Konservativ oder rechts?

von Klaus Kunze

Konservativ oder rechts?

Emotionaler Zustand versus bewußtes Weltbild

Ohne rationales Denken und begriffliche Distinktion ist kein Durchblick möglich. Wer auf einer politischen oder medialen Bühne auftritt, läßt sehr schnell erkennen, wes‘ Geistes Kind er ist. Schlüsselworte wie Gerechtigkeit oder Freiheit sind verbale Feldzeichen im Getümmel der Meinungen.

Die bürgerlichen Kräfte stehen seit Jahren unter linkem Druck. Das Bürgertum ist der Linken in allen seinen Erscheinungsformen tief verhaßt. Es ist zugleich geistig weitgehend wehrlos und sprachlos. Sprachlos ist es, weil es die Worte und Schlüsselbegriffe verlernt hat, sein eigenes Denken auszudrücken. Wehrlos ist es, weil bürgerliche Feigheit überall vor den Zumutungen linker Kulturkämpfer einknickte und sich angesichts von Political Correctness willfährig sprachlos machen ließ. Zu den linken Hauptwaffen gehört seit Jahrzehnten die Verunglimpfung alles Bürgerlichen als faschistisch oder „Nazi“.

Wenn wir begrifflich und rational klären wollen, wer wir eigentlich sind und was wir wollen, müssen wir deutlich unterscheiden:

Konservativ zu sein ist eine allgemeine emotionale Haltung, rechts zu sein erfordert dagegen eine innere Entscheidung für konkrete, unverzichtbare Dinge wie Familie, Volk, politische Freiheit dieses Volkes und so fort. Rechts zu sein ist immer eine bewußt politische Haltung, bloß konservativ zu sein hingegen nicht.

Den Gefühlszustand der bloß Konservativen hat am 26. Dezember 2025 der Mitgesellschafter von Achgut, Fabian Nicolay, so umrissen:

Konservativ sein bedeutet für mich vor allem, Bewährtes zu bewahren und nicht alles Neue um des Neuen willen zu übernehmen. Es geht um eine Haltung der Vorsicht gegenüber radikalen Veränderungen, um Respekt vor Traditionen, vor der Geschichte und vor den Institutionen, die sich über Jahrhunderte bewährt haben. Konservatismus ist keine Ideologie des Stillstands, sondern eine des behutsamen Wandels. Edmund Burke hat das treffend formuliert: Eine Gesellschaft ohne Respekt vor ihren Vorfahren wird auch keine Rücksicht auf ihre Nachkommen nehmen.

Fabian Nicolay im Interview mit dem Kontrafunk am 26.12.2025.

Konservativ konnte auch ein konservativer Adliger des beginnenden 19. Jahrhunderts und dabei christlicher Monarchist sein, ebenso ein SED-Bonze in der DDR oder irgendjemand, mit dessen Interessen ein bestehende System in Einklang steht. Über einen konkreten politischen Standpunkt sagt das Adjektiv konservativ noch nichts aus. Immer geht es um jeweilige Interessen, wie auch Nicolay betont:

Die Menschen merken, daß die aktuelle Politik gegen ihre Interessen läuft. Umfragen zeigen, daß konservative Positionen in Fragen wie Migration, Energie oder Gender-Ideologie Mehrheiten haben. Es braucht nur mutige Politiker und Medien, die das auch vertreten. Die „Achse des Guten“ wird weiterhin ihren Beitrag leisten.

Fabian Nicolay im Interview mit dem Kontrafunk am 26.12.2025.

Wer tatsächlich rechts ist und sich als konservativ bezeichnet, irrt darum oder hüllt sich in eine verbale Tarnkappe, um von links weniger angreifbar zu erscheinen. Mit den Nurkonservativen hat der Rechte allerdings Gemeinsamkeiten, zum Beispiel den grundsätzlichen Skeptizismus gegen angemaßte Regierungsautoritäten und alles, was sich ideologisch oder religiös aufbläst und Gehorsam fordert.

Zum Rechten wird, wer bestimmte Denkprämissen verinnerlicht hat und mit konkreten Entscheidungen in der Sinnfrage verbindet.

Für das rechte Weltbild ist die Geltung bestimmter Grundprämissen der Denkstruktur erforderlich, zu denen individuelle inhaltliche Wertentscheidungen treten.

Strukturell rechtes Denken können wir definieren als ein die historische Identität von Individuum und Gruppe betonendes

rationales,

aufgeklärtes,

skeptisches,

auf naturwissenschaftlicher Grundlage die empirische Ungleichheit

anstelle metaphysischen Gleichheitsdenkens betonendes Menschenbild,

das alle fremdbestimmenden Sinnstiftungen zurückweist.

Rechte sind Konservative, die zum Bewußtsein ihrer selbst gekommen sind. Es gibt allzu wenige, die überhaupt die Frage stellen, was „rechts“ eigentlich ist und wie wir es abgrenzen können. Zu ihnen gehört Martin Sellner.

In einer Neujahrmitteilung auf Twitter betont er:

Der neokonservative Liberalismus kann nur so lange heroisch und idealistisch existieren, wie er einen reaktionären Feind zu besiegen hat. Seine Vitalität hängt von der Opposition ab. Sind seine Ziele erreicht, bleibt nichts als endlose Expansion ins Leere – reine Horizontalität ohne Richtung und Tiefe.

In einer von KI geprägten Gesellschaft nach dem Ende der Knappheit, in der der Kampf ums Überleben beendet ist und alle materiellen Bedürfnisse gedeckt sind, würde diese Weltsicht unweigerlich von einer inneren Leere heimgesucht werden. Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird mit voller Wucht zurückkehren, sobald alle Mittel zum Leben vorhanden sind. Die genuin rechte Weltanschauung steht in scharfem Kontrast dazu. Sie ist nicht materialistisch. Sie strebt nicht nach einer zukünftigen, irdischen Utopie und sehnt sich auch nicht nach der Vergangenheit – sondern ist auf ein Ideal ausgerichtet, das über der Zeit steht. Ihr wahres Ziel ist Exzellenz. Sie ist vertikal, nach oben gerichtet.

Martin Sellner auf Twitter, 1.1.2026.

Die skeptische Ablehnung des gesellschaftlich Utopischen haben Rechte mit emotional Konservativen gemeinsam, aber sie ist ihnen bewußt. Sellner fährt fort:

Der richtige Geist dehnt sich in den Weltraum aus. Er erforscht und erobert. Doch sein Ziel ist niemals bloß materialistisch oder hedonistisch. Seine zentrale Aufgabe ist die Selbstüberwindung, der heilige Kampf gegen die innere Schwäche. Das Ziel ist nicht die Auslöschung des Anderen und die totale Vereinigung und Nivellierung der Welt, sondern Harmonie und eine gerechte Ordnung. Der wahre, beständige Kampf ist der innere: der Kampf gegen Schwäche, Verfall und Selbstzufriedenheit. Authentisches rechtes Denken wendet sich unweigerlich der Frage des Seins, der Transzendenz zu. Es nimmt Staat und materielle Realität ernst, jedoch nur als Mittel, um Bedingungen zu schaffen, unter denen jeder Mensch sein spirituelles und physisches Potenzial voll entfalten kann, unter denen jeder seine Rolle erfüllen und seinen Platz finden kann.

Martin Sellner auf Twitter, 1.1.2026

Gretchenfrage „Sinn des Lebens“?

Die Frage nach einem „Sinn des Lebens“ läßt sich freilich allenfalls religiös beantworten oder skeptisch: Es gibt keinen jeder Person vorgegebenen, allgemein und absolut geltenden „Sinn des Lebens“. Es gibt noch nicht einmal „das Leben“, eine Metapher ebenso wie „der Tod“ eine ist.

Sellner hat Recht, daß die Frage „des Seins“ jeden Rechten stark beschäftigt. Als rational denkender Skeptiker weiß ein Rechter aber auch die zutreffenden Antworten auf transzendente Verlockungen: Die Transzendenz lebt in uns, im Kopf jedes Einzelnen, aber nicht außerhalb in einer Art Jenseits. Wir erzeugen diese Transzendenz in unseren Vorstellungen und formen sie nach unseren Wünschen. Wir leben sie in Form von Mythen und Idealen, aber nicht „überm Sternenzelt“.

Manche Priester der Transzendenz behaupten allerdings gern, ihre Transzendenz sei universell und absolut gültig. Damit erheben sie einen Machtanspruch über alle Welt, nach den in ihrer Musik zu tanzen. Es sagt viel über die Psychologie der Massen aus, daß sie solchen Beschwörungen von Scharlatanen öfter folgen als skeptischen und realistischen Mahnungen. Wer Metaphysik beschwört, die Stirne runzelt und mit einem grandiosen „Wahrlich, ich sage euch …!“ beginnt, wirkt auf auf schlichte und denkfaule Gemüter überzeugender als der Skeptiker, der aus der letzten Reihe dazwischenruft: „Du predigst von Wolkenkuckucksheimen!“

Ein Rechter lädt, wie sich Sellner ausdrückt, Raum und Zeit mit einer Bedeutung auf, aber ohne die in seinem Kopf wohnende Bedeutung zu verabsolutieren: Sie gilt nur für ihn!

Diese Ausrichtung ist allgegenwärtig: in der rechtsgerichteten Architektur, im Fokus auf Ausbildung und Disziplin, in Form, Mode und Stil. Nur rechtsgerichtetes Denken ist wahrhaft abenteuerlustig. Es erstickt die Welt nicht mit Rationalität und Moral. Es vermag zu staunen. Es besitzt die Fähigkeit zu radikaler Offenheit, eine Lichtung, in der wahre Kunst entstehen kann.

In den Augen eines Rechtsextremen wird die Welt schön und faszinierend. Raum und Zeit werden mit Bedeutung aufgeladen, wodurch ein Rhythmus in der Zeit und eine Ordnung im Raum entsteht, wie Eliade schrieb: „Ein heiliger Stein bleibt ein Stein … Doch für diejenigen, denen sich ein Stein als heilig offenbart, verwandelt sich seine unmittelbare Realität in eine übernatürliche Realität.“ Es ist auch Novalis Motto: „indem wir dem Alltäglichen eine höhere Bedeutung, dem Gewöhnlichen einen geheimnisvollen Anschein, dem Bekannten die Würde des Unbekannten und dem Endlichen einen Anschein des Unendlichen verleihen.“

Martin Sellner auf Twitter, 1.1.2026

Ausschlaggebend sind hier Sellners Worte: „In den Augen eines …“. Während Linke ihre Werte wie die Gleichheit verabsolutieren und allen Menschen als gültig aufzwingen wollen, ist sich ein Rechter bewußt, daß sein Schönheitsempfinden, seine Faszination und sein Wille gerade nicht in jedem Menschen leben, also nicht Merkmale eines imaginierten „Menschen an sich“ sind. Der von Sellner zitierte Novalis hatte sehr feinsinnig vom geheimnisvollen Anschein des Unendlichen formuliert, den wir dem Gewöhnlichen verleihen können, wenn wir nur wollen.

Ein bloß Konservativer steht jetzt hinter der Gardine, fürchtet sich und denkt darüber nach, welche Fahne er für übermorgen bereithalten sollte. Bloß Konservative verlieren immer, weil sie resignieren. Im Rechten aber brennt ein Wille, lodert ein Feuer, schläft ein latenter Heroismus, denn er weiß:

Linke Ideen […] sind rein materialistisch und letztlich zutiefst langweilig. Deshalb können sie keine Memes erstellen oder coole Edits gestalten. Sie glauben, auf rationalen Ideen und abstrakten Moralvorstellungen zu beruhen, aber wie Sorel erkannte, sehnen sie sich auch nach Sinn und einem Mythos. Sie brauchen uns, jemanden, gegen den sie heldenhaft kämpfen können.

Deshalb sucht die „Antifa“ überall nach „Faschisten“, denn ohne sie wäre ihre Welt langweilig. Sollten sie gewinnen und den „Sabbat der Sabbate“ (Nietzsche) erreichen, der die Welt in einen sicheren, regulierten Spielplatz des letzten Menschen verwandelt, wäre ihr endgültiger Triumph ihr Untergang.

Deshalb verteidigen wir als Rechte nicht nur unser Volk, sondern auch die Schönheit, das Leben und die Wahrheit selbst – nicht trotz, sondern gerade weil wir nicht behaupten, alles verstanden, entmystifiziert und erfaßt zu haben. Wir sind die „Hirten des Seins“ (Heidegger), die die Erde bewahren, den Himmel empfangen, das Göttliche erwarten und die Sterblichen leiten.

Laßt uns 2026 für Schönheit, Exzellenz, Stärke und Ehre kämpfen. Laßt uns Abenteuer erleben, eindrucksvolle Bilder schaffen und eine Geschichte erzählen, an der jeder teilhaben möchte. Laßt uns unsere Städte wieder in historische Stätten verwandeln. Laßt uns zu Dichtern unseres eigenen Lebens werden. Die Reconquista und die Remigration sind die größten Abenteuer des 21. Jahrhunderts.

Martin Sellner auf Twitter, 1.1.2026

Heroismus (Mühlhausen in Thüringen, Kriegerdenkmal von 1928)

Rechts zu sein, heißt unseren Verstand rational zu nutzen, ohne sich in einem leeren Rationalismus (Intellektualismus) zu erschöpfen, heißt in der Realität zu leben statt in Utopien und unsere von unseren Vätern ererbten Mythen zu erwerben und im Herzen zu bewahren, um sie zu besitzen und unseren Nachkommen weiterzugeben.

Lesen Sie gern weiter in:

Klaus Kunze, Das rechte Weltbild. Hier kann man direkt beim Verlag bestellen!

Unser Titelbild zeigt: Völkerschlachtdenkmal, Tugendfigur in der Ruhmeshalle: Opferbereitschaft (Ostseite) – An der Tabaksmühle in Leipzig (CC BY-SA 3.0)

Klaus Kunze

Klaus Kunze, seit 1984 selbständiger Rechtsanwalt in Uslar, von 1970-71 Herausgeber eines Science-Fiction-Fanmagazins, von 1977 bis 1979 Korrespondent der Zeitung student in Köln, seit 1978 diverse Beiträge in genealogischen und heimatkundlichen Fachzeitschriften, seit 1989 Beiträge für politische Zeitschriften.

Autor der Bücher:

Klaus Kunze, Die solidarische Nation

Klaus Kunze: Die solidarische Nation. Wie Soziales und Nationales ineinandergreifen. Gebundene Ausgabe, 206 Seiten, Preis: 19,80 Euro ist hier erhältlich: https://lindenbaum-verlag.de/produkt/die-solidarische-nation/

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Klaus Kunze, Identität oder Egalität

Klaus Kunze: Identität oder Egalität. Vom Menschenrecht auf Ungleichheit. Hier erhältlich!

Klaus Kunze, Das ewig Weibliche im Wandel der Epochen

Klaus Kunze: Das ewig Weibliche im Wandel der Epochen. Von der Vormundschaft zum Genderismus. Hier erhältlich!

Klaus Kunze, Staatsfeind Liberalismus

Die folgenden Druckausgaben unserer Zeitschrift sind noch erhältlich:

Hier finden Sie die Druckausgabe der Zeitschrift wir selbst, Nr. 56/November 2025:

Hier finden Sie die Druckausgaben der Zeitschrift wir selbst, Nr. 55/1-2024

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