Wie Medien Hysterie schüren

von Dr. Florian Sander

Wie Medien Hysterie schüren

Kürzlich las man die reißerische Schlagzeile: Militärhistoriker Sönke Neitzel warnt, 2025 könne „der letzte Sommer werden, den wir im Frieden erleben“, weil im September das russisch-belarussische Militärmanöver Sapad wieder ansteht und dieses als Angriffsvorbereitung gegen die baltischen Staaten genutzt werden könnte.

Sönke Neitzel (2011) _ Copyright: Das blaue Sofa / Club Bertelsmann.

Wie realistisch solche reißerischen Propaganda-Schlagzeilen sind, offenbart sich, wenn man einfach einmal ältere Artikel dieser Art recherchiert. So wiederholen sich solche medialen Paranoia-Rituale nämlich seit 2022 Jahr für Jahr. Anfang 2024 griff etwa die BILD-Zeitung ein Bundeswehr-Geheimpapier auf und stilisierte daraus die Horrorvision eines russischen Angriffes noch im selben Jahr. Komisch – haben wir etwas verpasst, oder ist 2024 doch nichts dergleichen passiert?

Dass Militärs aller Länder sich seit Entstehung von großen bürokratischen Regierungsapparaten stets mit allerlei – teils auch noch so unwahrscheinlichen – „Szenarien“ befassen, ging bei dieser medial geschürten Hysterie ebenso unter wie nun bei der „Letzter Friedenssommer“-Schlagzeile untergeht, dass Prof. Neitzel sich dabei auf Befürchtungen „baltischer Kollegen“ bezog. Im Baltikum ist man momentan in einer dezent-paranoiden Grundstimmung (in der unsereins vielleicht auch wäre, würden wir dort leben), die aber weit entfernt sein dürfte von den militärischen Realitäten, mit denen ein russischer Präsident zu planen hat.

Bislang sind die USA Teil der NATO und bislang sieht, trotz etwaiger Truppenverschiebungen, nichts nach einem akuten Austrittsprozess aus. US-Präsident Trump will, dass die übrigen NATO-Staaten höhere Beiträge leisten, und nutzt dafür die Austrittsdrohkulisse als Verhandlungstaktik (Stichwort: Dealmaker), indem er nur halboffizielle Vertreter seiner Regierung wie Elon Musk vorschickt. Diese jagen ein paar verhandlungstaktische Testballons in die X-Welt, während die echte US-Administration hinterher sagen kann: „Elon Musk spricht nicht für uns.“

Fakt ist, dass die USA eine Beistandsverpflichtung haben, solange sie NATO-Mitglied sind – so oder so. Diese werden sie im Bündnisfall einhalten müssen, weil sie sonst für den Rest ihrer Tage niemals wieder militärische Bündnispartner haben werden, da ihrer Bündnistreue in einem solchen Fall niemand mehr Glauben schenken würde. All das weiß auch Wladimir Putin. Und: Genau deswegen sind auch die ständigen Anwürfe, dass Trump die NATO zerstöre und Europa Russland ausliefere, letztlich haltlos. Trump will, dass die NATO-Staaten höhere Beiträge leisten – nicht mehr und nicht weniger. Man muss es immer wieder sagen: Der aktuelle US-Präsident denkt primär in Bilanzen. Anderes interessiert ihn wenig. Das kann für manche Leute nervig sein, macht ihn aber alles andere als „unberechenbar“.

Und noch etwas machen unrealistische Horrorszenarien wie die von Sönke Neitzel dargestellte deutlich: Dass Deutschland ohne die NATO besser dran wäre. Die Vorstellung, dass Deutschland sich allen Ernstes in einen (womöglich noch nuklear geführten Welt-)Krieg stürzen sollte, um die baltischen Ministaaten zu verteidigen, kann man nur als regelrecht skurril bezeichnen und wäre eine Art geschmackloser Witz der Weltgeschichte. Im Anschluss an einen solch verheerenden Weltkrieg würden wohl alle, die dann noch leben und die Trümmer auffegen müssen, sich an den Kopf fassen und fragen: Wie konnten wir nur so dämlich sein?

Florian Sander

Dr. Florian Sander ist Soziologe und Politikwissenschaftler und arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter. Er ist Mitglied der Landesprogrammkommission und der Landesfachausschüsse „Außen- und Sicherheitspolitik“ und „Grundwerte, Kultur und Medien“ der AfD NRW sowie Kreisvorsitzender der AfD Bielefeld und Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld. Er betreibt den Theorie-Blog „konservative revolution“ und schreibt für mehrere patriotische und alternative Medien. Programmatisch ist er klar verortet: Publizistisch und innerparteilich tritt er seit Jahren als entschiedener Verfechter eines Solidarischen Patriotismus in Erscheinung, der sich von liberalen Ansätzen abgrenzt. Als einer der „linken Leute von rechts“ gilt er Parteifreunden als „patriotischer Sozialist“: Gesellschafts-, identitäts- und staatspolitisch rechts; umwelt-, wirtschafts- und sozialpolitisch links.“

Hier finden Sie die Druckausgaben der Zeitschrift wir selbst, Nr. 55/1-2024 und 54/1-2023:

Die beiden Druckausgaben des Jahres 2022 unserer Zeitschrift sind auch noch erhältlich:


2 Kommentare zu „Wie Medien Hysterie schüren

  1. Nach Klima, Corona,… der nächste gesteuerte Wahn: „Die Russen kommen!!“

    schon 1914 rechtfertigten die serbischen Terroristen den Mord am österr. Thronfolger Franz Ferdinand damit, daß die bosnischen Manöver angeblich die Einleitung eines Angriffskriegs gegen Serbien seien.

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  2. Noch was fällt mir ein:

    In der ersten Hälfte des Krieges las man immer wieder von „Experten“, Rußland würde innerhalb von 6 Monaten aus Mangel an Nachschub zusammenbrechen.

    Diese Dialektik zwischen Zusammenbruch und Bedrohung von ganz Europa ist doch eigentlich eher unfreiwilliger Humor.

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