Die Selbsttäuschung des Westens

von Hanno Borchert

Die Selbsttäuschung des Westens

Die Vorstellung, der Kolonialismus sei ein überwundenes Kapitel der Geschichte, gehört zu den hartnäckigsten Selbsttäuschungen der Gegenwart. Zwar sind die ehemaligen Kolonien formal unabhängig, doch die grundlegenden Machtverhältnisse haben sich vielerorts lediglich verlagert, nicht aufgelöst. Ökonomische Abhängigkeiten, kulturelle Dominanz und politische Einflußnahme bestehen fort, oft subtiler, aber nicht weniger wirksam.

Besonders problematisch ist dabei der Anspruch des Westens, seine Werte und Lebensweisen als universell gültig zu betrachten. Was als Fortschritt, Freiheit oder Entwicklung gilt, wird häufig aus einer spezifisch westlichen Perspektive definiert und anderen Gesellschaften als Maßstab vorgegeben. Diese Haltung ist nicht nur Ausdruck historischer Kontinuitäten, sondern auch eine Form moderner Anmaßung, die alternative Weltbilder und Lebensrealitäten marginalisiert.

Die Globalisierung hat diesen Prozeß weiter verstärkt. Sie verspricht Vernetzung und Austausch, schafft jedoch zugleich neue Abhängigkeiten und Ungleichgewichte. Märkte, Institutionen und Diskurse sind oft so strukturiert, daß sie bestehende Machtasymmetrien reproduzieren. In diesem Sinne wirkt Globalisierung weniger wie ein neutraler Integrationsprozeß, sondern vielmehr wie ein System, das auf den Logiken vergangener Dominanzverhältnisse aufbaut.

Es überrascht daher nicht, daß sich immer wieder Widerstand formiert. Dieser Widerstand richtet sich nicht nur gegen konkrete politische oder wirtschaftliche Maßnahmen, sondern gegen die zugrunde liegende Vorstellung, es gebe einen universellen Weg, dem alle zu folgen hätten. Die Konflikte, die daraus entstehen, sind kein Zufall, sondern Ausdruck innerer Widersprüche eines Systems, das seine eigenen Voraussetzungen in Frage stellt.

So zeigt sich: Die Dynamiken, die einst den Kolonialismus hervorgebracht haben, wirken in veränderter Form bis heute fort und erzeugen genau jene Gegenbewegungen, die das bestehende System herausfordern. Eine echte Entkolonisierung steht damit weniger für ein abgeschlossenes historisches Ereignis als für eine weiterhin offene Aufgabe.

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Hanno Borchert

Hanno Borchert

Hanno Borchert, geb. 1959, Cuxhavener Jung von der Elbmündung. Schon in jungen Jahren wurde durch die Weltenbummelei (Südtirol, Balkan, Skandinavien (u.a. Dänemark-affin), Indien, Iran, Indonesien u.a.) die Beigeisterung für die Sache der Völker geweckt.

Ausgebildeter Handwerkergeselle mit abgeschlossenem Studium der Wirtschaftswissenschaften. Bücherwurm seit Kindheitstagen an, musiziert und malt gerne und beschäftigt sich mit der Kunst des Graphik-Designs.

„Alter Herr“ der schlagenden Studentenverbindung „Landsmannschaft Mecklenburgia-Rostock im CC zu Hamburg“. Parteilos. Ist häufig auf Konzerten quer durch fast alle Genres unterwegs. Hört besonders gerne Bluegrass, Country, Blues und Irish Folk. Großer Fan des leider viel zu früh verstorbenen mitteldeutschen Liedermachers Gerhard Gundermann.

Redakteur der alten wie neuen „wir selbst“, zwischendurch Redakteur der „Volkslust“.

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