Wiedergeburt Deutschlands ohne Glauben?

von Klaus Kunze

Wiedergeburt Deutschlands ohne Glauben?

Hinter die Kulissen blicken

Die Kulissen der westlichen Wertegemeinschaft und UnsererDemokratie sind durchsichtig geworden. Dahinter sehen wir die politischen Akteure der nackten Macht. Sie hantieren mit salbungsvollem Wortgeklingel, an das sie selbst nicht mehr glauben.

Das ist bezeichnend für Epochenbrüche. 1789 glaubten auch viele Franzosen nicht mehr an Gottesgnadentum. Die historischen Folgen sind bekannt. Wenn die ideologischen Erklärungsmuster herrschender Kreise der großen Masse gar nichts mehr erklären und keine Lösungen liefern, ereignet sich – Geschichte.

In Europa hatte es drei große Phasen der Aufklärung darüber gegeben, daß die Glaubenswahrheiten der herrschenden Eliten nur Kopfgeburten waren: die vorsokratische Aufklärung in Griechenland[1] (1), der Humanismus (2) und zuletzt die vollendete Aufklärung im 18. Jahrhundert (3).

Jeder Epoche der Aufklärung war wiederum eine Welle neuer Ideologisierung gefolgt. Die breite Masse fröstelt es bei der Vorstellung, daß unserem Leben kein „höherer“ Sinn vorgegeben ist. Sie hüllt sich gern in den warmen Mantel einer sinnstiftenden Ideologie. Was im 20. Jahrhundert daraus folgte – 1917, 30.1.1933, 7.10.1949 (4) – ist bekannt.

Auch in der Bundesrepublik wurde die ernüchterte, aufgeklärte und skeptische Kriegsgeneration abgelöst von hoch ideologisierten Studenten, die uns jetzt mit ihrer ganzen Realitätsblindheit (5) als neue Machtelite im Nacken sitzen.

Ich habe dagegen den Realismus als wesentliches Merkmal „rechter“ Weltbetrachtung bezeichnet.[6] (6). Die rechte Persönlichkeit sträubt sich dagegen, sich zum Beispiel nur als Untertan „göttlicher“ Moralgebote oder „Sünder“ zu fühlen oder als dienendes Rädchen in einer kollektivistischen Sozialmaschine. Darum staune ich, daß gewisse, oft als rechts bezeichnete Autoren auf einmal ihr Jesulein wiederentdecken und die Wiedergeburt christlicher Glaubensdemut für eine gangbare Grundlage halten, unser Volk vor seiner Endlösung zu bewahren.

Rein funktional ist daran richtig, daß die Sonne der Erkenntnis nicht über jedem strahlt, sondern als erste erreicht, die auf den Gipfeln der Aufklärung weiter blicken. Es war aber historisch noch nie möglich, aus Menschen, die an nichts glauben, eine wirksame soziale Bewegung zu schmieden. Fehlende soziale Durchschlagskraft ist der Preis der aufgeklärten Erkenntnis.

Bewahrung einer so­zialen Gemeinschaft er­for­dert Wert­setzungen, welche die In­te­gri­tät der sozialen Ordnung nach in­nen und außen abstützen. Oh­ne sozialbezügli­che Wert­set­zung und ohne Erziehung zu sozialen Tugenden haben wir keine Chan­ce, unser Gemeinwesen, unsere Vorstellungen mensch­li­chen Zu­sam­menlebens und letztlich uns selbst als Volk auf Dauer zu er­halten. Weil sich keine Ordnung von allein einstellt, bedarf auch ei­ne soziale Ord­nung der Stiftung: Die Ordnung muß errichtet, sie er­haltende staat­liche Institutionen müssen etabliert und die sie stützen­den Tu­gen­den müssen durchgesetzt wer­den.

Die Aufklärung dar­über, daß die gemeinschaftsbildenden Tu­gen­den letztlich nicht reli­giös oder sonst metaphysisch begründbar sind, hat zum Verlust alles des­sen geführt, was ein Gemeinwesen im Inner­sten zu­sam­men­hält. Sie „lö­ste die Treue­pflicht zu außer­rationalen Wer­­ten auf, hob die Bin­­dun­gen durch Kritik ins Bewußt­sein, wo sie ver­ar­bei­tet und zer­dampft wur­den, und stellte Formeln bereit, die An­griffs­po­ten­tial, aber kei­ne konstrukti­ve Kraft hatten.“ (7) Wenn wir die Wirkungen des Ge­mein­schaftlichen wie­der nutzbar machen wollen und uns darum für die An­wendung der gemein­schaftsbildenden Werte ent­schieden ha­ben, muß die Auflösung dieser Werte ein Ende haben. Sie sind der Mörtel, der die Bausteine unseres Gebäu­des zusam­men­hal­ten soll.

Der Vorhang der Aufklärung

Um sie sozial wirken zu lassen, müssen wir den Vor­hang der Aufklärung schließen und die so­zialen Tugenden verkünden und an­wenden, als ob sie onto­logi­sch real wären. „In dem Moment, in dem ein Reich aufhört, heilig zu sein, ist es schon kein Reich mehr.“ (8) Es ist praktisch un­mög­lich, ein Volk intellektueller Einzel­gänger zu­sam­menzuhalten, die an über­haupt nichts glau­ben. Ohne Zusammenhalt zu einem Ganzen ist auch der einzelne schwach; zu schwach in einer Acht-Milliarden-Men­schen-Welt. Nur mit vereinten Kräften sind wir stark. „Der Ver­ein ist nur dein Werk­zeug oder das Schwert, wodurch Du deine na­tür­liche Kraft ver­schärfst und vergrö­ßerst; der Verein ist für Dich und durch Dich da.“ (9)

Ich weiß ja, lieber Leser: Wir sind hier unter uns. Gesamtschulverblödete Freitagsdemonstranten lesen keine Sätze mit mehr als drei Kommas. Darum kann ich das Geheimrezept ja lüften: Um sozial erfolgreich zu sein, müssen wir diejenigen Werte bewußt setzen, die unser Volk zum Überleben benötigt. Wir müssen dabei selbst nicht an einen Mantel der Geschichte glauben, der uns durchweht, nicht an unser ewiges Deutschland, nicht an Ehre, Treue und Freiheit so glauben, als existierten diese wie Wesenheiten – anthropomorphe Personifikationen – real.

Trotzdem müssen wir sie verkünden, als wären sie Realitäten. Immerhin wirken sie ja als soziale Tatsachen, solange Menschen an sie glauben. Das Wissen um die Willkür solcher Wertsetzungen bleibt immer in­tel­lek­tuellen Fein­schmeckern vorbe­halten. Darum ist das Verkünden der Werte, für die wir uns entschieden haben, eine realistische Op­ti­on. Die Aufklärung mit ihrer Zerstörung fast alles dessen, was Men­schen einst heilig war, hat den Boden bereitet für eine neue Glau­bens­sehn­sucht.

„Die weite Verbreitung von Zwei­feln und Re­spek­tlosig­keit führt oft zu unerwarteten Ergebnissen.“ (10) Eric Hof­fer hat auf diese hin­ge­wiesen: Angesichts des menschlichen Glau­bens­hungers schafft der Intellek­tu­elle durch die Zerstörung des einen Glaubens nur Sehnsucht nach ei­nem neuen. Wenn die Menschen un­bedingt etwas glauben wollen, soll­ten wir wenigstens denjenigen zu einem uns allen nützli­chen Glau­ben ver­hel­fen, die wir nicht rational vom Wert der eige­nen, freien Ent­schei­dung über­zeugen können.

Die entscheidende Frage aller wertebasierten Normen ist die Begründung ihres Normgeltungsanspruchs. So gilt ein „göttliches“ Gebot, weil ein Gott es so will. Intellektualisten wie Descartes und Kant wollten den Normgeltungsanspruch aus rationaler Überzeugung ableiten, Utopisten wie Jürgen Habermas aus einem „Verständigungsprozeß“. Wenn aber alle Letztbegründungen und Ansprüche auf Normgehorsam versagen, wenn niemand mehr an den gebietenden Gott glaubt, wenn ein radikaler Egoist es für rational vernünftig hält, zu tun, was ihm nützt und auf den kategorischen Imperativ pfeift, wenn ein Habermas’scher Verständigungsprozeß gar nicht zustande kommt, wo das Schwert stärker ist als das Wort?

Aus dem Dilemma gibt es nur einen Notausgang: die Fiktion. Wir müssen eine Norm setzen und eine Letztbegründung für sie erfinden. Der Science Fiction können wir eine Moral Fiction an die Seite stellen:

Vom Wert der Fiktion

Politische und weltanschauliche Überzeugungen bilden sich nicht rational. Der Verstand webt nur nachträglich eine Scheinrationalisierung um Grundentscheidungen, die unser Gefühl schon vorbewußt getroffen hat. Dieses Gefühl speist sich aus unseren tiefsten Ängsten und Hoffungen, Wünschen und Bedürfnissen. Später rationalisierte Ideologien fußen immer auf solchen emotionalen Grundlagen. Diese nannte man in der Epoche der Aufklärung zusammenfassend „Leidenschaften“.

Es ist ein wahres Elend der Menschen, daß, sobald sie ihre Leidenschaften und Imaginierungskraft zu außerordentlichen, ihrem Temperamente gemäßen Meinungen verleitet: sie diese, ihre unzeitige Geburt sogleich für eine göttliche Einsprechung halten, und daher alles, was mit derselben nicht übereinstimmet, es seie noch so heilig und gut, als einen verwerflichen Menschentand ansehen.

Franz Balthasar Neuwirth, Verleger in Köln, Unter Fetten Hennen, 1764, in: Fußnote zu Michael von Isselt, Geschichte des Cölnischen Krieges, S.447.

Die Abfolge von Bedürfnissen und Gefühlen („Leidenschaften“), Einbildungskraft und am Ende (rationalisierte) Meinung kommt schon in diesem frühen Beleg deutlich zum Ausdruck. Darum will die Masse der Menschen unbedingt irgendetwas glauben. Sie benötigt einen tröstenden und ermutigenden Anker, einen Schutz, der Sicherheit bietet. Glaubenslehren wie Religionen bieten sich dafür ebenso an wie vordergründig weltlich auftretende Ideologien. Es ist eine soziale Tatsachen, daß Bewegungen nicht gedeihen, die auf jede überpersönliche Sinnstiftung verzichten. Also müssen wir den Menschen anbieten, was sie hören wollen. Wir müssen ihre Gefühle bedienen.

Wir müssen die Werte bewußt setzen und fiktional für real erklären, die zur Wiedergeburt Deutschlands funktional erforderlich sind.

Eine Fiktion ist die Idee einer real nicht existenten Tatsache. Beispiele gibt es viele. So behandeln viele Menschen, ungeachtet rationaler Einwände, (die Möglichkeit umfassender) Freiheit des Willensentschlusses (entgegen dem Kausalitätsgesetz) als möglich, Verfassungsgesetzgeber fingieren eine vorstaatliche Menschenwürde als Tatsache, Juristen behandeln eine juristische Person in vorgeschriebenen Fällen, als ob sie eine natürliche sei, ein Mensch. Ohne Fiktionen kommt niemand aus. Viele Linke fingieren menschliche Gleichheit oder glauben, Rousseau folgend, an einen fiktiven Gesellschaftsvertrag, der angeblich vor Altersgrau geschlossen worden sei. Solche Fiktionen sind nicht nur sozial höchst wirksam, sie sind zum Machterwerb und -erhalt unabdingbar.

Es kommt immer nur darauf an, die gegnerischen Fiktionen zu dekonstruieren und die eigenen sozial wirksam werden zu lassen. Als Rechte haben wir unsere eigenen Mythen und Fiktionen.

Die Nation, so lesen wir erstaunt in einem Aufsatz von Harold James, der Geschichte in Princeton lehrt, „die Nation kompensiert die Vergänglichkeit der menschlichen Dinge“ („Die Nemesis der Einfallslosigkeit“, in „Frankfurter Allgemeine“, 17. 9. 90).  „Wir brauchen nationale Mythen – oder wenigstens stabile nationale Institutionen –, um mit der Tatsache der Veränderung zu Rande zu kommen“, lesen wir bei Harold James weiter, und diese „westliche Stimme aus Princeton“ so eindringlich „rechts“, so eindeutig nominalistisch, daß „Die Nemesis der Einfallslosigkeit“ sich passagenweise liest wie aus der Feder eines Armin Mohler.
Klaus Kunze, Deutsche Einheit – Luftschloß oder Realität? Staatsbriefe 10/1990, (pdf)

Mythen sind in Geschichtenform tradierte Fiktionen. Schläft da nicht ein Barbarossa im Kyffhäuser, hat hinabgenommen des Reiches Herrlichkeit, „und wird einst wiederkommen mit ihr zu seiner Zeit?“ Dichtete nicht Felix Dahn: „Gebt Raum ihr Völker unserm Schritt, wir sind die letzten Goten“? Fanden nicht schon Germanen Todesmut in der Fiktion, von Wotan abzustammen und nach einem Schlachtentod in Walhall einzugehen? Blieben nicht die Nibelungen treu bis in den Tod?

Die emotionale Wirkung eines KI-Videos leidet nicht darunter, daß man den Inhalt wie auch den dahinterstehenden Glauben als fiktional durchschaut (Twitter 1.2.2026, daraus auch oben das Beitragsbild)

Es ist für einen Ungläubigen immer leicht, über die Träume und Fiktionen eines anderen zu lachen. Aber offenkundig funktioniert es. Mir fallen seit einiger Zeit auf Twitter (oder x) fiktive Animationen auf, in denen Tempelritter gegen die Feinde unserer Seinsweise marschieren. Rational gesehen mag das ein Niveau sein, an dem Zwölfjährige sich begeistern können. Aber offenkundig wirkt es emotional.

Die emotionale Wirkung einer Fiktion leidet offenbar nicht unter dem Bewußtsein, daß es doch nur eine Fiktion ist. Jahrhundertelang knieten sich bei uns Gläubige vor irgendwelche Kreuze und beteten zu Jesus oder zu Heiligen. Glaubten sie wirklich, ihr Gott oder ein Heiliger wese darin tatsächlich herum? Der Glaubensinbrunst genügt ein bloßes Symbol, eine Fiktion, eine Vorstellung.

In England unterläuft seit einem Monat eine KI-animierte, fiktionale Dame namens Amelia die britische Zensur und Strafverfolgung. Mit ihren markanten lila Haaren sagt sie den dort Herrschenden alles, was die nicht hören wollen. Von „Britannia rules the waves“ angefangen läßt sie keinen englischen Mythos, keine Fiktion britischer Macht aus und ruft zum Widerstand gegen die Machtergreifung der Moslems auf.

Diese kurzen Animationen sind viel wirksamer als jeder geschriebene Text wie dieser, der ja ohnehin unter uns Pastorentöchtern bleiben wird. Unsere Linken, bemerke ich immer wieder, können ja intellektuell nicht mehr bis drei zählen und lesen keine Texte mehr. Amelia kreist unterdessen von Twitter über Instagram, Tiktok und anderen jugendtypischen Kanälen und verbreitet erfolgreich, was ich hier nur spröde als Wertsetzungen und Fiktionen bezeichne.

Stellen wir uns darauf ein! „Gott will es!“ (11)


(1) Sie erklärte die Welt aus dem Naturgesetz von Ursache und Wirkung ohne Zuhilfenahme waltender Götter.

(2) Sie machte mit der Zeit das geschlossene Weltbild der Scholastik obsolet.

(3) Bis zu rein materialistischen Versuchen wie denen von d‘Holbach und La Mettrie, woraus im 19. Jahrhundert Max Stirner und Friedrich Nietzsche die Konsequenzen zogen.

(4) Gründung der DDR.

(5) Genderwahn, Klimawahn, feministische Außenpolitik  und so weiter.

(6) Klaus Kunze, Das rechte Weltbild, 2024.

(7) Arnold Gehlen, Moral und Hypermoral, S.102, dort im Präsens.

(8) Julius Evola, Revolte gegen die moderne Welt, S.353.

(9) Max Stirner, Der Einzige und sein Eigentum, Reclam, 2.Abtl., II. 2., S.351.

(10) Eric Hoffer, Der Fanatiker, S.119.

(11) „Deus lo vult“, Papst Urban II im Jahr 1095. Ghu weiß, an welchen fiktionalen Gott ich (als Atheist oder Agnostiker, aber doch auch als Science-Fiction-Leser) hier denke.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Seite von Klaus Kunze: https://klauskunze.com/blog/2026/02/01/wiedergeburt-deutschlands-ohne-glauben/

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Klaus Kunze

Klaus Kunze, seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Uslar, von 1970-71 Herausgeber eines Science-Fiction-Fanmagazins, von 1977 bis 1979 Korrespondent der Zeitung student in Köln, seit 1978 diverse Beiträge in genealogischen und heimatkundlichen Fachzeitschriften, seit 1989 Beiträge für politische Zeitschriften.

Autor der Bücher:

Klaus Kunze, Die solidarische Nation

Klaus Kunze: Die solidarische Nation. Wie Soziales und Nationales ineinandergreifen. Gebundene Ausgabe, 206 Seiten, Preis: 19,80 Euro ist hier erhältlich: https://lindenbaum-verlag.de/produkt/die-solidarische-nation/

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