von Wolfgang Hübner
Großraumordnung oder Multipolarität!
Der AfD-Politiker Maximilian Krah hat einen neuen Beweis seiner fehlenden Ernsthaftigkeit geliefert und zugleich seine Bewerbung für den Spitzentrumpisten in seiner Partei eingereicht. Krah schrieb: „Trump bringt den Wandel, den wir immer beschrieben, gefordert und erhofft haben. Großraumordnung statt regelbasiertes Losertum“.
Ob Krah mit „wir“ die gesamte AfD meint, darf bezweifelt werden, soll aber hier keine Rolle spielen. Dass der Begriff „Großraumordnung“ historisch etwas belastet ist, dürfte schon interessanter sein. Und mit der „regelbasierten“ Verlogenheit des Westens polemisch einen Gegensatz zur „Großraumordnung“ zu konstruieren, um die wirkliche Alternative, nämlich die Multipolarität, zu ignorieren, ist intellektuell zumindest unredlich.
Hätte Krah vor der Wortmeldung ein wenig länger nachgedacht, dann wäre er vielleicht auf die Idee gekommen, dass Großraumordnung und Multipolarität unvereinbare Gegensätze sind. Als Politiker mit patriotischem Anspruch wäre ihm dann auch bewusst geworden, wie wenig attraktiv Deutschlands und Europas Rolle in der Großraumweltordnung wahrscheinlich sein würde. Doch wer sich als Trumpist profilieren will, mag sich darum nicht kümmern.
Verlassen wir besser den Problemfall Krah und kommen zum eigentlichen Problem, nämlich warum Großraumordnung und Multipolarität unvereinbar sind. Die vorrangig von dem Staatsrechtler und Denker Carl Schmitt in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte Großraumtheorie hat im Kern drei Elemente: die regionale Dominanz starker Mächte, den Vorrang von staatlichen Interessen vor Werten wie universellen Menschenrechten sowie das Interventionsverbot anderer Mächte im Dominanzraum einer Großmacht.
Schmitts Gedanken kreisten seinerzeit um Deutschlands Rolle in Europa und der Welt. Wenn amerikanische Ideologen in der Trump-Regierung diese Großraumüberlegungen dazu benutzen wollen, um der aktuellsten Variante des US-Imperialismus, nämlich „Macht geht vor Recht“, theoretischen Glanz zu verleihen, dann ist naive Begeisterung fehl am Platz.
Die Strategen in Washington denken überhaupt nicht daran, den von ihnen bislang beanspruchten Großraum, quasi die ganze Welt, mit anderen Mächten friedlich zu teilen. Von Interventionsverbot wollen sie nichts wissen. Vielmehr beanspruchen sie keineswegs nur die absolute Dominanz über die gesamten amerikanischen Kontinente von Kanada bis Feuerland, was anmaßend genug ist.

Sie denken auch nicht daran, ihre vielen europäischen Stützpunkte, vor allem im noch immer quasibesetzten Deutschland, aufzugeben. Selbiges gilt für den unverzichtbaren US-Flugzeugträger Israel sowie die zahlreichen Militärbasen in Afrika, Asien und Ozeanien. Wäre es anders, würde Präsident Trump den mit weitem Abstand höchsten Militäretat der Welt trotz gigantischer Schulden nicht noch um weitere 500 Milliarden Dollar (!!) erhöhen wollen. Allein schon diese Absicht sollte alle Alarmglocken läuten lassen!
Zwar haben die USA ein legitimes Interesse an friedlichen Nachbarn. Sowohl Kanada als auch Mexiko sind friedliche Nachbarn, weder im Norden noch im Süden werden die USA militärisch bedroht. Was das Drogenproblem aus Mexiko und anderen lateinamerikanischen Ländern angeht, sollten sich die USA übrigens selbstkritische Gedanken darüber machen, warum in ihrer Bevölkerung ein so großer Bedarf an Drogen besteht.
Die USA haben aber keinerlei Recht, sich nach Gutdünken in die inneren Angelegenheiten fremder Staaten einzumischen, die sie in keiner Weise bedrohen. Wenn sie das trotzdem tun unter Hinweis auf eine „Großraumordnung“ mit dem Vorrang des Rechts des militärisch und wirtschaftlich Stärkeren, dann ist das schlicht und einfach der sattsam bekannte alte Imperialismus. Für eine gute Zukunft braucht die Welt vieles, als „Großraumordnung“ getarnter Imperialismus gehört nicht dazu.
Ganz andere Perspektiven sind mit der Multipolarität verbunden, die zur Vermeidung eines Dritten Weltkrieges der einzige Lösungsweg ist. Unter Multipolarität ist nicht die Aufteilung der Welt in drei oder vier Großräume mit der jeweiligen Dominanz oder gar Allmacht einer staatlichen Großmacht wie USA, China, Russland oder Indien zu verstehen. Vielmehr ist es erst einmal die Abkehr von der Unipolarität der USA seit 1990, als die Bipolarität infolge der Implosion der Sowjetunion beendet wurde.
Mit dem Aufstieg Chinas zur neuen zweiten Supermacht wäre deshalb eine neue Bipolarität möglich. Das scheitert jedoch an zwei Faktoren: China will die Rolle der gescheiterten Sowjetunion nicht übernehmen, sondern hat sich für eine Führungsrolle im BRICS-Verbund unabhängiger Nationen entschieden. Und die USA leben mit derzeit 38 Billionen Dollar Schulden auf Kredit und auf Kosten einer Abhängigkeit vieler Staaten von der Dollarherrschaft. Trotz des größten und teuersten militärischen Apparats auf dem Globus sind die USA deshalb ein Gigant auf wackligen Beinen. Die Aggressivität der Trump-Präsidentschaft kann über diese Tatsache nicht hinwegtäuschen.
Russland, Indien, Brasilien oder die EU werden sich trotz ihrer jeweils sehr unterschiedlichen Schwächen nicht damit abfinden wollen und können, künftig von den USA und China dominiert zu werden. Sie und eine ganze Reihe von Staaten in Afrika und Asien haben allergrößtes Interesse an einer multipolaren Welt, die sich nicht einer oder zwei Supermächten unterwerfen will. Es ist richtig, dass die internationale Politik mit einer künftigen multipolaren Prägung nicht einfacher sein wird. Doch nur in diesem Fall besteht die Chance auf mehr Gerechtigkeit und Friedlichkeit.
Es sollte nicht in Vergessenheit geraten, wieviel Gewalt und Unterdrückung von den beiden historischen unipolaren Mächten Großbritannien und USA eingesetzt wurde, um sich ihre Ausnahmerolle zu erobern und zu behaupten. Auf Dauer gelungen ist es beiden nicht. Der heutige trostlose Zustand der Insel, die einst weite Teile der Welt beherrschte und ausbeutete, die krassen sozialen Unterschiede, Verschuldungsorgien und innenpolitischen Spaltungen in den Vereinigten Staaten dürften weder China noch anderen großen Staaten eine Empfehlung sein, übermäßigen unipolaren Ehrgeiz zu entwickeln.
Europa, und damit auch Deutschland, kann nur auf eine gute Zukunft als wirtschaftlich erfolgreicher und sozial befriedeter Verbund freier, aber miteinander kooperierender Staaten und Völker hoffen. Der erkennbare Versuch, die EU zum militarisierten Einheitsstaat zu machen, um einen Weltmachrolle zu erlangen, dürfte am historisch gewachsenen Eigensinn seiner Bewohner scheitern.
Die undemokratische, zunehmend autokratische Brüsseler EU-Bürokratie ist nicht geeignet für die multipolare Welt von morgen. Welches alternatives europäisches Modell sich entwickelt, ist zwar noch offen. Doch ganz anders als die EU muss die künftige Gestaltung des alten Kontinents werden. Dann braucht sich vor der Multipolarität in Europa niemand fürchten, im Gegenteil. Deutschland kann davon nur profitieren.

Geboren im Trump-Jahrgang 1946 in Frankfurt am Main. Abgeschlossene Ausbildung als Verlagskaufmann, von 1973 bis 2009 erst Redaktionsassistent, dann Kulturjournalist beim deutschen Dienst der Nachrichtenagentur Associated Press in Frankfurt, dort auch langjähriger Betriebsratsvorsitzender. Aktiver Teilnehmer der APO 1966 bis 1969. 1994 Gründer der kommunalen Freiern Wählergruppe Bürger Für Frankfurt (BFF), von 2001 bis 2016 Stadtverordneter und Fraktionsvorsitzender im Römer, nach dem freiwilligen Ausscheiden aus der aktiven Politik seitdem Ehrenvorsitzender der BFF. Von 2013 bis 2014 Mitglied der AfD und stellvertretender Sprecher im hessischen Gründungsvorstand der Partei. Seit vielen Jahren parteiunabhängiger Verfasser politischer Kommentare bei PI News und Facebook. Verfasser der politischen Biographie von 1965 bis 2025 „Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom“.
Das Buch ist 2025 im Engelsdorfer Verlag Leipzig erschienen. info@engelsdorfer-verlag.de – Es kostet 24.80 Euro im Buchhandel
ISBN 978-3-69095-029-9
Hier finden Sie die Druckausgabe der Zeitschrift wir selbst, Nr. 56/November 2025:
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Druckausgabe der Zeitschrift wir selbst, Nr. 53, Oktober 2022. Hier kann man bestellen!






Alles richtig analysiert. Zum Verständnis der Gründe von Trumps Strategie empfehle ich Ray Dalio, Weltordnung im Wandel (zu den ökonomischen Hintergründen, die offenbar aus Trumps Sicht keinen anderen Ausweg lassen als die jetzt erkennbare Strategie) und Thukydides, Der Peloponnesische Krieg (wegen der damaligen Lage Athens, das sich aus ganz ähnlichen Gründen verhielt wie heute die USA und damit schließlich scheiterte.
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