Verteidigung durch Rekonstruktion – David Engels gibt das Abendland noch nicht verloren

Buchbesprechung von Prof. Dr. Heinz Theisen

Verteidigung durch Rekonstruktion – David Engels gibt das Abendland noch nicht verloren

Zum Buch von David Engels, Das Abendland verteidigen. Einführung in den Hesperialismus, Renovamen Verlag Bad Schmiedeberg 2025.

Wo kein Gott mehr waltet, walten bekanntlich Götter und Gespenster. So schon im Ökologismus, der die Natur zum Selbstzweck erhebt, obwohl sie ihre Bedeutung nur durch den Menschen erhalten kann. Zu den neuen Göttern zählt auch jene Fernstenliebe, die die christliche Nächstenliebe soweit ersetzt hat, dass sie längst ungeniert auf deren Kosten ausgeübt wird.

Die christliche Glaube wird im Wokismus in innerweltliche Extreme umgedeutet und damit jeder Dialektik beraubt. Weltoffene Gutmenschen suchen weder nach der Wahrheit noch nach einer Lösung von Problemen – sie tun das Gute, weil es ihnen als gut erscheint, unbeschadet aller denkbaren Konsequenzen für andere. Wichtiger als die Not des Nächsten ist das eigene Seelenheil in der Schrumpfgestalt des Sich-Wohlfühlens.

Die Bedrohung durch diese neue Glaubenslehre hat sich mit dem Islamwokismus noch einmal vergrößert, in dem sich extreme Linke und Islamisten im gemeinsamen Hass auf den weltlich und religiös unvollkommenen Westen vereinen. Diese absurde Koalition erklärt sich nur dadurch, dass die totale Profanität und ihr totaler Relativismus nicht einmal mehr Islamismus von anderen Religionen zu unterscheiden vermag.

Das Gute und das Wahre gehören zusammen

Während der biblische Samariter seine Hilfe auf eine Person beschränkte, wollen die Globalisten unter Missachtung des christlichen Subsidiaritätsprinzips die ganze Welt retten. Im Ziel einer globalen Gleichheit aller Menschen und Kulturen trifft sich die verfälschte christliche Lehre mit dem Universalismus der Aufklärung. Götter und Ideologien vereinen sich im ultraliberalen Individualismus und kulturmarxistischen Kollektivismus im Zeichen des Regenbogens, ein schmähliches Plagiat des Bündnisses von Noah mit Gott in einem Bündnis der Menschheit mit sich selbst.

Im Kampf gegen die falschen Götzendiener bräuchten wir stattdessen eine christliche, Gott und Welt unterscheidende Form der Transzendenz. Deren Säkularität ist das Siegel des Abendlandes, die in der Vermengung von Politik und Religion verloren zu gehen droht.

Von der Notwendigkeit der Transzendenz zur Verteidigung des Abendlandes handelt das schmale, aber überaus gehaltreiche Buch des Althistorikers David Engels. Während die meisten Geistes- und Sozialwissenschaftler seit Jahrzehnten Transzendenz, Tradition und Patriotismus und auch noch die biologischen Geschlechter dekonstruieren, geht es ihm um eine Rekonstruktion des Wahren, Guten und Schönen in der abendländischen Zivilisation. Damit tritt er sowohl den irregeleiteten Ersatzreligionen als auch einer gängigen Profanität entgegen, die ihrerseits den säkularen Spannungsbogen des Abendlandes zerstört. Ohne eine die weltlichen Unterschiede umgreifende Transzendenz ließe sich eine Zivilisation nicht mehr behaupten und verteidigen.

Die Suche nach einer Synthese

Ohne Bekenntnis zum Eigenen kann der Abendländer nicht einmal die Grenzen seines Kulturkreises erkennen geschweige denn sie behaupten. Erst die Offenheit zur Transzendenz würde einer Zivilisation Identität und Beständigkeit verleihen, das Streben des Individuums und der Völker auf ein Ziel vereinen und sie zusammenhalten. Der Verlust von Transzendenz sei hingegen die Ursache zahlloser weiterer Krisen, deren Behebung ohne diese Rückbindung aussichtslos erscheint.

Transzendenz lässt sich gewiss nicht herbeibefehlen, aber die Politik könnte – so David Engels – zumindest aufhören, sie systematisch auszuklammern. In den Verträgen der Europäischen Union findet das Christentum hingegen nicht einmal Erwähnung. Die Folgen dieser Abwendung schlagen sich in einer woken Gesellschaftspolitik nieder, die Familien als eine randständige Lebensform unter lauter sexuellen Minderheiten betrachtet und in ideologisierter „Weltoffenheit“ selbst die erklärten Feinde der westlichen Kultur willkommen heißt.

Als Spenglerianer macht Engels sich keine Illusionen über unsere Aussichten, die abendländische Kultur vor ihrem Untergang zu bewahren. Allerdings erkennt er in der Geschichte der Weltkulturen vor deren Untergang jenes letzte Aufbäumen zu einer Synthese, in der noch einmal die alten Werte und Tugenden aufgeboten werden. Dies sei etwa nach dem Untergang der Römischen Republik im Übergang von Cäsar zu Augustus der Fall gewesen. Augustus sei eine Synthese von alten Tugenden und neuen Konstellation und darüber die Stabilisierung des Römischen Reiches gelungen. Er habe auf die Sinnkrise der antiken Welt mit einer Rekonstruktion der traditionellen römischen Religion reagiert und die Integration der Barbaren mit einem Fördern und Fordern der Leitstrukturen Roms erzwungen.

Engels will unsere Zivilisation keineswegs hinter die Vorgaben der Aufklärung zurückfallen sehen. Ihm geht es nicht um eine Rückkehr zu einem in der Erinnerung vergoldeten Zeitalter, sondern um die Suche nach Dritten Wegen, die aber auf den bereits bewährten abendländischen Werten und Strukturen aufbauen.

In diesem Interview erklärt Prof. David Engels, warum wir uns auch heute mit der Antike im Besonderen und der Geschichte im Allgemeinen beschäftigen sollten. Robert Rauhut spricht in dieser mehrteiligen Serie mit dem Historiker Professor David Engels über das Christsein in einer zivilisatorischen Endzeit. Vieles in Europa erinnert an Krisensymptome der ausgehenden Römischen Republik.

Seine Suche nach einer Synthese weist weit über die öden Links-Rechts-Debatten der Tagespolitik hinaus und will auch die Gefahr umgehen, dass die Kritiker auf die Niedergangsphänomene ihrerseits nur mit Antithesen antworten. Diese Gefahr erkennt er bei einem „rechten Souveränismus“, der Europas Nationalstaaten zum „Schachbrett der imperialen Interessen der anderen Großmächte der neuen multipolaren Welt“ machen würde.

Hoffnung im Niedergang

Damit ist allen antieuropäischen Ressentiments eine klare Absage erteilt. Nicht die Auflösung, sondern die Transformation der Europäischen Union sei das Ziel. Sie müsse in dezentraler Vielfalt sowohl die Freiheit nach innen schützen und die Aufgaben der Selbstbehauptung und Verteidigung nach außen umso entschlossener als gemeinsame Aufgabe wahrnehmen.

Im Gegensatz zu den Laizisten in den Reihen der europäischen Rechten, die oft ein ähnliches Programm vertreten, besteht Engels aber auf die Notwendigkeit eines geschichtlichen Unterbaus und metaphysischen Überbaus. Er kennzeichnet dieses Programm in Anlehnung an den griechischen Begriff für den Westen als „Hesperialismus“. Der Überbau könne für den Abendländer nur das Christentum sein.

In ihm finden sich auch für Ungläubige jene Weltweisheit, die den postmodernen Eiferern gänzlich abgeht. Ihr Gutmenschentum muss vielmehr einer Rekonstruktion des Guten weichen. Die Suche nach dem wirklich Guten steht in einem Zusammenhang mit der Suche nach der Wahrheit und damit dem notwendigen Realismus im politischen Handeln. Einem globalen Denken, welches schon oft zu lokalem Ruin überleitet, hält die Bibel entgegen: „Wenn aber jemand die Seinen, besonders seine Hausgenossen, nicht versorgt, hat er den Glauben verleugnet und ist schlimmer als ein Ungläubiger.“ (1. Timotheus 5:8) Schon mit Hilfe des aus der katholischen Soziallehre stammenden Subsidiaritätsprinzip ließe sich der Zentralismus der Europäischen Union in neuer, abgestufter Verantwortlichkeit vom Kopf auf die Füße stellen.

Das schmale, aber Satz für Satz den Kern des abendländischen Niedergangs treffende Werk von Engels enthält weiterführende Verweise auf notwendige Reformen und institutionelle Umstrukturierungen der Europäischen Union. Engels erkennt im Heiligen Römischen Reich des Mittelalters ein Modell für die Balance von zivilisatorischer Einheit und subsidiärer Vielfalt. Dieses vermochte über Jahrhunderte hinweg interne Divergenzen durch das transzendentale Ideal des Reichsgedankens auszugleichen.

Die buchstäblich – weltanschaulich wie physisch – entgrenzte Gutmenschenpolitik ist schon von einer Suche nach einer neuen abendländischen Synthese weit entfernt. Sie ist mit ihrem Latein am Ende. Längst haben sie sich auf ihre letzten Bastionen zurückgezogen, von denen sie mit Hilfe apokalyptischer Schreckensbilder Ängste vor den Versuchungen durch Andersdenkender schüren. Die von dieser Seite oft beschworene Erderwärmung erinnert schon fatal an die Höllenbilder von einst.

Je mehr diese sich nur noch selbst verteidigenden „Eliten“ die eigene Zivilisation in den Niedergang treiben, desto wahrscheinlicher wird ihre Ablösung. Aber auch den meist laizistischen Parteien der Rechte fehlt es – jedenfalls in Westeuropa – an den „tiefen Brunnen der Vergangenheit“ (Thomas Mann), aus denen sich Weisheit für eine Rettung schöpfen ließe.

Engels gebärdet sich nicht als Prophet und lässt die Antwort offen, ob die zur Selbstbehauptung des Abendlandes notwendige Wende zum Realismus noch vor einem Umschlagen des Niedergangs in den Untergang erfolgen wird. Er fordert die Abendländer aber dazu auf, ihrer Verantwortung nicht nur vor ihren Kindern, sondern auch vor kommenden Epochen und Zivilisationen gerecht zu werden. Diesen sollten wir im Guten wie im Schlechten Erfahrungen und Errungenschaften hinterlassen, auf denen sie aufbauen können.

Zudem könnte gerade der Niedergang unserer Zivilisation die Aufmerksamkeit vom bloß äußerlichen politischen Kampf auf den Reichtum der abendländischen Geschichte und ihrer Offenheit zur Transzendenz lenken. Die Kultivierung des Wahren, Guten und Schönen sei unsere höchste Pflicht, unabhängig davon, wie sich die Geschichte in Zukunft weiterentwickelt.


Die Besprechung des Buches von David Engels über die Zukunft des Abendlandes erschien auch in „Die Neue Ordnung“ (Zeitschrift für Religion, Kultur, Gesellschaft).

Unser Titelbild zeigt: Jacob Philipp Hackert: Landschaft mit Tempelruinen auf Sizilien (Tal der Tempel, Agrigent), 1778

Prof. Dr. Heinz Theisen

Prof. Dr. Heinz Theisen lehrte bis 2020 Politikwissenschaft an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen und an Universitäten im Nahen Osten. Er arbeitet als freier Autor u. a. für die Neue Zürcher Zeitung, Tichys Einblick und Die Neue Ordnung. Schwerpunkte sind: die Rolle des Westens in der neuen Weltordnung, Konflikte der Kulturen, Europa und der Nahe Osten. Der Autor ist Professor für Politikwissenschaft und war im Frühjahr 2023 Gastprofessor beim Mathias Corvinus Collegium in Budapest. Er ist Autor des 2022 erschienenen Buches „Selbstbehauptung, Warum Europa und der Westen sich begrenzen müssen“.

Hier finden Sie die Druckausgabe der Zeitschrift wir selbst, Nr. 56/November 2025:

Hier finden Sie die Druckausgaben der Zeitschrift wir selbst, Nr. 55/1-2024 und 54/1-2023:

Die beiden Druckausgaben des Jahres 2022 unserer Zeitschrift sind auch noch erhältlich:

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Druckausgabe der Zeitschrift wir selbst, Nr. 53, Oktober 2022. Hier kann man bestellen!

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