräche mit Politikern und Künstlern, die für den Gedanken des Natur- und Denkmalschutzes empfänglich waren. Am 30. März 1904 kam es schließlich zur Konstituierung des »Deutschen Bundes Heimatschutz«. Zu den Unterzeichnern des Gründungsaufrufes zählten so namhafte Persönlichkeiten wie Peter Rosegger, Felix Dahn und Heinrich Sohnrey. Die erste Aktivität des Bundes, die Rettung der Laufenburger Stromschnellen, wurde darüber hinaus auch von Friedrich Naumann, Werner Sombart und Max Weber unterstützt. Auf der Gründungsversammlung in Dresden hatte Ernst Rudorff auf die ihm angetragene Kandidatur zum Vorsitz des Heimatschutzbundes zugunsten des Architekturkritikers Paul Schultze-Naumburg verzichtet; allerdings trägt das Programm des Bundes unzweideutig Rudorffs Handschrift.

In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts war so in Deutschland eine natur- und kulturkonservative Bewegung entstanden, die – bei allen Widerständen seitens der Bürokratie und der Großindustrie – auf manche Erfolge verweisen konnte. Der Bund Heimatschutz hatte maßgeblichen Anteil an der Einrichtung von Heimatmuseen und konnte in Sachsen und Bayern sogar an gesetzgeberischen Maßnahmen zu Fragen des Naturdenkmälerschutzes mitwirken. Darüber hinaus reichten die Aktivitäten der einzelnen Verbände von Maßnahmen gegen Gewässerverunreinigung, Ausrichtung von Heimatfesten und dem Kampf gegen überzogene Flurbereinigungen bis hin zur Beratung bei Bauprojekten wie Stauseen und Wasserkraftwerken.

Ernst Rudorff wurde anläßlich seines 70. Geburtstages eine späte Würdigung seiner Arbeit zuteil. Die Berliner Musikhochschule umrahmte einen Festakt mit der Aufführung seiner bedeutendsten musikalischen Werke und die staatswissenschaftliche Fakultät der Universität Tübingen verlieh ihre Ehrendoktorwürde einem, wie es in dem Diplom hieß, »edlen Menschen, dem feinsinnigen Musiker und ausgezeichneten Lehrer, dem warmherzigen Freund der deutschen Heimat, der […] eine mächtige moderne Kulturbewegung entfacht hat.«

Wie machtvoll diese Kulturbewegung geworden war, zeigte 1912 der internationale Kongreß für Heimatschutz in Stuttgart: Elf Nationen, darunter auch Japan, hatten eigene Delegationen entsandt.

Ernst Rudorff erlebte diesen Kongreß noch. Vier Jahre später, am Silvesterabend des Jahres 1916, schloß er wenige Minuten vor Eintreten der Jahreswende für immer seine Augen.

Die Mahnungen aus seinen wichtigsten Schriften, »Heimatschutz« und »Über das Verhältnis des modernen Lebens zur Natur« haben über seinen Tod hinaus Gültigkeit behalten; ja, immer wieder neue Bestätigung erfahren. Er war einer der ersten, die auf den ursprünglichen Zusammenhang von Natur- und Kulturzerstörung, Massenproduktion und Massengesellschaft, sozialer und nationaler bzw. regionaler Entwurzelung hinwiesen und damit Probleme anriß, die auch heute noch ihrer politischen Lösung harren. Und so hat dieser deutsche Begründer des Naturschutzes, jener erste wirkliche »Naturkonservative«, auch heute noch seine Aktualität, wenn er warnt:

»Die Welt wird nicht nur häßlicher, künstlicher, amerikanisierter mit jedem Tag, sondern mit unserem Drängen und Jagen nach den Trugbildern vermeintlichen Glücks unterwühlen wir zugleich unablässig, immer weiter und weiter den Boden der uns trägt.«

Literatur:

  • Ludwig KLAGES: Mensch und Erde. Ein Denkanstoß. Mit einem Vorwort von Prof. Grzimek. Bonn 1980.
  • Ernst RUDORFF: Aus den Tagen der Romantik. Bildnis einer deutschen Familie. Leipzig 1935.
  • —: Heimatschutz. In: Grenzboten, Nr. 2, S.401—414 und Nr. 4, S.455—468. Berlin 1897.
  • —: Heimatschutz. (Broschüre). Leipzig u. Berlin 1901.
  • —: Über das Verhältnis des modernen Lebens zur Natur. In: Preußische Jahrbücher, Nr. 45, Jg.1880, S.261—276, Berlin 1880.
  • Walther SCHOENICHEN: Naturschutz, Heimatschutz. Ihre Begründung durch Ernst Rudorff, Hugo Conwentz u.a. Stuttgart 1954.
  • Rolf Peter SIEFERLE: Fortschrittsfeinde? Opposition gegen Technik und Industrie von der Romantik bis zur Gegenwart. München 1984.

Heinz-Siegfried Strelow

Geboren 1965 in Hannover, Mitgliedschaft in verschiedenen Umweltverbänden. Von 1986 bis 1988 Mitarbeiter Herbert Gruhls im Bundesvorstand der Ökologisch-Demokratischen Partei. Seit 1989 wieder parteifrei publizistisch tätig zu den Themengebieten Ökologie, Heimatpflege und Regionalismus.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in der wir selbst-Ausgabe 1/1991.

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