Iran – Ein Land zwischen Erinnerung und Umbruch

von Hanno Borchert

Iran – Ein Land zwischen Erinnerung und Umbruch

Als ich im Sommer 1975 mit meinen Eltern in den Iran reiste, erlebte ich unvergeßliche Wochen voller Schönheit, Offenheit und menschlicher Wärme. Es waren Eindrücke wie aus Tausendundeiner Nacht. Begegnungen mit Menschen, die Selbstverständlichkeit kultureller Vielfalt sowie die landschaftliche und historische Tiefe dieses Landes prägten mich nachhaltig. Unvergessen bleibt das stundenlange Schlendern durch den Großen Basar von Teheran, einem der größten und ältesten überdachten Basare der Welt. Ein scheinbar endloses Labyrinth aus Gängen, zusammen über zehn Kilometer lang, mit Tausenden von Läden, das bis heute das historische und wirtschaftliche Herz der Stadt bildet. Auch die unbeschwerten Tage an der Südküste des Kaspischen Meeres, die damals als „Iranische Riviera“ galt, stehen mir noch immer lebhaft vor Augen.

Diese Erinnerungen stehen nicht isoliert. Historische Photographien aus jener Zeit, nicht nur aus dem Iran, sondern auch aus dem Libanon oder Afghanistan, zeigen urbane Eliten und Milieus, die heutigen stereotypen Vorstellungen von „muslimischen Ländern“ deutlich widersprechen: Frauen ohne Kopftuch, Cafés, Universitäten, ein selbstverständlicher Austausch mit der Welt. Zugleich ist wichtig, diese Bilder nicht zu idealisieren. Sie repräsentierten nie die gesamte Gesellschaft, sondern vor allem städtische, gebildete und privilegierte Schichten. Gerade diese Spannung zwischen Modernisierung, Tradition und sozialer Ungleichheit bildete einen der zentralen Nährböden für die Umbrüche, die folgen sollten.

Vor 1979 war der Iran eine autoritär geführte Monarchie mit starkem säkularen Modernisierungsanspruch und keine Theokratie. Der Ölboom der 1970er Jahre und die „Weiße Revolution“ des Schahs beschleunigten den Wandel enorm: rasantes Wirtschaftswachstum, Bildungsexpansion, Verstädterung und westlich orientierte Lebensstile besonders in Teheran, Isfahan und Schiras. Gleichzeitig blieb das Land tief in eigenen Traditionen verwurzelt, und der Kontrast zwischen kosmopolitischen Großstädten und religiös-konservativen ländlichen Regionen wurde immer schärfer. Der gefürchtete Geheimdienst SAVAK mit umfassender Überwachung, Verhaftungen und Berichten über Folter, verstärkte die Repression gegen jede Form von Opposition und schürte so weit verbreitete Ressentiments, die das soziale Spannungsfeld zusätzlich explosiv machten.

Mit der Revolution von 1979 übernahm ein religiös fundamentalistisches Regime unter Führung Ruhollah Chomeinis die Macht. Politischer Widerstand wurde zerschlagen, individuelle Freiheiten massiv eingeschränkt und insbesondere Frauen ihrer Rechte beraubt. Schrittweise entstand eine theokratische Ordnung, die den Iran bis Mitte der achtziger Jahre zu einem totalitären Staat formte. Zugleich entwickelte sich das Regime zu einem zentralen Akteur bei der Unterstützung militanter islamistischer Gruppen über die eigenen Grenzen hinaus. Der offene, vielfältige Iran meiner Erinnerung verschwand hinter Repression, Ideologie und Angst.

Fast ein halbes Jahrhundert später gerät dieses System nun erstmals ernsthaft unter existenziellen Druck. Seit Ende Dezember 2025 erschüttern massive Proteste das Land. Was als Streik von Händlern im Großen Basar und im Technikbasar Teherans gegen den dramatischen Wertverlust des Rials und eine Inflation von über vierzig Prozent begann, weitete sich binnen Tagen zu einer landesweiten Bewegung gegen das gesamte Regime aus. Aus sozialen Forderungen wurden offene systemkritische Proteste.

In Teheran, Mashhad, Isfahan, Shiraz, Kermanshah sowie in kurdischen, belutschischen und südlichen Regionen werden regimefeindliche Parolen skandiert. Rufe wie „Tod dem Diktator“ oder „Tod Khamenei“ prägen das Bild. Daneben erscheinen auch monarchistische oder andere systemstürzende Slogans. Diese Vielfalt zeigt die Breite der Unzufriedenheit, aber auch das Fehlen einer einheitlichen politischen Zielsetzung.

Der Staat reagiert mit äußerster Härte. Ein nahezu totaler Internet und Telefon Blackout schneidet das Land von der Außenwelt ab. Sicherheitskräfte setzen Tränengas und scharfe Munition ein. Es kommt zu Massenverhaftungen sowie zu zahlreichen Toten und Verletzten. Menschenrechtsorganisationen sprechen von über sechzig getöteten Demonstranten und mehr als zweitausend Festnahmen, weisen jedoch darauf hin, daß verläßliche Zahlen aufgrund systematischer Informationskontrolle nur sehr schwer zu ermitteln sind. Präsident Masoud Pezeshkian, der zunächst auf Deeskalation setzte, hat der Eskalation des Sicherheitsapparates wenig entgegengesetzt, während der Oberste Führer Ali Khamenei die Proteste als Werk äußerer Feinde diffamiert.

Historisch fügen sich diese Ereignisse in einen langen Zyklus von Aufständen ein, von der Grünen Bewegung 2009 über die wirtschaftlichen Proteste 2017 und 2019 bis zur „Frau Leben Freiheit“ Bewegung von 2022. Neu ist diesmal der Ausgangspunkt bei traditionell regimefreundlichen Schichten wie den Basarhändlern sowie die zeitliche Nähe zu einer tiefen wirtschaftlichen und politischen Erschöpfung des Systems. Sanktionen, Korruption, Mißwirtschaft und der kostspielige Konflikt mit Israel im Sommer 2025 haben die Lage weiter verschärft.

Trotz der Wucht der Proteste bleibt ein schneller Zusammenbruch des Regimes nach aktuellen Stand noch relativ unwahrscheinlich aber natürlich nicht gänzlich unmöglich. Die Revolutionsgarden kontrollieren weiterhin den Sicherheitsapparat und verfügen über weitreichende wirtschaftliche Netzwerke. Viele Iraner, auch in der Mittelschicht, fürchten Chaos, Bürgerkrieg oder eine Zerstückelung des Landes entlang ethnischer Linien. Externe Akteure verstärken diese Sorge. Öffentliche Unterstützung aus Washington, Drohungen des amerikanischen Präsidenten Trump, strategische Interessen Israels und die umstrittene Rolle Reza Pahlavis, dem Sohn des 1979 gestürzten Schahs, nähren den Eindruck möglicher Fremdbestimmung und schwächen das Vertrauen in einen von außen forcierten Wandel.

Realistisch zeichnen sich drei Szenarien ab. Eine brutale Niederschlagung der Proteste mit weiterer Verhärtung des Systems. Ein langes Weiterköcheln der Unzufriedenheit bei anhaltendem Legitimitätsverlust. Oder eine gefährliche Eskalation, befeuert durch äußere Eingriffe und innere Spaltungen, mit der Gefahr von Chaos und Bürgerkrieg. Letzteres wäre für die Mehrheit der Iraner vermutlich das schlimmste aller Ergebnisse.

Und doch liegt in dieser Bewegung eine historische Bedeutung. Sollte es dem iranischen Volk gelingen, dieses autoritäre System aus eigener Kraft zu überwinden, wäre dies vor allem eine Befreiung für die Menschen im Iran selbst. Darüber hinaus hätte ein solcher Umbruch weitreichende regionale Folgen, da ein zentraler staatlicher Unterstützer extremistischer Milizen geschwächt oder beseitigt würde.

Darum ist diese Entwicklung von Bedeutung. Nicht primär wegen Öl, Machtpolitik oder Grenzen, sondern weil sich hier entscheidet, ob eine der ältesten Kulturen der Welt die Chance erhält, sich von einer totalitären theokratischen Herrschaft zu lösen und an jene Offenheit und Würde anzuknüpfen, die einst möglich schienen und die ich selbst erfahren durfte.

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Hanno Borchert

Hanno Borchert

Hanno Borchert, geb. 1959, Cuxhavener Jung von der Elbmündung. Schon in jungen Jahren wurde durch die Weltenbummelei (Südtirol, Balkan, Skandinavien, Indien, Iran, Indonesien u.a.) die Beigeisterung für die Sache der Völker geweckt.

Ausgebildeter Handwerkergeselle mit abgeschlossenem Studium der Wirtschaftswissenschaften. Bücherwurm seit Kindheitstagen an, musiziert und malt gerne und beschäftigt sich mit der Kunst des Graphik-Designs.

„Alter Herr“ der schlagenden Studentenverbindung „Landsmannschaft Mecklenburgia-Rostock im CC zu Hamburg“. Parteilos. Ist häufig auf Konzerten quer durch fast alle Genres unterwegs. Hört besonders gerne Bluegrass, Country, Blues und Irish Folk. Großer Fan des leider viel zu früh verstorbenen mitteldeutschen Liedermachers Gerhard Gundermann.

Redakteur der alten wie neuen „wir selbst“, zwischendurch Redakteur der „Volkslust“.

Hier finden Sie die Druckausgabe der Zeitschrift wir selbst, Nr. 56/November 2025:

Hier finden Sie die Druckausgaben der Zeitschrift wir selbst, Nr. 55/1-2024 und 54/1-2023:

Die beiden Druckausgaben des Jahres 2022 unserer Zeitschrift sind auch noch erhältlich:

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Druckausgabe der Zeitschrift wir selbst, Nr. 53, Oktober 2022. Hier kann man bestellen!

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