Aus dem Osten das Licht

von Rolf Stolz

Aus dem Osten das Licht

9. 11. 1989 – 9. 11. 2019: Dreißig Jahre Mauerfall

Ehe der erste Betonblock für Ulbrichts Gefängnismonument herangekarrt war, waren schon die Vorausmarkierungen für die Fundamente da: Die Repräsentanten der Selbstaufgabe und des Ausverkaufs an die Besatzungsmächte hatten von Osten und von Westen her eine aus Ideologie und Imaginationen zusammengekleisterte Mauer in den Köpfen errichtet. Umgruppiert, reformiert und neu angestrichen hat dieses Ewigkeitsbauwerk bis heute überlebt. Der nüchterne Blick auf diese Schützengräben und Sperrwerke wird allerdings erschwert durch Nebelwerfer, die Traum- und Zerrbilder vom „Nazi-Notstand“ und einem angeblich denkunwilligen „Pegida-Pack“ verbreiten. Sekundiert wird diese Propaganda durch jene, die sich „die demokratischen Parteien“ nennen, und – den Balken fest vor ihren Blick geschraubt – mit der Lupe nach Splittern im Auge angeblicher Verfassungsfeinde suchen.

Aber jenseits der handfesten wie auch der geistlos-geistvergiftenden virtuellen Mauern gab es in ganz Europa immer Freigeister und Wahrheitssucher. Von ihnen sollte die Rede sein – nicht von den Politikastern, die die neue Einheit ebenso für ihre Zwecke verwursten, wie sie einst die Spaltung des Landes profitabel ausbeuteten. In den beiden deutschen Staaten gab es immer schon eine denkende und fühlende Minderheit – auch als kurz nach dem Krieg die Mehrheit um das eigene aktuelle Überleben und das zukünftige Wohlleben kreiste und den Vertriebenen wie den Flüchtlingen aus Mitteldeutschland demonstrierte, wie kalt eine neue Heimat sein kann. Aber, die Dinge haben eben immer mehr als eine Seite – es war zugleich vorteilhaft für die Suche nach Erkenntnis und einem eigenen Standort, zu den Opfern und nicht zu den Tätern zu gehören. Den von den Nazis gequälten Juden und ihren Kindern konnte keine Propaganda den Nationalsozialismus als Lösung aller Probleme nahebringen. Die, die nach 1945 von polnischen, tschechischen und russischen Schindern vergewaltigt und vertrieben wurden, hatten allen Grund, ihre Hoffnungen nicht auf den Sozialismus / Kommunismus zu richten. Auch sie gaben ihre Erfahrung weiter an ihre Kinder. Zu diesen Erfahrungen gehörte auch, daß allzuviele Deutsche der bequemen Versuchung nachgaben, mit geheuchelten Schuldritualen und Haß gegen das eigene Volk das Menschheitsverbrechen der Annexion Ostdeutschlands und der Vertreibungen zu einer gerechten Strafe für die Verbrechen der Nazis und zu einem totgeschwiegenen Tabu zu erklären.

Aus meiner eigenen familiären Konstellation heraus hatte ich – 1949 in Mülheim an der Ruhr zur Welt gekommen als Sohn einer im Zwischenkriegspolen geborenen und 1945 vertriebenen Mutter – von Anfang an bessere Chancen als die eingeborene Stammbevölkerung des Ruhrgebiets, die reale Lage Deutschlands und seine Zukunftsperspektiven zu begreifen. Westextremismus, rheinisch-westfälischer Separatismus, Begeisterung für Spalterpolitik, für den American Way of Lies oder für eine NATO-Nibelungentreue blieben mir so erspart. Im Gegenteil hatte ich schon als junger Mann den über pures Hoffen hinausreichenden festen Glauben, zu meinen Lebzeiten den Bonner und den Pankower Separatstaat verschwinden zu sehen. Ich war vierzig, als eintrat, was sowohl der antideutsche Block aus etablierter Ignoranz und konservierter Bösartigkeit als auch die notorischen Schwarzseher zur Unmöglichkeit erklärt hatten. Auch wenn statt der Vereinigung unter einer tatsächlichen Verfassung 1990 lediglich ein Beitritt zum Grundgesetz erfolgte, auch wenn mit dem Euro das Land bald schon ausgeliefert wurde an die Brüsseler Bürokratie und die globalistischen Finanzhaie – der erste große Schritt auf einem langen Weg war getan, als die Mauer fiel. Wir wußten damals schon, daß der Kampf um Deutschlands Zukunft, um eine souveräne blockfreie Republik weitergehen wird und weitergehen muß.

Rolf Stolz

Der Publizist, Photograph und Diplom-Psychologe Rolf Stolz war seit 1967 im SDS aktiv. Seit 1979 gehörte er zur Bundesprogrammkommission der GRÜNEN und bis 1981 zu deren Bundesvorstand. Er ist weiterhin (dissidentisches) Mitglied dieser Partei. Von 1984 bis 1990 war er Sprecher des Initiativkreises „Linke Deutschlanddiskussion“, von 1990 bis 1998 stellvertretender Vorsitzender des „Friedenskomitees 2000 für Entmilitarisierung, Truppenabzug und Selbstbestimmung“. Rolf Stolz ist heute Autor u.a. der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ und der Zeitschrift „COMPACT“.

Autor der Bücher:

Weitere Bücher von Rolf Stolz sind erhältlich im Lindenbaum Verlag.

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