Damaskus ist gefallen, Assad gestürzt, Islamisten übernehmen die Macht in Syrien. 

von Gerald Haertel

Damaskus ist gefallen, Assad gestürzt, Islamisten übernehmen die Macht in Syrien.

Damaskus wurde kampflos übergeben, offenbar gab es im Hintergrund einen Deal der syrischen Armeeführung mit den angreifenden HTS-Milizen. Die Regierung von Bashar Al-Assad wurde offenbar verraten, die Armee hat sich geweigert, zu kämpfen. In der Nacht zu Sonntag stürmten die HTS-Islamisten den Präsidentenpalast in Damaskus, Assad konnte noch mit seiner Familie nach Moskau ins Exil flüchten.

Das Syrien, dieser Kunststaat aus der Erbmasse des osmanischen Reiches mit seinen vielen Ethnien, Stämmen und Religionen, existiert seit gestern nicht mehr. Das geheime Sykes-Picot-Abkommen vom 16. Mai 1916 zwischen Großbritannien und Frankreich verliert immer mehr an Gültigkeit.

Israel kündigte inzwischen das Abkommen über die Golan-Höhen von 1974 und zerstörte mit seiner Luftwaffe bereits den Flughafen von Damaskus. Die Kurden im Norden haben den Kampf gegen die türkischhörige „Freie Syrische Armee“ aufgenommen. Auch der IS taucht wieder aus seinen Schlupfwinkeln auf und beansprucht einen Teil des Kuchens. Ob Russland seine Militär- und Marinebasis in Tartus am östlichen Mittelmeer halten kann, steht noch in den Sternen, die dort liegenden Schiffe wurden bereits vor Tagen abgezogen. Hinzu kommt, das alle Gefängnisse geöffnet wurden, zigtausende Insassen, darunter schwerste Kriminelle und IS-Mörder, spazierten in die Freiheit.

Den bisher anständigen Bürgern des untergegangen Staates Syrien stehen keine goldenen Zeiten von Demokratie, Freiheit und Wohlstand ins Haus, so wie es unsere (Lügen-) Medien gestern verbreiteten! Syrien wird vermutlich ein ähnliches Schicksal erleiden wie Libyen vor Jahren, und so mancher, der im Augenblick jubelt, wird sich in nicht allzu ferner Zukunft Assad zurückwünschen.

Gerald Haertel

Gerald Haertel ist 64 Jahre alt, gelernter Verlagsbuchhändler, war 33 Jahre in der Musikbranche tätig, u.a. bei den Firmen Ariola und Virgin-Records sowie bei Indigo Musikvertrieb in Hamburg. Lebt in Süddeutschland.

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3 Kommentare zu „Damaskus ist gefallen, Assad gestürzt, Islamisten übernehmen die Macht in Syrien. 

  1. Liebe Freunde,

    das ist eine sehr gute Analyse des Dramas in Syrien. Faktisch ist das Land in Händen der Al-Nusra-Front, einem Ableger von Al Qaida, die auch nicht besser sind als der IS. Es war wohl eine taktische und strategische Meisterleistung der USA und der Kümmeltürken, die schon seit dem Einmarsch der Russen im Afghanistan die Islamisten nach Kräften unterstützt haben. Welch üble Rolle Israel in diesem miesen Spiel treibt müßte man noch genauer analysieren. Allerdings hat die israelische Regierung bereits den IS-Terror in Syrien durch die Aufnahme und Behandlung verwundeter IS-Terroristen nach Kräften unterstützt. Das geht dann eben nach der Devise „der Feind meines Feindes ist mein Freund, außerdem fiel auf, daß der IS nie Israel attackierte, sondern immer nur Schiiten, Kurden, Christen. Aleviten etc. in den arabischen Ländern.

    Das Pack, das jetzt hier auf den Straßen jubelt, sind zum größten Teil Islamisten, die Assad mit vollem Recht mit Hilfe der Hisbollah, der iranischen Revolutionsgarden und den Russen in Syrien eliminierte. Assad hat die syrischen Christen immer beschützt, hat sich nicht vom Westen kaufen lassen, und wer jetzt auf die Demokratie in Syrien hofft, wie unsere schwachsinnigen Politiker und Medien, wird sich noch wundern.

    Aber wir kennen ja das Spiel, wir sehen es in Rumänien und Georgien und selbst in der hoffnungslos verlorenen BRD. Da es sinnlos ist bei einer Bevölkerung, die zu gut 80 Prozent aus Vollidioten besteht, auf eine Besserung der katastrophalen Lage zu hoffen, werde ich aus der Partei austreten, aber weiter meiner Verzweiflung und Verbitterung durch das Publizieren meiner Wutausbrüche Ausdruck verleihen. Ich denke, das ist verständlich. Nach ca. 45 Jahren politischen Treibens in den verpinkelten rechten Ecken habe ich die Nase endgültig voll.

    Liebe Grüße

    Euer Werner

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  2. Assad, Syrien und die westlichen NeoCon-Träumer

    Treffende Prognose des Artikels: „Den bisher anständigen Bürgern des untergegangen Staates Syrien stehen keine goldenen Zeiten von Demokratie, Freiheit und Wohlstand ins Haus, so wie es unsere (Lügen-) Medien gestern verbreiteten! Syrien wird vermutlich ein ähnliches Schicksal erleiden wie Libyen vor Jahren, und so mancher, der im Augenblick jubelt, wird sich in nicht allzu ferner Zukunft Assad zurückwünschen.“

    Ich erlebe, wann immer ich aktuell die Syrien-Berichterstattung lese, ein Dejâ Vu nach dem anderen. Allzu gut entsinne ich mich, wie oft ich nach 2011, nach dem sog. Arabischen Frühling, immer und immer wieder Diskussionen mit gutgläubigen liberalen NeoCons führte, die ähnlich wie ihre grünen Verbündeten in den Redaktionen – genau wie jetzt – prophezeiten, jetzt würden all diese Länder angeblich „befreit“ und bald Milch und Honig in lauter demokratischen Staaten fließen. Mein „Ich hab’s ja immer gesagt“-Moment kam nicht viel später, als in Ägypten plötzlich die islamistischen Muslim-Brüder regierten (die später zum Glück von as-Sisi abgelöst wurden) und als in Libyen das Chaos ausbrach.

    Nun geht es wieder so los. Angesichts des Sieges von Jihadisten, die vermutlich auch von westlichen Geheimdiensten und den Israelis gegen den verhassten Assad in Stellung gebracht wurden, jetzt, wo Russland andere Probleme hat, feiern hier allen Ernstes Altparteien-Vertreter und Mainstream-Medien den Fall Assads im Glauben, Syrien sei jetzt „befreit“. Schon wieder. Schon wieder haben die ewig wiederkehrenden liberalen Träumereien des Westens die Oberhand gewonnen, die uns in 20 Jahre Afghanistan-Trauma stürzten, die die Illusion schufen, man könne den Irak „demokratisieren“ usw. usf.

    Wie kommt das? Ich habe eine Hypothese, die etwas elitär klingen mag, die aber auf reichhaltigen Erfahrungen beruht: Die meisten, die solche Fragen für die Medien und in den Parteien öffentlich bewerten, sind, wie ich es nenne, intellektuelle Halbstarke. „Journalist*innen“ mit Bachelor-Abschluss, die drei Jahre an Unis Politikwissenschaft studiert haben, da ganz viel unterkomplexe US-PoWi-Theorien über „nation buildung“, „transition“ und dergleichen aufgesogen haben und jetzt glauben, als Mittzwanziger die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben.

    Ich habe einen Bachelor in Politikwissenschaft gemacht, danach einen Master in einer Mischdisziplin und schließlich in Soziologie promoviert. Ich hatte, das kann ich sehr klar so sagen, erst Jahre nach dem Bachelor und erst durch die soziologische Schulung ein annäherndes Bewusstsein darüber, wie schwer es eigentlich ist, Gesellschaften politisch zu verändern, zu regulieren oder gar zu steuern. Letztlich stimmt hier noch immer die Diagnose des Bielefelder Soziologen Niklas Luhmann: Gesellschaftssysteme sind hochkomplex. Wer diese politisch transformieren will, muss dieser Komplexität Rechnung tragen. Können das diese ganzen semi-akademischen Bachelor-Hipster, die jetzt von ihren Redaktionen aus den Menschen die Welt erklären wollen? Wohl kaum.

    Ich wünsche mir Peter Scholl-Latour und Experten seines Schlages zurück. Menschen, die entsprechende Regionen persönlich bereist haben, die aber ZUGLEICH auch in der akademischen Theorie geschult sind, also soziale Dynamiken einordnen und erklären können. Eine solche Mischung ist politisch Gold wert. Und doch – leider so selten geworden.

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