Zum Neuen Jahr für schönere Morgen

Caspar David Friedrich, Frau vor der untergehenden Sonne, um 1818

Wär nicht das Auge sonnenhaft,
die Sonne könnt es nie erblicken.
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
wie könnt uns Göttliches entzücken?

Johann Wolfgang von Goethe: Zahme Xenien III

von Jupp Koschinsky

Zum Neuen Jahr für schönere Morgen

Der Suchtwischel weckte ihn und eine Stimme sagte etwas, das er nicht verstand, weshalb er auflegte. Es klingelte sofort wieder, unablässig, die ganze Nacht, und die Stimme sagte immer dasselbe, was – wie er später hörte und sah – auch im Radio und im Fernsehen gebracht wurde und schließlich sogar unaufgefordert auf dem Bildschirm seines Zuse erschien:

Die Sonne ist eine riesige Glühbirne, die zu bestimmten Zeiten ein- und ausgeschaltet wird und immer gleichbleibend, ohne jegliche Strom- oder sonstige Schwankungen leuchtet. Sie ist ein unbeseelter toter Gegenstand, keines weiteren Gedankens wert und einfach da. Sie hat keinen Einfluß auf uns Menschen, es sei denn den, daß sie in einigen Erdregionen stärkere, in anderen schwächere Strahlkraft aufweist und sich ab und zu der Mond vor sie schiebt. Es gibt überhaupt nichts Höheres über uns im übertragenen wie wirklichen Sinne , das uns unerreichbar wäre und Einfluß auf uns hätte, weil wir selbst das Höchste sind und alles schaffen können und also auch schaffen. Wer etwas anderes behauptet, ist entweder ein Dummkopf oder ein bösartiger Leugner, zumindest ein nicht ernstzunehmender Romantiker.

Wir, sprich die Angehörigen des Euch beherrschenden politisch-medialen Kartells, sind Gott. Vor uns gab es keine ewigen Schöpfungsgesetze, erst wir beschließen sie. Wir sind das Ende der Geschichte beziehungsweise ihr glorreicher Anfang und Schuld gab es nur bis zu unserem Auftreten. Diese Schuld ist Euer, was wäre die Sonne dagegen, und muß abgearbeitet werden, und wir sorgen dafür, daß Ihr, unsere Verfügungsmasse, das macht. Ihr werdet damit niemals fertig werden, aber wir stehen jenseits jeglicher Schuld, denn wir sind die Guten, die Aufgeklärten, die Krönung der menschlichen Entwicklung. Wir sorgen für Euch, indem wir zu Eurem Besten über Euch bestimmen. Sperrt Euch also nicht! Es wäre vergeudete Kraft, denn Ihr habt nicht die geringste Aussicht auf Erfolg. Ihr seid nichts als menschlicher Schleim mit all Euren kruden, längst verbrannten Begriffen und Sehnsüchten, den Irrtümern von tausenden von Jahren, die nur auf unser Erscheinen warteten, um endgültig widerlegt zu werden.

Aus Euch Urschleim wächst vereinzelt heran, was wert ist, zu uns aufzusteigen. Wir beobachten jeden von Euch, Tag und Nacht, unaufhörlich. Wir brauchen nicht einmal zu selektieren, das tut Ihr in vorauseilendem Gehorsam und ohne es zu wissen selbst schon sorgfältig und erbarmungslos für uns. Für uns seid Ihr nur amorphe Masse, aber Ihr selbst begreift Euch nicht als Teile eines jeweils größeren Ganzen, und so haben wir immer nur mit einzelnen von Euch zu tun und sind – trotz unserer Minderheit immer in der Überzahl. Denn wir sind uns einig in der Gewißheit, der eine Gott zu sein frei von aller und damit frei für alle Sünden wider das Leben!

Wo Ihr jedoch Euch noch Inseln der Gemeinschaft zu erhalten sucht, sind wir schon da und bringen Euch gegeneinander auf – in der Ehe, in der Familie, im Volk. Und immer spielen wir die Völker selbst gegeneinander aus, bis ihre Angehörigen sich voll Grauen vom eigenen abwenden und in das Einzeldasein des bewußtlosen Schleims zurückwünschen.“

Als er aus diesem Alptraum erwachte, stand die Sonne schon am Himmel – sie, die pulsiert wie alles lebendige, deren Stürmen die Erde ausgesetzt ist und deren Milde diese für all ihr Leben braucht, die Eis- und Warmzeiten bringt und uns Menschen unerreich- und unfaßbar ist. Ihre Verheißung erfüllt sich an jeder Sonnenwende, jedes Jahr, immer wieder, ohne Ausnahme.

Vincent van Gogh, Der Sämann, 1888

Er stand auf. Sangen nicht viel mehr Vögel als sonst? Nur vereinzelt zogen Flugzeuge ihre Bahn. Die kurzen Kondensstreifen lösten sich schnell auf. Dafür fuhren Luftschiffe gemächlich über’s Himmelsmeer. Am Horizont waren die höchsten Bauwerke eben keine mehr, sondern Waldeshöhen. Auf den Äckern, aus denen Lerchen jubelnd aufstiegen, blühten zwischen den Ähren Kornblumen, Kamille und Mohn. Bienen summten… Am Baggersee tummelten sich einige Nackte. Die US-amerikanische Kaserne war menschenleer, kein Wachposten zu sehen, keine Fahne aufgezogen. Im Ort begegneten ihm die Landsleute wie die wenigen Fremden höflich und voller Lebensfreude. Ein unbewaffneter Schutzmann trat vom Bürgersteig, als ihm eine junge Frau mit einem Kinderwagen entgegenkam, und grüßte. Auf den Straßen lag kein Müll und an den Hauswänden gab es keine Schmierereien. Er fragte sich, ob er etwas verpasst habe, und einige Menschen, was denn geschehen sei. Sie lachten ihn nur an. Er sah keine gebückt schlurfenden Landsleute mehr und keine, die sich häßlich schön gemacht hätten. Alle blickten ihm frei und froh ins Gesicht. Einige einzelne fremde Jungmänner kamen ihm entgegen. Auch ihr Blick ohne Scheu, aber auch ohne Anmaßung. Ein langhaariger Straßenmusikant, barfuß und in abenteuerlichen Flickenklamotten sang „Und die Morgenfrühe, das ist unsere Zeit…“. Einige Passanten blieben stehen und fielen teils mehrstimmig ein. Ein paar gingen dann singend weiter, so daß das Lied die Straße entlangzog. Am Zeitungskiosk lagen alle Zeitungen von rechts bis links wie selbstverständlich aus. Er las die Schlagzeilen „Feindstaaten-Klausel gestrichen“ – „Wiedereinsetzung des Völkerrechts durch Friedensvertrag“ – „Eidgenossenschaft europäischer Völker“ – „Europa wieder schöne Frau statt Apparat“. Am merkwürdigsten aber „Und noch eines: Sie werden beobachtet haben Zeit!“ Die Verkäuferin lächelte ihn an und sagte „Seh’n Sie mal, es gibt auch wieder Orient-Zigaretten.“

Jupp Koschinsky

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