von Rocco Burggraf
US-Moderator Carlson interviewt Putin in Moskau: Was wird nun mit dem Krieg?
Da fährt ein „umstrittener“ weil „Trumpnaher“ Journalist nach Moskau und interviewt den Leibhaftigen. Zwei Stunden lang. Ein ziemliches Ding. Da ich mich seit geraumer Zeit nicht mehr mit den Surrogaten öffentlich-rechtlicher Einordner zufrieden gebe, habe ich jetzt die 31 Seiten lange Mitschrift des Interviews sorgfältig gelesen und durchaus Mitteilenswertes gefunden.
Bevor hier wieder Totschlagvorwürfe des Putinistentums und Hereinfallens auf einen Potentaten oder die des Antiamerikanismus losbrechen, schicke ich voraus, dass ich nach wie vor weder Putins Einmarsch billige noch den Machenschaften der Amerikaner blind vertraue. Ich gebe hier erstmal zusammenfassend (und mit gebotener Vorsicht kommentierend) wieder, was Putin gesagt hat. Seine Antworten bezeichnet Carlson nach einigem Zögern als „aufrichtig“ erscheinend.
Für mich besonders interessant, mit welcher strategischen, fast verständnisvollen Nüchternheit Putin die Lage des Westens in seinem zweistündigen Interview analysiert und eine Weiterführung kriegerischer Handlungen in Richtung Polen und dem Baltikum von sich weist. Dazu mag sich jeder seine eigene Meinung bilden.
1. Die Ursachen des Krieges
Putin bietet hier nur wenig Neues. Er zeichnet die Ukraine in einem weiten historischen Bogen als genuin russisch, offenbart ein detailliertes Wissen über ein zwischen europäischer (polnisch-litauischer) und russischer Kultur seit Jahrhunderten hin- und hergerrissenes Territorium, dessen Eigenständigkeit erst durch Stalin und Lenin in den Vordergrund gerückt und letztendlich mit der Auflösung der Sowjetunion unter Gorbatschow zementiert wurde. Das europäische Selbstverständnis der Russen selbst klingt dabei immer wieder durch. Mehrfach verweist Putin auf das enttäuschte Bemühen, an einer gemeinsamen Sicherheitsarchitektur, möglicherweise sogar mit einem NATO-Mitglied Russland zu arbeiten. Die entgegen der Zusicherungen in mehreren Schritten vorgenommene NATO-Osterweiterung, die 2014 begonnenen Luftangriffe auf den Donbas, den Maidan-Putsch, den Bruch des Minsker Abkommens, den Raketenabwehrschild und die Öffnung der NATO für die Ukraine sind für ihn Meilensteine auf dem Weg in einen neuen kalten und nun heißen Krieg. Interessant, dass er einerseits CIA-Kreise für diese Entwicklung verantwortlich macht, andererseits aus Sicht eines gelernten Geheimdienstlers anerkennend anmerkt, es handele sich bei der CIA um eine „seriöse“ Organisation, die lediglich „ihren Job“ macht. Einen Job, der allerdings auf einer kaum verständlichen Selbstüberschätzung der Amerikaner in einer neuen Welt basiere, die anzuerkennen dem Westen offensichtlich schwerfalle. Insgesamt eine überraschend pragmatische, geostrategisch ausgerichtete Analyse.
2. Zum Scheitern der Verhandlungen
Putin betont gleich mehrfach, Verhandlungslösungen gegenüber offen zu sein. Diese Aussage steht diametral gegen die von westlichen Politikern verbreiteten Behauptungen, er lehne Verhandlungen kategorisch ab. Er verweist auf die mit Minsk zugesagte, dann aber auf amerikanischen Druck hin zurückgenommene Unterstützung Frankreichs und Deutschlands und erinnert an das geltende, von Zelensky unterschriebene Dekret, das jegliche Verhandlungen aktuell grundsätzlich ausschließt. Hierbei bilden die nicht gelösten Grenzziehungen (Krim/Donbass) zwar den Hintergrund, stehen aber angesichts der schwerwiegenden Folgen für die gesamte Welt in keinem Verhältnis zu durchaus möglichen Vereinbarungen. Als Carlson fragt, ob ein Einfrieren des Status Quo die Grundlage einer territorialen Lösung bilden könnte, formuliert Putin zumindest keinen Widerspruch. Er registriert angesichts der krachend gescheiterten Sanktionspolitik des Westens, einer immer wahrscheinlicher werdenden militärischen Niederlage der Ukraine und der schweren ökonomischen Verwerfungen nun offenbar ein vorsichtiges Umdenken des Westens.
3. Putins Vision
Der Ukraine billigt er durchaus eine Existenz als eigenständiger Staat zu, von dem allerdings keine Bedrohung für Russland ausgehen sollte. Nicht überzeugend wirkt dagegen das von ihm formulierte Kriegsziel einer „vollständigen Entnazifizierung“, die er nicht ansatzweise in ein schlüssiges politisches Konzept übersetzen kann. Die Entnazifizierung solle demnach in einer Art Absichtserklärung oder Verfassung quasi als Selbstverpflichtung der Ukraine festgeschrieben werden. Die Argumentation scheint also konstruiert und lediglich der Rechtfertigung seiner „Sonderoperation“ vor der eigenen Bevölkerung zu dienen. Carlson fragt hier nicht nach.
Mit Blick auf die geopolitische Lage sieht sich Putin im Ergebnis in eine, aus seiner Sicht vor allem für den Westen verhängnisvolle neue funktionierende Allianz mit China und weiteren ostasiatischen Staaten geführt. Dem ist kaum zu widersprechen. Die Zahlen geben ihm Recht. Er geht aber keineswegs von einer Zukunft konkurrierender Großmächte aus, sondern entwirft ein Modell friedlicher Koexistenz verflochtener Wirtschaftsräume, das allerdings auf der Anerkennung veränderter ökonomischer Gegebenheiten basieren müsse. Hierzu gehört die rasant schwindende Bedeutung des Dollars als Leitwährung zugunsten des Yuan und die veränderte Kaufkraft in Schwellenländern. Putin verweist auf die Notwendigkeit, rasante technologische Entwicklungen wie Genetik, KI oder Neurotechnik gemeinsam verantwortlich zu regulieren. Die manische Selbstschwächung des Westens ist ihm ebenso wenig begreiflich wie vielen verzweifelten Regierungskritikern im Westen selbst.
4. North Stream
Putin macht für die Zerstörung der Pipelines die USA verantwortlich. Er argumentiert (wie ich auch) mit der eindeutigen Interessenlage und dem nötigen technischen Knowhow. Die absurd-alberne Story eines ukrainisch-polnischen Segelschiffchens mit Sprengstoffspuren auf dem Kombüsentisch, die in Europa noch immer stur zusammengewürgt wird, bleibt ein Stück aus dem Tollhaus. Dass der größte, gegen zentrale industrielle Infrastruktur gerichtete Terrorakt der Menschheitsgeschichte in Europa einfach ausgeblendet wird, findet er ebenso unerklärlich. Putin verweist dann auch auf seine nach wie vor vorhandene Bereitschaft, Gas über eine intakte Leitung oder alternative Trassen durch Polen nach Deutschland zu liefern. Dies, deutet sich an, könne in eine Friedenslösung eingebunden werden. Vor dem Hintergrund fehlender Zwänge (Putin exportiert Gas und Öl in Mengen wie nie zuvor) erscheint dieses Angebot durchaus bemerkenswert. Es wird zweifelsohne irgendwann auch ein Russland nach Putin geben.
Fazit
Insgesamt zeigen sich im Interview einigermaßen logisch dargestellte Zusammenhänge, die erwartungsgemäß deutlich von den hier gezeichneten Bedrohungsszenarien abweichen. Nun bleibt Putin ein Autokrat, der politische Gegner einsperren oder töten lässt, sich persönlich bereichert und dessen Aussagen immer als die eines taktierenden Geheimdienstoffiziers gesehen werden müssen, der bereits für zigtausende Tote gesorgt hat. Allerdings hängt die Verhandlungsposition des Westens in diesem Konflikt unmittelbar mit der wirtschaftlichen Leistungskraft zusammen. Nicht zuletzt dank einer arroganten amerikanischen und einer geradezu grotesken deutschen Wirtschaftspolitik wird diese Position Tag für Tag schwächer. Es steht nun zu befürchten, dass in Kürze die US-Mittel versiegen, Deutschland immer weitere Milliardenbeträge in einem Krisenherd versickern sieht, dem keinerlei realistische Aussichten auf Verbesserungen mehr verbleiben. Vor diesem Hintergrund sollte die Vernunft siegen und eine Verhandlungslösung angestrebt werden, die angesichts der Weltlage nicht als Niederlage eines der Kontrahenten, sondern als ein Hoffnungszeichen für ein pragmatisches Miteinander gesehen werden könnte. Damit wäre auch Zeit gewonnen, um die von drei Fachfrauen nacheinander heruntergewirtschaftete Verteidigungsfähigkeit Deutschlands wieder auf ein angemessenes Niveau zu heben.

Ich wohne in Dresden, bin parteilos, Familienvater, hauptberuflich freier Architekt und nebenberuflich inzwischen auch kritischer Publizist in sozialen Netzwerken. Meine politische Orientierung würde ich in erster Linie als freiheitlich bezeichnen. Kontaminierte Einordnungen nach links oder rechts, sozial oder wertkonservativ sind für mich uninteressant, weil von Fall zu Fall verschieden.
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Die weiße Garde in Kiew
Mit den Gedanken des Herrn Rocco Burggraf zum Interview von Tucker Carlson mit Putin kann ich recht wenig anfangen. Er zieht die Sicht Putins der historischen Ereignisse um die Ukraine in Zweifel und schlägt sich letztlich auf die Sichtweise des Westens und im Besonderen auf die der USA. „Es steht nun zu befürchten, dass in Kürze die US-Mittel versiegen“. Darin sehe ich keinen Beitrag für eine Deeskalation und keinen Weg zu einem Verhadlungsfrieden. Dies wäre allenfalls dann der Fall, wenn eben genau diese Mittel versiegen werden. Hoffnungen dafür gibt es, wenn wir unseren Blick auf die Präsidentschaftswahlen werfen, wenn es dem Westen auch um alles andere als um Frieden geht.
Im Übrigen kann man die historischen Ausführungen zur Ukraine nicht als die Sicht eines Angriffskriegers sehen, allenfalls als eine russische Sichtweise, die ganze Seele des Rußentums einschließt. Hierzu möchte ich als ein Beleg den Roman von Michael Bulgakow, „Die weiße Garde“ (1924) aufführen. Er spielt in den Nachwehen des 1. Weltkrieges in der Umgebung von Kiew und beschreibt die Auswirkungen der Revolution auf die einzelnen Mitglieder der Familie Turbins. Dort gibt es Anhänger der verschiedenen politischen Strömungen, so des gestürzten Zarentums, der Reformatoren um Kerenski, der Bolschewiki und der sogenannten Weißen. Beim Lesen wird nicht deutlich ob Bulgakow nicht gar selbst auf Seiten der Weißen ist. Eines ist aber auf jeder Seite des Romans klar, eine Ukraine als eine eigene Nation gibt es nicht. Egal wer am Ende aus den Wirren als Sieger hervorgehen wird, das Gebiet westlich des Dnepr wird russisch sein!!! Ob Rot oder Weiß. Das ist die klare Aussage und nichts anderes sagt Putin. Es ist schlicht eine historische Wahrheit, insofern hat Lenin mit der Schaffung einer ukrainischen Sowjet-Republik Russlands Seele gedient. Der weiße General Anton Iwanowitsch Denikin hätte nicht anders gehandelt.
Peter Backfisch
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