Begann der libanesische Bürgerkrieg tatsächlich vor 50 Jahren?

von Werner Olles

Begann der libanesische Bürgerkrieg tatsächlich vor 50 Jahren?

Eine Korrektur der Ereignisse

Offiziell wird der Beginn des Bürgerkriegs im Zedernstaat Libanon auf den Januar 1976 datiert. Doch tatsächlich begann der ganze 15 Jahre währende Krieg, in den schließlich sogar Israel, Syrien und der Iran entscheidend eingriffen, bereits am 13. April 1975. An diesem Sonntag verübten palästinensische Terroristen der von Wadi Haddad geführten PFLP (Popular Front for the Liberation of Palestine) einen Anschlag auf eine maronitisch-katholische Kirche im christlichen Stadtteil Ain el Rummaneh in Ost-Beirut, mit dem Ziel Pierre Gemayel, den Führer der christlichen Kataib-Miliz zu ermorden. Zwar kam Gemayel leicht verletzt davon, doch zwei seiner Leibwächter wurden bei dem Attentat getötet. Noch am Nachmittag des gleichen Tages übten die Phalangisten der Kataib blutige Vergeltung. Ein Bus mit dreißig PFLP-Terroristen, der sich auf der Rückfahrt von einer „Feier“ zum ersten Jahrestag des Angriffs der PFLP auf den kleinen Ort Kiriat Shmona befand, bei dem im April 1974 achtzehn jüdische Zivilisten, darunter elf Kinder, bestialisch abgeschlachtet wurden, verirrte sich ins Christenviertes Ain el Rummaneh. Er geriet in einen Hinterhalt der Kataib und wurde von den christlichen Phalangisten zusammengeschossen. Bis auf zwei PFLP-Leute überlebte niemand die Rache der Phalange.

Dies war der Auslöser für den Bürgerkrieg, der über 110.00 Menschen das Leben kostet, Teile des Landes weitgehend zerstörte, vor allem die Innenstadt Beiruts, das einmal als das „Paris des Nahen Ostens“ galt. Achtzig Milizen, die entweder die konfessionell-politischen Lager Libanons repräsentierten oder die Interessen Syriens, Israels und des Irans vertraten, schossen aufeinander, und ein Zyklus der Gewalt setzte ein. Bereits kurze Zeit später fielen im Beiruter Christenviertel Ashrafie ein halbes Dutzend unbewaffnete christliche Zivilisten PLO-Terroristen zum Opfer, nachdem deren Geheimdienst-Chef Abu Ijad die Fatah angewiesen hatte sich an den Kämpfen zu beteiligen und mit voller Kraft zu engagieren. Die christlichen Milizen wie die „Wächter der Zedern“ und die Forces Régulatoires der Kataib (FRK) verloren von diesem Zeitpunkt an Bastion um Bastion. Ihre Vernichtung wurde schließlich nur durch das Eingreifen der syrischen Armee aufgehalten, die den Vormarsch der PLO und der libanesischen Linken stoppte, und von da an als Ordnungs- und Besatzungsmacht bis 2005 im Libanon verblieb.

Allerdings brachte diese Runde auch die politischen und konfessionellen libanesischen Gruppen ins Spiel, die bei wechselndem Kriegsglück auf beiden Seiten brutale Massaker verübten. Auf einen Anschlag der PLO und ihrer linken Verbündeten folgte die Antwort der Phalangisten, keine Seite blieb der anderen etwas schuldig. 1976 kontrollierten die Fatah und die PFLP die Elends- und Flüchtlingslager der Palästinenser. Ihre bewaffneten Kommandos starteten von hier aus ihre Angriffe auf christliche Ziele, während die libanesische Armee entlang der konfessionellen Linien zwischen Christen und Muslimen oder Drusen längst zerfallen war. Die Phalangisten der Kataib nahmen dies zum Anlaß, das Armenviertel Karantina im christlichen Ostteil Beiruts zu attackieren, das jedoch von schwerbewaffneten PLO-Einheiten geschützt wurde. Im Januar 1976 gelang der Kataib die Eroberung des Lagers und die Zerschlagung dieses palästinensischen Stützpunktes. Indes folgte die Rache der PLO nur wenig später, als sie die Küstenstadt Damur südlich von Beirut förmlich überrannte. Fast 600 Christen fielen den Angreifern zum Opfer, ihre Frauen und Töchter wurden vergewaltigt und verstümmelt. Die Mörder schändeten sogar auf dem christlichen Friedhof die Leichen der Verstorbenen.

Da die PLO längst ein „Staat im Staate“ geworden war, forderten auch die Vergeltungsaktionen der anderen Seite einen immer höheren Blutzoll. Besonders berüchtigt wurde das Massaker im Flüchtlingslager Tel al-Zataar im August 1976 unter den Augen der syrischen Armee, sowie Sabra und Schatila im September 1982. Unter dem Kommando des Phalangistenführers Elie Hobeika, dessen Familie bei dem Massaker von Damur ermordet wurde, richteten die Kataib-Milizen zwischen dem 16. und 18. September in den waffenstarrenden Lagern, in denen sich die palästinensischen Kämpfer verschanzt hatten, mit wohlwollender Duldung der israelischen Armee unter Ariel Scharon ein Gemetzel an, dem nach Schätzungen des Palästinensischen Roten Halbmonds etwa 1.500 Menschen zum Opfer fielen. Vorausgegangen war diesem Rachefeldzug der Mord an dem gewählten libanesischen Präsidenten Beshir Gemayel, dem Führer der Forces Libanaises.

1982 rief der Libanon-Krieg schließlich auch die vom Iran gegründete und von Syrien unterstützte schiitisch-islamistische Hizbullah auf den Plan, die zwar inzwischen von Israel dezimiert wurde, aber immer noch als relevanter „Player“ gilt. Bis heute muß der Libanon Probleme ausbaden, muß die Konflikte seiner Nachbarn austragen, für die er nicht verantwortlich ist, und ist so zum Spielball verschiedener Mächte geworden.

Das Titelbild zeigt Kämpfer der Fatah bei einer Kundgebung in Beirut, 1979 (Original by Tiamat, Crop, cleanup and re-up by Jaakobou)

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Werner Olles

Werner Olles, Jahrgang 1942, war bis Anfang der 1980er Jahre in verschiedenen Organisationen der Neuen Linken (SDS, Rote Panther, Jusos) politisch aktiv. Nach grundsätzlichen Differenzen mit der Linken Konversion zum Konservativismus und traditionalistischen Katholizismus sowie rege publizistische Tätigkeit in Zeitungen und Zeitschriften dieses Spektrums. Bis zu seiner Pensionierung Angestellter in der Bibliothek einer Fachhochschule, seither freier Publizist.

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