Buchbesprechung: „Der Eurasien-Komplex: Warum und wie dem Westen die Zukunft entgleitet“

von Hanno Borchert

Buchbesprechung: „Der Eurasien-Komplex: Warum und wie dem Westen die Zukunft entgleitet“

Buchbesprechung: „Der Eurasien-Komplex: Warum und wie dem Westen die Zukunft entgleitet“ von Uwe Leuschner und Thomas Fasbender

Das Buch „Der Eurasien-Komplex: Warum und wie dem Westen die Zukunft entgleitet“ von Uwe Leuschner und Thomas Fasbender ist ein äußerst interessantes und anregendes Werk, das die geopolitischen Verschiebungen im 21. Jahrhundert beleuchtet. Die Autoren, ein Ostdeutscher (Leuschner) und ein Westdeutscher (Fasbender), bringen ihre umfangreichen Erfahrungen aus jahrzehntelanger Tätigkeit in Eurasien, insbesondere in Rußland, China und Zentralasien, ein, um ein Plädoyer für Kooperation statt Konfrontation zwischen West und Ost zu formulieren. Das 256-seitige Buch im Paperback-Format ist im Verlag edition ost, einem Imprint der Eulenspiegel Verlagsgruppe, erschienen und kombiniert persönliche Anekdoten mit geopolitischer Analyse und richtet sich an Leser, die sich für internationale Beziehungen, insbesondere mit Rußland, Zentralasien und China und die Zukunft des Westens interessieren.

Dem Buch vorangestellt ist ein Zitat von Lucie Varga (1904-1941), einer österreichisch-jüdischen Historikerin und Mitinitiatorin der Mentalitätsgeschichte, in dem es heißt: „Ganz in der Nähe ist eine Welt zu Ende gegangen. Eine neue Welt entsteht mit bisher unbekannten Konturen. Verfügen wir nicht über alle Mittel, sie zu verstehen? Der Historiker kann jetzt die Geschichte, die sich gerade begibt, aus nächster Nähe beobachten. Er kann sich viele Dokumente aus erster Hand besorgen. Und er kann, wenn er will, an Ort und Stelle gehen, beobachten und Gespräche führen. Mehr noch: Er kann in dem Land, das er untersucht, leben, um es in es in seinen Denkgewohnheiten und Verhaltensmustern zu begreifen. Aber dennoch fällt es außerordentlich schwer, die Gegenwart richtig zu interpretieren.“

Der zentrale Gedanke des Buches ist, daß der Westen, insbesondere Europa und die USA, durch Vorurteile, Überheblichkeit und falsche Narrative seine Fähigkeit verliert, die globale Zukunft mitzugestalten. Die Autoren greifen die These von Zbigniew Brzeziński auf, wonach die Zukunft der Welt in Eurasien entschieden wird, relativieren sie jedoch: Eine konstruktive Zusammenarbeit mit Ländern wie Rußland und China sei möglich, wenn der Westen seine Politik der Konfrontation aufgibt. Leuschner und Fasbender kritisieren scharf, daß ideologisch motivierte Entscheidungen, etwa das „De-Coupling“ von globalen Lieferketten oder kostspielige Sanktionen, wirtschaftliche Chancen vergeben und den Westen schwächen. Ein prägnantes Zitat aus dem Buch lautet: „Statt kaufmännisch vernünftig entscheiden wir weltanschaulich verbohrt“ (S. 130), was die Kernkritik an einer beratungsresistenten Politik, insbesondere in Deutschland, zusammenfaßt.

Die unbedingte Stärke des Buches liegt in der Verknüpfung von persönlichen Erlebnissen und fundierter Analyse. Leuschner, mit seiner Erfahrung im DDR-Außenhandel und als Logistiker in Rußland, und Fasbender, der von 1992 bis 2015 in Moskau lebte und arbeitete und heute das Geopolitik-Ressort der Berliner Zeitung leitet, schildern anschaulich, wie die Menschen in Eurasien denken und fühlen. Diese Einblicke machen das Buch lebendig und zugänglich. Beispielsweise beschreibt Fasbender die Euphorie der 1990er-Jahre, als der Osten als Markt unbegrenzter Möglichkeiten galt, und den Wandel hin zu einem Bedrohungsszenario, das durch westliche Skepsis genährt wurde. 

Die Autoren vermeiden eine einseitige Parteinahme, indem sie weder Ost noch West glorifizieren, sondern auf Kooperationsmöglichkeiten hinweisen. Die persönliche Perspektive der Autoren ist aber stark auf Rußland fokussiert, was zur Folge hat, daß andere eurasische Regionen wie Indien oder Südostasien etwas in den Hintergrund rücken.

Insgesamt ist „Der Eurasien-Komplex“ ein lesenswertes Werk, das durch seine klare Sprache, persönliche Authentizität und kritische Haltung besticht. Es fordert den Leser auf, eurozentrische Denkmuster zu hinterfragen und Eurasien eher als Partner statt als Gegner zu betrachten. 

Für alle, die die globalen Machtverschiebungen besser verstehen wollen, bietet das Buch eine erfrischende Perspektive und einen leidenschaftlichen Appell für ein Miteinander. Es ist nicht nur eine Chronik verpaßter Chancen, sondern auch ein Weckruf, die Zukunft aktiv mitzugestalten.

Literaturangabe: Leuschner, Uwe / Fasbender, Thomas: Der Eurasien-Komplex: Warum und wie dem Westen die Zukunft entgleitet. Edition Ost,  ISBN 978-3-360-02818-1

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Hanno Borchert

Hanno Borchert

Hanno Borchert, geb. 1959, Cuxhavener Jung von der Elbmündung. Schon in jungen Jahren wurde durch die Weltenbummelei (Südtirol, Balkan, Skandinavien, Indien, Iran, Indonesien u.a.) die Beigeisterung für die Sache der Völker geweckt.

Ausgebildeter Handwerkergeselle mit abgeschlossenem Studium der Wirtschaftswissenschaften. Bücherwurm seit Kindheitstagen an, musiziert und malt gerne und beschäftigt sich mit der Kunst des Graphik-Designs.

„Alter Herr“ der schlagenden Studentenverbindung „Landsmannschaft Mecklenburgia-Rostock im CC zu Hamburg“. Parteilos. Ist häufig auf Konzerten quer durch fast alle Genres unterwegs. Hört besonders gerne Bluegrass, Country, Blues und Irish Folk. Großer Fan des leider viel zu früh verstorbenen mitteldeutschen Liedermachers Gerhard Gundermann.

Redakteur der alten wie neuen „wir selbst“, zwischendurch Redakteur der „Volkslust“.

Hier finden Sie die Druckausgaben der Zeitschrift wir selbst, Nr. 55/1-2024 und 54/1-2023:

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