Gedanken zur Wiedervereinigung

Mauerfall Freudentaumel, Schwarz-Rot-Gold, Wiedervereinigung

von Generalmajor a. D. Schultze-Rhonhof

Gedanken zur Wiedervereinigung

Fall der Mauer, Wiedervereinigung, Wende: das erfreuliche Ereignis hat je nach Perspektive verschiedene Namen. Im Ergebnis sind wir, egal ob „Ossis“ oder „Wessis“ glücklich, dass es so gekommen ist. Es war die politische Lösung eines 45 Jahre währenden deutschen Schicksals im allerletzten Augenblick dank der Klugheit und nationalen Gesinnung der Herren Gorbatschow, Kohl, Brandt und Genscher. Ein paar Jahre später wäre es zu spät gewesen. Die DDR wäre pleite und ihre Städte und Infrastruktur zerfallend und die BRD durch ihre zunehmende Lösung von der deutschen Identität nicht mehr vereinigungswillig gewesen.

In der DDR versicherte Honecker noch kurz vor der „Wende“, dass die Mauer noch in 40 Jahren stünde, und in der BRD kämpfte die SPD noch kurz vor der „Wiedervereinigung“ um die doppelte Staatsbürgerschaft statt sich für die Einheit Deutschlands in Form der gemeinsamen Staatsbürgerschaft in beiden Teilen Deutschlands einzusetzen. Auf beiden Seiten der Mauer hatten die politischen „Eliten“ ihr Nationalgefühl verloren. Die gegensätzlichen Ideologien waren in Deutschland wirkungsmächtiger geworden als der Wille zur Einheit der Nation; wie vor und im 30jährigen Krieg die religiösen Ideologien.

Es sei dabei an die Kernaussagen der Mehrheit der westdeutschen Politiker in den zwei Jahren vor der Wiedervereinigung erinnert: (Ich habe sie mir damals aufgeschrieben.)

  • Wir wollen keinen Nationalstaat.
  • Die Wiedervereinigung wird Europa destabilisieren.
  • Das außenpolitische Ziel Westdeutschlands ist die politische Einheit Europas.
  • Die Bundesrepublik geht keinen Sonderweg.
  • Wir werden uns nicht wie vor dem Zweiten Weltkrieg zwischen die Stühle setzen.
  • Der Ostblock und die Verbündeten werden keine Wiedervereinigung zulassen.

Und viele, die sich für Intellektuelle hielten, gaben ihren Senf dazu, z. B. Günther Grass: „Die Wiedervereinigung ist ein sinnentleerter Begriff, den wir, wollen wir glaubwürdig werden, streichen müssen.“ Auch mancher, der das gesamtdeutsche Schiff zum Schluss dann doch noch vor dem Untergang gerettet hat, hatte der Wiedervereinigung lange Zeit widersprochen, so Willy Brandt, der sie noch 1988 zur „Lebenslüge“ erklärte und Egon Bahr, der sie im selben Jahr als „Quatsch“ abtat.

Jetzt, 30 Jahre später, sollten wir uns ohne Einschränkungen über die damalige Wiedervereinigung freuen. Wir sollten aber nicht vergessen, dass wir sie neben Herrn Gorbatschow vor allem dem Freiheitswillen und dem ungebrochenen deutsch-sein-Wollen der „Ossis“ verdanken und nicht westdeutschen Impulsen. Statt die Trägheit des damaligen westdeutschen Establishments, zur Wiedervereinigung beizutragen, aus dem Gedächtnis zu verdrängen, sollten wir besser Lehren daraus ziehen.

Wir stehen heute wieder in einem Richtungsstreit um den Wert und die Zukunft der eigenen Nation. Unser Volk bekennt sich je nach geistigem und geographischem Standort von positiv über indifferent bis ablehnend zu sich selbst. Die Argumente von heute sind denen von 1990 ähnlich. Sie sind heute wieder betont atlantisch oder europazentriert bis antideutsch, wie es die Anhänger von „schwarz“ über „rot“ bis „grün“ betonen, oder sie sind im Gegensatz dazu wieder auf Selbstbestimmung und Selbsterhalt gerichtet. Die Mehrheit der Deutschen ist, wenn man es nach den Wahlergebnissen beurteilt, im Westen atlantisch-europäisch orientiert bis hin zu antideutschen Auswüchsen („Scheiß-Deutschland“) bei den Grünen. Eine wachsende Menge bei den Ostdeutschen dagegen bekennt sich dazu, wie schon 1990, vor allem deutsch zu sein. Sie will das Selbstbestimmungsrecht im eigenen Lande gegen den „demographischen Wandel“ in Form einer deutlich wachsenden Mischbevölkerung verhindern. Sie wählt die Alternative zu denen, die man in der DDR die Blockparteien nannte. Sie wählt AfD.

Die Begleiterscheinungen sind denen in der alternden DDR vor 30 Jahren ähnlich. Die neuen Blockparteien von CSU bis zu den Linken haben wieder einen Klassenfeind. Diesmal ist er nicht kapitalistisch sondern nationalistisch. Dabei wird „patriotisch“ und „nationalistisch“ zum Synonym gemixt und heißt im Politik- und Mediendeutsch „völkisch-nationalistisch“ oder nur noch verkürzt „radikal“ und „Nazi“. Es muss schon auffallen, dass die Politiker der neuen Blockparteien die Worte „Deutschland“ und „Deutsche“ in ihren Reden und in den Medien vermeiden, als wären sie Tabuworte wie „Zigeuner“ oder „Neger“. Statt Deutschland heißt es „dieses Land“. Und aus den Deutschen sind die „Menschen in unserem Land“ geworden. Auch in der DDR war das Bekenntnis zur Einheit der Nation und zum deutsch-Sein seit Honeckers Machtantritt zugunsten des sozialistischen Internationalismus nicht mehr erwünscht. Viele Bürger in den neuen Bundesländern haben deshalb nicht vergessen, dass sie sich vor 30 Jahren erst unter sehr hohem, persönlichem Risiko mit dem Ruf „Wir sind ein Volk“ ihre deutsche Identität und ihr nationales Selbstbestimmungsrecht erstreiten mussten. Sie wollen nicht in die Fremdbestimmung eines sich abzeichnenden europäischen Zentralstaats geraten. Sie wollen nicht zurück in einen diffusen Internationalismus unter den Etiketten „bunt“ und „Vielfalt“ und mit der Aussicht, ab 2050 zur nationalen Minderheit auf eigenem Territorium zu werden. Sie sehen, wie stark die Tendenzen in den neuen Blockparteien sind, auf Assimilation und deutsche Leitkultur für unsere Zuwanderer zu verzichten. Sie sehen, wie die große Mehrheit der deutschen Medien als Schallverstärker der neuen Blockparteien diese Tendenzen fördern und die negativen Folgen der genannten Entwicklungen kleinreden oder gar verschweigen. Und sie beobachten mit Argwohn, wie unsere Regierungen in Bund und Ländern immer wieder großsprecherisch und dennoch ohnmächtig diesen Tendenzen und negativen Sachverhalten gegenüberstehen. Die „Wessis“ haben diese Erfahrungen selbst nicht mehr erlebt. Sie liegen schon ihr ganzes Leben lang in sicheren und warmen Betten, dass sie getrost weiterschlafen. Dabei hätten sie auch schon längst an Libyen, Syrien und dem Libanon beobachten können, wie „friedlich“ Mischbevölkerungen bisweilen miteinander leben.

Andere Sorgen, wie die um Arbeitsplätze, drohende Altersarmut, Mieten- und Energiepreise, Weltfrieden und Weltklima, sind vermutlich in Ost und West gleich stark oder schwach vertreten. Sie tragen offensichtlich nicht zu einer Spaltung der Deutschen in beiden Hälften Deutschlands bei. Selbst der Unmut der „Ossis“ über ungleiche Löhne in Ost und West und die unausgewogene Repräsentanz der Mitteldeutschen in Großkonzernen und Spitzenämtern regt vermutlich nicht so weit auf, dass er zu einem signifikant anderen Wählerverhalten in Ost und West führt.

Was 30 Jahre nach der Wiedervereinigung die Deutschen in Ost und West zunehmend spaltet, ist der Umgang der „Mächtigen“ mit dem eigenen Volk, seiner Identität, seiner Selbstbestimmung und seiner indigenen Substanz. Wenn ein knappes Viertel der Mitteldeutschen mit steigender Tendenz 30 Jahre nach der Wiedervereinigung alternativ wählt, muss das zu denken geben. Bisher hat die deutsche „Politik“ falsch darauf reagiert. Der Herr Bundespräsident, die Vertreter der Kirchen, Gewerkschaften, Medien und Parteien rufen zu Toleranz, Offenheit, Gesprächen, Transparenz, gegenseitigem Respekt und was nicht alles auf und tun permanent das Gegenteil. Sie beschimpfen AfD-Wähler und Mitglieder. Sie schließen sie von der politischen Mitarbeit, wo das nur geht, aus. Es kommt flächendeckend zu Hetzkommentaren durch Medien und Kirchenvertreter, zu Mobbing, zu Boykottaufrufen, Kontoschließungen, Kündigungen, Laufbahnnachteilen im Öffentlichen Dienst und zur Zensur im Internet durch die linksradikale NGO „Antifa“ und das mit stiller Billigung von Regierungs-und Justizbehörden. Und wenn die Medien das mit ihren Fakten-Checks „widerlegen“, ist das wie der sprichwörtliche Ruf des Diebs „Haltet den Dieb“. Toleranz und Gespräche sehen anders aus.

30 Jahre nach der Wiedervereinigung ist es wieder die „nationale Frage“, die unser Volk in Ost und West spaltet. Das Bekämpfen, Diffamieren und Ausschließen der patriotisch-nationalen Bürger ist da keine Lösung. Und das Bilden von „Resteverwertungskoalitionen“ der Wahlverlierer, wie sie jetzt als Abwehr der AfD auf Landesebene üblich geworden sind, ist auch keine Lösung für die Zukunft. Wer das deutsche Volk in Ost und West zusammenführen will, muss sich erneut der „deutschen Frage“ stellen. Wollen wir ein Mischvolk unter einer EU-Zentralregierung werden oder wollen wir ein deutsches Volk mit dauerhaft indigener deutscher Mehrheit als souveräner Staat in einem EU-Staatenbund bleiben?

Kohäsion oder Diffusion ist hier die Frage.

Generalmajor a.D. Gerd Schultze-Rhonhof

Gerd Schultze-Rhonhof wurde am 26. Mai 1939 in Weimar geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums und Abitur in Bonn trat er 1959 in die Streitkräfte ein und wurde zum Panzeroffizier ausgebildet. 1964 und 1965 unternahm er eine halbjährige Studienreise durch Namibia und Südafrika. Nach dreijähriger Verwendung als Chef einer Panzerkompanie absolvierte er die Generalstabsausbildung. Dem folgten Einsätze als Generalstabsoffizier im NATO-Hauptquartier der Armeegruppe NORTHAG, in der Truppe, im Verteidigungsministerium und eine Verwendung als Kommandeur eines Panzerbataillons. Danach bildete Schultze-Rhonhof selbst vier Jahre lang angehende Generalstabsoffiziere an der Führungsakademie der Bundeswehr aus, ehe er nacheinander Kommandeur einer Panzergrenadierbrigade, der Panzertruppenschule, der 3. und der 1. Panzerdivision und des Wehrbereichs Niedersachsen/Bremen wurde. Als letzte Dienstaufgaben leitete Generalmajor Schultze-Rhonhof die erste „Partnership for Peace“-Übung der NATO in Ungarn und nahm als Beobachter an einem ägyptisch-amerikanischen Manöver in der Libyschen Wüste teil.

Schultze-Rhonhof schied 1996 auf eigenen Antrag aus der Bundeswehr aus, weil er die Mitverantwortung für die Folgen einer unangemessenen Verkürzung der Wehrdienstdauer auf 10 Monate nicht mittragen wollte. Seitdem hat er 1997 das Buch „Wozu noch tapfer sein?“ , 2003 das Buch „1939, Der Krieg, der viele Väter hatte“ und 2008 das Buch „Das tschechisch-deutsche Drama 1918-1939″ und weitere Buch- und Zeitungsbeiträge geschrieben. Als letztes hat er 2013 das amerikanische Buch des Authors J.V. Denson “ A Centrury of War“ ins Deutsche übersetzt und unter dem Titel “ Sie sagten Freiden und meinten Krieg“ herausgegeben.

Er hat außerdem zahlreiche Vortragsreisen in Deutschland, Österreich, der Schweiz, der Türkei, Italien und Peru unternommen. 1996 wurde Schultze Rhonhof mit dem Freiheitspreis der Stiftung „Demokratie und Marktwirtschaft“-München und dem Couragepreis des „Verbandes der privaten Wohnungswirtschaft“-Hannover, 2012 mit dem Kulturpreis der Landsmannschaft für freie Publizistik ausgezeichnet.

Gerd Schultze-Rhonhof ist verheiratet, hat drei verheiratete Töchter und neun Enkelinnen und Enkel, und er lebt in Haldensleben bei Magdeburg.

Autor des Buches:

3 Kommentare zu „Gedanken zur Wiedervereinigung

  1. Als politisch immer interessierter OSSI (Jg. 1931 aus Plauen im Vogtland) und 1950 über die grüne Grenze in den Westen „gemacht“, und somit ab Konrad Adenauer alle Bundesregierungen und die handelnden Politiker (Minister und MdB) erlebt habe, bescheinige ich der derzeitigen Regierung eindeutig, die schlechteste Regierung seit Bestehen der BRD zu sein, ständige Meineide eingeschlossen.
    Desaströser geht es nicht mehr, das Märchen aus Tausend und einer Nacht wird nun Wirklichkeit.

    Liken

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