von Arno Surminski
Das Kriegsende 1945 – Der Schrecken hatte viele Namen
80 Jahre Kriegsende: Gedenken an die Vertreibung der Deutschen im Osten
Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht. 2025 jährt sich dieses Ereignis zum 80. Mal – ein Anlass, an die katastrophalste Niederlage der Deutschen und die leidvollen Folgen zu erinnern, insbesondere an die Vertreibung der Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten.
Die Kapitulation markierte zwar das Ende der NS-Herrschaft, doch für viele Deutsche im Osten begann eine Zeit des Leidens. Etwa 12 bis 15 Millionen Deutsche mußten ihre Heimat in den Gebieten jenseits von Oder und Neiße, im Sudetenland sowie in Mittel- und Südosteuropa verlassen. Flucht, Deportation und staatlich angeordnete Vertreibungen prägten diese Jahre. Schätzungen zufolge starben bis zu drei Millionen Menschen durch Gewalt, Hunger oder Krankheit. Es gibt keinen Grund, den 8. Mai 1945 als Tag der „Befreiung“ zu verklären oder gar zu feiern!
(Vorwort der wir selbst-Redaktion)
Mit den Sammelbegriffen Flucht oder Vertreibung werden wir den Ereignissen des Kriegsendes nicht völlig gerecht. Jene Zeit war differenzierter, der Schrecken hatte viele Namen. Es gab die Flucht und später die Vertreibung. Ein Kapitel für sich war das Zusammentreffen der Zivilbevölkerung mit der Front und schließlich ein heute fast verdrängter Komplex: die Verschleppung.
Anfang Februar 1945 überholt eine Brigade der Roten Armee einen Flüchtlingstreck in Ostpreußen. Die Wagen halten im Schnee. Soldaten in weißen Tarnanzügen nähern sich und befehlen abzusteigen. Ein jüngerer Soldat entdeckt am Rockaufschlag eines älteren Mannes das Abzeichen der NSDAP. Er tritt näher, betrachtet belustigt das Hakenkreuz, lacht laut, sagt schließlich „Chitler kapuut“ und reißt das Abzeichen aus dem Stoff. Er läßt es in seiner Tasche verschwinden, nimmt es mit als Souvenir für sein russisches Dorf. Danach fragt er den Mann, ob er Waffen besitze. Der bejaht und zieht einen kleinen Revolver aus der Jackentasche. Der Soldat greift nach der Waffe, wirft sie weit von sich in den Schnee, geht seiner Wege. Nichts geschieht.
… Eine Stunde später in einem Haus hinter der Frontlinie. Die Flüchtlinge haben sich in einem Raum versammelt. Russische·Soldaten gehen ein und aus, um die Deutschen zu sehen. Ein älterer Soldat hat einen deutschen Jungen auf den Knien, füttert ihn mit erbeuteten Sahnebonbons und summt dazu russische Kinderlieder. Er spielt mit ihm, wie Väter mit ihren Kindern Hoppereiter spielen.
… Drei Tage später. 50 Kilometer hinter der russischen Front. Etwa 30 Männer in Zivilkleidung marschieren auf der Chaussee nach Osten. Vorn ein Posten mit Maschinenpistole, hinten ein Posten mit Maschinenpistole. Einer der Männer humpelt, kann der Kolonne kaum noch folgen. An einer Wegbiegung tippt ihm der russische Posten auf die Schulter, befiehlt ihm, in den Graben zu gehen. Dort muß er sich in den Schnee setzen, darf sitzenbleiben, während die anderen weiterziehen. Er ist frei.
Ich halte es für richtig, mit diesen angenehmen Erlebnissen zu beginnen. Nein, es wurde nicht nur gemordet, vergewaltigt und gebrandschatzt. Es gab Fälle, in denen sich Offiziere schützend vor deutsche Frauen stellten und russische Soldaten Lebensmittel an deutsche Kinder verteilten, natürlich keine Schokolade oder Corned beef-Dosen wie die Sieger im Westen, sondern oft nur trocken Brot, weil sie selbst nicht mehr besaßen. Kein Zweifel, in jenen Tagen, als die Welt aus den Fugen zu geraten drohte, hat es rührende Beispiele von Menschlichkeit gegeben. Nur kamen sie so schrecklich selten vor. Während der alte Mann mit dem NS-Abzeichen und dem Revolver in der Jackentasche unbehelligt blieb, wurden andere für nichts und wieder nichts erschossen, weil sie im Wege standen, weil sie Deutsche waren. Während ein Soldat Kinderlieder vorsang und Sahnebonbons verteilte, vergewaltigten andere im Raum nebenan deutsche Frauen . Und wie ist es jenem Wachtposten ergangen, der aus Mitleid einen humpelnden Gefangenen im Schnee sitzen ließ? Nach einem Kilometer kamen ihm Bedenken. Ihm wurde klar, daß die Gefangenen gezählt waren, daß er sein Soll abliefern mußte. Deshalb griff er sich in der nächsten Ortschaft mit vorgehaltener Maschinenpistole einen anderen Deutschen und stellte ihn als Ersatz in die Kolonne.

In der Rückschau drängt sich vor allem ein Eindruck in den Vordergrund: die Selbstverständlichkeit, mit der herzliche Menschlichkeit und fassungsloses Grauen nebeneinander hergingen, als wären es Zwillingsschwestern. Es war alles möglich. Das Schicksal des Einzelnen hing von Zufällen ab, nicht von Schuld oder Verdienst. Altkommunisten mußten ebenso sterben wie NS-Mitglieder. Landarbeiter hatten wenig bessere Überlebenschancen als Gutsbesitzer. Französische Kriegsgefangene, die auf ihre Befreiung warteten, gingen an dieser Befreiung zugrunde. Aus Versehen?
Aus Übereifer? Mit Absicht? Es ist kaum noch zu ergründen. Jedenfalls war es keine Zeit, in der viel gefragt, geprüft oder erwogen wurde. Was über den deutschen Osten hereinbrach, vollzog sich mit der Gewalt eines Naturereignisses. Stürme fragen auch nicht, welchen Baum sie entwurzeln dürfen.
Mit den Sammelbegriffen Flucht oder Vertreibung werden wir den Ereignissen des Kriegsendes nicht völlig gerecht. Jene Zeit war differenzierter, der Schrecken hatte viele Namen. Es gab die Flucht und später die Vertreibung. Ein Kapitel für sich war das Zusammentreffen der Zivilbevölkerung m it der Front und schließlich ein heute fast verdrängter Komplex: die Verschleppung.
Die Flucht
Von ihr ist zu sagen, daß es eine rein deutsche Angelegenheit war. Zwar wurde sie durch das Näherrücken der Roten Armee ausgelöst, aber die Deutschen waren unter sich. Was auf der Flucht geschah, ist von den Deutschen zu verantworten. Das begann schon mit dem Zeitpunkt der Flucht. Hätte die deutsche Führung die Flucht früher zugelassen, Frauen mit Kleinkindern und alte Leute schon Weihnachten 1944 in den Westen geschickt, wäre das Unglück in Grenzen geblieben. Die Hinhaltetaktik der deutschen Führung hat die Leiden der Zivilbevölkerung erheblich vergrößert. Oft blieb die Flucht bis zum letzten Augenblick verboten; wenige Trecks zogen entgegen dem ausdrücklichen Verbot der Behörden los. Es war keine Seltenheit, daß Flüchtlingstrecks in das Niemandsland zwischen die Fronten gerieten, weil sie zu spät aufgebrochen waren. Offensichtlich sollte die Zivilbevölkerung in Frontnähe gehalten werden, um zur Stabilisierung der Front beizutragen. Man erwartete eine größere Kampfbereitschaft der Soldaten, wenn es nicht um menschenleere Höfe ging, sondern um Frauen und Kinder. Die Verzögerungstaktik führte dazu, daß die Flucht in den tiefsten Winter fiel. An den Straßen standen Kinderwagen mit steif gefrorenen Säuglingen. Die verschneiten Felder gaben für Mensch und Tier keine Nahrung. Endlose Rinderherden zogen brüllend über den Schnee – hinter ihnen die schwarzen Punkte der verendeten Tiere. Da die Nebenstraßen unpassierbar waren, mußte der Flüchtlingsstrom auf die Hauptstraßen, traf dort mit Militärkolonnen zusammen, geriet unter Bomben und Tieffliegerbeschuß. In den Chausseebäumen hing Bettzeug und Wäsche, im Straßengraben lagen die zerrissener Pferde. Angesichts des Durcheinanders von Militärkolonnen und Flüchtlingstrecks war es fast unvermeidlich, daß die Zivilbevölkerung bei den Luftangriffen in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Ohne es zu wissen, haben die Fliehenden selbst zur Verschlimmerung ihrer Lage beigetragen. Viele glaubten bis zuletzt, als der Kanonendonner schon hörbar war, an den Endsieg. Den Krieg in der Nähe ihres Heimatdorfes hielten sie für einen vorübergehenden Einbruch. Der rührende Glaube, es werde wieder zurückgehen , das Heimatdorf werde freigekämpft, war so verbreitet, daß es vielfach zu einer Flucht auf Raten kam . Die Flüchtlinge von der Grenze zogen 100 Kilometer ins Binnenland und warteten ab. Kam die Front näher, zogen sie weiter, nun begleitet von denen , die ihnen Unterkunft gewährt hatten. So schwoll der Strom an, eine Riesenwelle wälzte sich vor der Front her.
Viele Flüchtlinge, die schließlich doch in die Mühlen des Krieges gerieten, wären unbehelligt durchgekommen, wenn sie die einmal begonnene Flucht nicht immer wieder unterbrochen hätten, weil sie auf die Rückkehr hofften. Die rührende Anhänglichkeit der Bevölkerung im Osten an die vertraute Umgebung, an die zurückgelassenen Tiere, die Gebäude und Felder, ja sogar an die Friedhöfe, hat viel zu diesem Zögern beigetragen. Wir können uns heute kaum noch vorstellen, was es für die seßhafte Bevölkerung des Ostens bedeutet hat, auf die Flucht zu gehen. Viele dieser Menschen kannten nur den eigenen Ort und die Kreisstadt; sie brachten es nicht über sich, einfach in die Eisenbahn zu steigen und davonzufahren. Für die Bewohner der Provinz Ostpreußen wirkte sich zusätzlich die Erfahrung des Jahres 1914 verhängnisvoll aus. Damals waren die Zarenarmeen von deutschen Truppen aus Ostpreußen hinausgedrängt worden. An die Erinnerung an die nur „vorübergehende Russenzeit “ von 1914 klammerten sich viele auch im Winter 1945.

Die Front
Überrollt werden von der Front war der zweite Akt des Dramas. Die einen traf es unterwegs, weil die russischen Panzer schneller waren als die Flüchtlingswagen. Andere wurden zu Hause von der Front erreicht, weil sie nicht auf die Flucht gegangen waren. Die meisten flüchteten zwar, aber gelegentlich ist es auch vorgekommen, daß einzelne Familien oder die Bewohner ganzer Dörfer zu Hause blieben. Das hatte verschiedene Gründe. Einige wollten wohl flüchten, wurden aber überrascht, kamen nicht mehr rechtzeitig davon. Andere bli eben aus freiem Entschluß. Ältere Menschen fühlten sich den Strapazen einer Winterflucht nicht gewachsen. Einige blieben aus Gottvertrauen, weil sie meinten, Beten helfe mehr als Fliehen. Oder man hatte ein gutes Gewissen: Ich habe nichts Böses getan, was kann mir schon passieren? Das war die Denkweise einfacher Menschen, die in ihren Häusern den Krieg abwarteten. Oft ließen sich gerade diejenigen, die schon immer Gegner des Nazi-Regimes gewesen waren, von dieser Denkweise verführen. Ihre Skepsis gegenüber den Parolen der NS-Propaganda führte dazu, daß sie auch die Furcht der deutschen Zivilbevölkerung vor der Roten Armee für maßlos übertrieben hielten. Auch war man sich keiner Schuld bewußt. Gerade im Osten hatte die einfache Bevölkerung von den Verbrechen der Deutschen kaum eine Ahnung.. Bis zum bitteren Ende glaubten diese Menschen, auf der guten Seite zu stehen. Je weiter östlich die Dörfer lagen, desto furchtbarer waren die Folgen für die zu rückgebliebenen Bewohner. Es ist keine Übertreibung, wenn behauptet wird, daß es in einigen dieser Dörfer nach dem Durchzug der Roten Armee mehr Tote als Lebende gab. Erst mit dem weiteren Vordringen der Front nach Westen änderte sich das allmählich.

Welches Schicksal die von der Front überrollte Zivilbevölkerung erwartete, hing nicht zuletzt von der Menge des Alkohols ab, die an die sowjetischen Soldaten ausgegeben worden war oder die sie in deutschen Depots erbeutet hatten. Die Rolle, die der Alkohol in diesem Drama gespielt hat, ist nicht hoch genug einzuschätzen. Alkohol war offenbar Stimulanz und Betäubungsmittel zugleich. Die häufigen Brandstiftungen und die brutalsten Formen der Vergewaltigung gehen zu einem guten Teil auf dieses Konto. Vergewaltigung. Das Wort hat nicht nur die Frauen traumatisch geprägt, auch die Kinder, die es mitansehen mußten. Dieses unaufhörliche Suchen nach Frauen. Das Abklappern aller Verstecke in Scheunen und Ställen. Das nächtliche Poltern an Türen und Fenstern. „Frau komm“ wurde zu m geflügelten Wort, später spielten es sogar die Kinder. Noch nie machten sich so viele Frauen alt und häßl ich wie damals.
Das Vergewaltigungstrauma wog um so schwerer, als die Moral- und Sexualauffassungen andere waren als heute. Eine verheiratete Frau, die von einem fremden Mann, dazu noch von einem feindlichen Soldaten, vergewaltigt wurde, fühlte sich entehrt im wahrsten Sinne des Wortes. Obwohl schuldlos, war es für sie eine Schande. Nur so sind die zahlreichen Selbstmorde vor oder nach Vergewaltigungen zu erklären. Auch die Fälle, in denen sich Männer vor ihre Frauen stellten, um die Vergewaltigung zu verhindern und die in aller Regel mit dem Tod des Mannes endeten, haben hier ihren Ursprung. Nach damaliger Erziehung und Moralauffassung galt es als ehrenhaft, sich in dieser Weise vor seine Frau zu stellen. Uns steht es heute nicht zu, über das Verhalten jener Menschen abfällig zu urteilen.
Vergleichsweise harmlos war dagegen die Bekanntschaft mit den Uhren- und Schmucksammlern. Mit fast kindlichem Eifer durchsuchten die sowjetischen Soldaten deutsche Westentaschen, überprüften Mantelfutter, Unterwäsche und Stiefelinhalt. Begehrt waren vor allem Uhren, die die Soldaten in möglichst großer Zahl am Arm trugen: die Trophäen der kleinen Sieger. Das Wohlstandsgefälle zwischen Ost und West mag den Hang zum „Sammeln“ verstärkt haben. Uhren waren für die einfachen Soldaten aus dem Innern der Sowjetunion und dem fernen Asien kostbare Raritäten, die zweifellos einen anderen Stellenwert besaßen als für die Besatzungssoldaten aus England oder Amerika.
Viele russische Soldaten kannten nur ein Leben unter einfachsten Verhältnissen. Nur trocken Brot zu essen war aus russischer Sicht sicher keine Zumutung. In Ställen oder Scheunen zu schlafen, darin erblickten die fremden Soldaten noch keine Herabsetzung. Meilenweit zu Fuß durch den Winter zu marschieren, empfanden sie nicht als Schikane. Zur Zwangsarbeit abgeholt zu werden, war nichts Ungewöhnliches. Die verwöhnteren Deutschen litten unter Dingen, die für die Soldaten der Roten Armee „normal“ waren. In diesem Zusammenhang darf nicht vergessen werden, daß Ostdeutschland bis 1945 nur wenig vom Krieg gespürt hatte. Die Luftangriffe betrafen hauptsächlich das mittlere und westliche Deutschland. Die Ernährungslage unterschied sich in den landwirtschaftlichen Regionen des Ostens kaum von der Vorkriegszeit. In diese fast heile Welt brach ohne Übergang der Krieg ein. Der Kontrast war ungeheuerlich. Fassungslos standen wir damals vor den sinnosen Zerstörungen, die in jedem Haus anzutreffen waren. Zertrümmerte Türen, eingeschlagene Fenster, umgeworfene Möbel, aufgeschlitzte Betten, Fotografien mit ausgeschossenen Augen, tote Katzen i m Küchenschrank, verblutete Schweine im Schlafzimmer. Die Rote Armee könnte längst in Berlin sein, wenn sie sich nicht so sehr mit dem Mobiliar aufhalten würde, lautete eine bittere Redensart jener Tage. Unermeßliche Werte gingen zu Bruch, Dinge übrigens, die in dem vom Krieg heimgesuchten Rußland dringend gebraucht wurden. Bis heute kann ich es nicht begreifen, daß niemand dieser Zerstörungswut Einhalt gebot. Wenn schon nicht , um den Deutschen ihr schönes Mobiliar zu erhalten , dann wenigstens aus purem Eigennutz, um diese Werte nach Rußland zu schaffen. Erst später sind aus den weniger zerstörten westlichen Gebieten Güterzüge und Lastwagenkonvois mit Stühlen , Schränken und Badewannen nach Osten gefahren.
Die Verschleppung
Sie war das eigentliche Drama hinter der Front. Sie vollzog sich in einer unterkühlten, unblutigen Weise, was die Grausamkeit keineswegs milderte. Es gibt zwei Formen des Schreckens. Die eine ist die Folge von Affekthandlungen, sie kommt gewissermaßen aus dem Rausch der Beteiligten, die andere ist das Ergebnis kühl berechnender Schreibtischarbeit. Zur letzteren Kategorie gehört die Verschleppung. Sondereinheiten hinter der russischen Front fingen die Zivilbevölkerung auf, sammelten und verhörten sie. Die meisten Männer, die Flucht und Front überlebt hatten , aber auch zahlreiche arbeitsfähige Frauen wurden davon erfaßt. Sie marschierten unter Bewachung ins nächste Sammellager, in dem Transporte nach Rußland vorbereitet wurden. Sinn dieser Aktion war es offenbar, deutsche Arbeitskräfte zum Aufbau des zerstörten eigenen Landes heranzuziehen. Außerdem sollte die Entfernung der Männer wohl sicherstellen , daß keine Partisanentätigkeit hinter der Front aufflackerte. Die Verschleppung erfolgte zu einer Zeit, als die Menschen glaubten, das Schlimmste sei vorüber. Es herrschte schon wieder Ruhe, man lebte zurückgezogen auf den Höfen, vom direkten Krieg war kaum noch etwas zu spüren. Plötzlich tauchten kleine Trupps Soldaten auf. In Begleitung einer Dolmetscherin gingen sie von Haus ·zu Haus. Es folgten Verhöre, Fragen nach dem Beruf und nach Parteizugehörigkeit. Gutsbesitzer, Bauern und Parteimitglieder waren am stärksten gefährdet, was nicht bedeutet, daß die übrigen verschont blieben. Nur Krankheit oder sehr hohes Alter konnten einen Mann davor bewahren, verschleppt zu werden. Erschütternde Szenen haben sich weit hinter der Front abgespielt, von niemandem bemerkt, in keiner Zeitung, in keiner Chronik erwähnt.
Zahlreichen Soldaten der russischen Sondereinheiten sah man es an, daß es ihnen weiß Gott keinen Spaß machte, Monate nach dem eigentlichen Kriegsgeschehen in Häuser einzudringen und Familien auseinanderzureißen: Es tut uns leid, daß wir deinen Vater holen müssen, aber Befehl ist Befehl. Es gehört zu den schrecklichsten Erfahrungen, die nicht nur wir Deutschen, sondern alle Teilnehmer des Zweiten Weltkrieges gemacht haben, gemacht haben sollten, daß übergeordnete Befehle die Menschen zu Handlungen bringen können, die sie aus eigenem Antrieb nie getan hätten.
Die Verschleppungen vollzogen sich in einer beängstigenden Lautlosigkeit. Es gibt über sie kaum Fotomaterial und keine dokumentarischen Berichte. Tausende sind spurlos vom Erdboden verschwunden. Verschleppte hatten geringere Überlebenschancen als die regulären deutschen Kriegsgefangenen, denn die meisten von ihnen waren alt und kränklich, überlebten nicht einmal den Transport nach Rußland. Erschütternd zu sehen, wie viele dieser Menschen im festen Glauben an ihre Unschuld ins Verderben gerieten . Sie dachten noch in den hergebrachten Maßstäben . Wer niemand geschlagen, getötet, betrogen oder bestohlen hat, ist nicht schuldig. Daß es ein Verbrechen sein kann , eine bestimmte Meinung gehabt und einer bestimmten Partei angehört zu haben, war für die einfachen Menschen des Ostens unvorstellbar.
Die Vertreibung
Zu den Kapiteln , die in der warmen Stube beschlossen, aber von den Menschen draußen in Eis und Schnee ausgebadet werden mußten, gehört die Aussiedlung der verbliebenen Deutschen aus den Ostgebieten. Hauptsächlich in der zweiten Jahreshälfte 1 945 und 1946 fand sie statt, also schon nach dem Krieg. Unmittelbar verantwortlich für die Aktionen waren die Länder, denen die deutschen Ostgebiete zugeteilt worden waren. Verantwortlich im höheren Sinne waren alle Sieger, die diesen Beschluß gefaßt hatten.
Im Winter 1 945/46 bin ich mit einem Transportzug von Ostpreußen nach Berlin gefahren. Der Zug brauchte für 600 Kilometer zehn Tage. Er bestand aus geschlossenen Güterwagen, von denen jeder mit etwa 80 Personen besetzt war.
Ich erinnere mich nicht, in den zehn Tagen einen Arzt oder eine Krankenschwester gesehen zu haben, geschweige denn eine Gulaschkanone. Die Notdurft wurde i n den Wagen verrichtet, die Toten wurden an den Bahndamm gelegt. An mehreren Stellen hielt der Zug auf freier Strecke, um Banditen das Ausplündern zu erlauben.
Der Glaube an das sogenannte Gute im Menschen wurde in jener Elendszeit einer schweren Prüfung ausgesetzt. Es ist leider nicht so, wie gutmeinende Theoretiker es sich vorstellen, daß die Menschen in Notzeiten zusammenrücken, um sich zu helfen und zu stützen. Vielmehr gewinnt in Endzeiten der Wolfsinstinkt die Oberhand; es zeigt sich, wie dünn die Oberflächentusche der Zivilisation ist. Der Respekt vor dem Eigentum anderer ging verloren, nicht nur im Verhältnis Sieger/ Besiegter, sondern auch unter den Besiegten. Jeder nahm sich, was greifbar war. Denunzianten gingen um. Wer will, mag noch ein gewisses Verständnis aufbringen für Menschen, die denunzieren, um die eigene Hau t zu retten. Völlig unbegreiflich ist mir bis auf den heutigen Tag, warum Mitmenschen „uneigennützig“ verraten wurden, nur um ihnen Schaden zuzufügen . Vergewaltigte Frauen haben den Soldaten gesagt, daß im Nachbarhaus auch Frauen versteckt sind. Warum soll es anderen besser gehen als mir? Wenn ich leide, sollen die anderen auch leiden, selbst wenn es mein Leiden nicht mindert.
Das leere Land
Das Fehlen jeder verläßlichen Ordnung war einer der nachhaltigsten Eindrücke. Fast ein Jahr lang bestand in weiten Gebieten des Ostens so etwas wie Vogelfreiheit. Die Rote Armee war hindurchgezogen, hatte ein weitgehend entvölkertes Gebiet hinterlassen und nur in den Städten Kommandanturen errichtet. Das flache Land war kaum bewohnt. Je weiter man nach Osten kam, desto weniger Menschen gab es. Weder Gesetze noch Befehle erreichten die Überlebenden. Es gab keine Zeitungen, kein Geld, keine Lebensmittelzuteilungen, keinen Arzt, kein Krankenhaus. Jeder war auf sich allein gestellt. Hin und wieder tauchten bewaffnete Banditen auf, um zu stehlen, was die Menschen zusammengetragen hatten. Vermutlich wird man bis in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges zurück gehen müssen, um auf Verhältnisse zu stoßen, die denen vergleichbar waren, die 1945 im Osten herrschten. Daß die verbliebenen Ostdeutschen das Jahr 1945 überhaupt überlebt haben, verdanken sie den in den Kellern der verlassenen Häuser zurückgelassenen Einkellerungskartoffeln des Herbstes 1944. Auch war das Wintergetreide noch vor der Flucht gesät worden und konnte im Sommer 1945 ungerührt von allem Elend wachsen und reifen. Vieh war dagegen so gut wie keines vorhanden; die letzten Herden wurden im Mai 1945 nach Osten getrieben. Nicht einmal Kaninchen oder Hühner gab es.
Im Rückblick auf jene Zeit will es mir scheinen, als seien unsere humanen Tugenden nur die Früchte geordneter Verhältnisse. Das sogenannte Gute verfällt in dem Maße, in dem jede verläßliche Ordnung aufhört.
Die Wind-Sturm-Theorie
Wie ist es zu dieser Katastrophe im deutschen Osten gekommen? Der Anstoß zu den Ereignissen des Winters 1945 wurde m Sommer 1941 gegeben, als Deutschland die Sowjetunion überfiel. Der Kanonendonner, der im Juni 1941 an der deutschen Ostgrenze deutlich vernehmbar war, kehrte im Januar 1945 an die Grenze zurück. In der Zwischenzeit war der Haß eskalliert. Die NS-Propaganda hatte die Bewohner Osteuropas zu barbarischen Untermenschen erklärt, 1945 wurde dieser Überheblichkeitswahn auf grausame Weise bestraft.
Die häufigste Erklärung für das Drama gipfelt in der Feststellung: Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Der Satz soll besagen, daß die Schrecken, mit denen die Rote Armee in Ostdeutschland Einzug hielt, nur eine Antwort auf jene Schrecken waren, die die Deutschen nach Rußland getragen hatten. Allein mit dieser Formel dürfen wir uns nicht zufrieden geben, sie wäre zu bequem. Schließlich gab es im Zweiten Weltkrieg andere Sieger, bei denen die Deutschen ebenfalls Wind gesät hatten, ohne gleich Sturm zu ernten. Außerdem ist da noch der Anspruch der Sieger des Zweiten Weltkrieges, die bessere, menschlichere Seite vertreten zu haben. Wer mit solchen Ansprüchen in die Geschichte eingehen will, muß es sich gefallen lassen, daß seine Taten gewogen und geprüft werden.
Die Rote Armee des Zweiten Weltkrieges war eine fast geschlagene Armee, die plötzlich das Blatt wenden und als Sieger in feindliches Land einrücken konnte. Wie wir heute aus Tagesbefehlen und Flugblättern wissen, ist die Kampfmoral der Soldaten mit dem Versprechen auf Beute, Frauen und Alkohol angefacht worden. So wie der deutschen Führung jedes Mittel recht war, um ein paar halbwüchsige Hitlerjungen zum Durchhalten zu bewegen, sind auch drüben bösartige Mittel eingesetzt worden. Wer Frauen als Beute verspricht, kann den einrückenden Soldaten später, wenn es um die Beute geht, nicht Disziplin und Ordnung vorschreiben. Versagt hat die politische Führung der Sowjetunion, die so auf den Sieg fixiert war, daß sie keinen Gedanken daran verschwendete, auf welche Weise dieser Sieg errungen wurde.
Viele Soldaten der Roten Armee waren sich nicht der Tatsache bewußt, etwas von der Norm Abweichendes , Unrechtes gegen über der deutschen Zivilbevölkerung zu tun . Um das zu verstehen, ist ein Blick in die Geschichte der Sowjetunion erforderlich. In den Wirren von Revolution und Bürgerkrieg sind Millionen russischer Menschen umgekommen. Danach folgten entsetzliche Hungersnöte und politische Säuberungen. Zwangsarbeit, also das, was die Deutschen nach dem Kriege als Verschleppung erfahren mußten, war für die russischen Menschen nichts Ungewöhnliches. Der Archipel Gulag wurde schon in Friedenszeiten zu einer furchtbaren Realität. Das Leben der Sowjetmenschen war in der Stalinzeit wohl feil, was übrigens auch die russischen Kriegsgefangenen erfahren mußten, die von der Roten Armee aus deutscher Hand befreit wurden. Ihr Schicksal war nicht viel angenehmer als das der Deutschen. Wenn schon dem eigenen Volk ein solcher Blutzoll abverlangt wird, wie sollte da Anlaß bestehen, Direktiven über die angemessene Behandlung der deutschen Zivilbevölkerung herauszugeben? Warum den Feind mehr schonen als die eigenen Leute?
Warum nicht schweigen?
Warum setzen wir uns Jahrzehnte danach mit Dingen auseinander, die irreparabel sind, die keinen Toten zum Leben erwecken können? Vielleicht sollte zu nächst gesagt werden, worum es dabei nicht gehen kann: Es hat nichts mit dem Wachhalten eines Revanchegedankens zu tun , auch geht es nicht um die Wahrung irgendwelcher deutschen Rechtspositionen. Nicht ein mal zur A ufrechnung mit deutschen Untaten während des Zweiten Weltkrieges ist die Erinnerung an das Kriegsende 1945 im Osten geeignet. Letztlich geht es um ein persönliches und ein allgemeingültiges Anliegen. Um mit dem Persönlichen zu beginnen: Ich habe ein schlechtes Gewissen bei dem Gedanken, daß Hunderttausende, die spurlos verschwunden sind, ohne Postskriptum aus den Listen der Lebenden gestrichen sein sollen. Die zahllosen Menschen, die unbeachtet im Straßengraben verwesten, die irgendwo aus dem Zug geworfen oder in Massengräber gelegt wurden und bis zum Schluß n icht begreifen konnten, was sie verbrochen hatten, sie verdienen es, wenigstens erwähnt und nicht um des lieben Friedens willen vergessen zu werden. Der zweite Grund ist allgemeiner Natur. Was damals geschah, spielte sich außerhalb der geläufigen Denkkategorien ab. Noch heute stehen die Überlebenden fassungslos davor. Wir dürfen deshalb nicht aufhören zu fragen: Was ist da schiefgegangen? Welche Sicherungen sind damals durchgebrannt? Nur so können wir Dämme errichten, damit dergleichen nicht wieder vorkommt. Über diese Dinge zu sprechen, gehört auch zur Friedensforschung.
Der vorliegende zeitlose Artikel erschien 1999 in der Druckausgabe der „wir selbst“ mit dem Schwerpunktthema „Vertreibung“.

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