von Hanno Borchert
Hayati – Zwischen Shalom und Salam – ein Lied für das Leben
Inmitten eines der blutigsten Konflikte unserer Zeit, der das Leben im Gazastreifen und im Westjordanland prägt, zumindest bis vor wenigen Tagen, begegnete ich kürzlich einer Geschichte, die Hoffnung schenkt: einer Geschichte von Musik, Mut und Menschlichkeit.
„Hayati“ heißt der Song, arabisch für „mein Leben“. Doch mehr als ein Lied ist er eine Statement, den Haß hinter sich zu lassen und sich auf das Leben zu besinnen. Zwei Frauen, zwei Musikerinnen und Friedensaktivistinnen, singen darin miteinander – nicht gegeneinander, nicht für eine Seite, sondern für das, was uns allen am Herzen liegen sollte: die Liebe und das Leben.
Yael Deckelbaum und Meera Eilabouni stammen aus verschiedenen Welten, doch ihre Stimmen verschmelzen in einem mutigen Bekenntnis zu Empathie und Verständigung. In „Hayati“ vermischen sich drei Sprachen – Arabisch, Hebräisch und Englisch – zu einer Brücke, die Grenzen überschreitet und Mauern einzureißen versucht. Wörter wie „shalom“, „salam“ und „mahaba“ (Liebe) tauchen immer wieder auf – als Symbol einer Verständigung über Sprach- und Religionsgrenzen hinweg.
Der Songtext enthält Zeilen wie:
„Over the fence / Over the wall / Beyond defenses standing tall … There is a place where we can meet … Into the light where we can be free.“
Diese Worte sind mehr als poetische Bilder. Sie sprechen von der Überwindung von Grenzen und Barrieren, jenen Zäunen, Mauern und Verteidigungen, die Menschen voneinander trennen, politisch, physisch oder ideologisch. „Hayati“ ruft dazu auf, über diese Grenzen hinauszugehen, einen Ort zu finden, an dem man sich wirklich begegnen kann.
Auch arabische Phrasen wie „بدي حرية، بدك حياة“ („Ich will Freiheit, du willst Leben“)
unterstreichen die gemeinsame Sehnsucht nach Frieden und Freiheit. Wenn die Zeile „Into the light where we can be free“ erklingt, öffnet sich ein Raum jenseits der Dunkelheit, ein Raum der Einheit und der Hoffnung. Diese Zeilen wirken wie ein sanfter Aufschrei gegen eine Welt, die nur in Schwarz und Weiß denkt, Opfer und Täter, Freund und Feind kennt. Doch Yael und Meera zeigen: Es gibt eine andere Sprache, die verbindet.
Yael Deckelbaum, israelisch-kanadische Musikerin, Songwriterin und politisch engagierte Friedensaktivistin, ist kein unbeschriebenes Blatt. Mit ihrem Lied „Prayer of the Mothers“ gab sie der Bewegung Women Wage Peace eine Stimme, einer Initiative, die 2016 Tausende israelische und palästinensische Frauen zusammenbrachte, um für Frieden zu marschieren. Dort sang sie live und sprach über Frieden für die Kinder beider Völker.
Als am 7. Oktober 2023 der Krieg erneut mit voller Gewalt ausbrach, stand Yael auf einer Bühne in Deutschland, mit Tränen in den Augen und Schmerz im Herzen. Doch sie schwieg nicht. Stattdessen eröffnete sie den Abend mit „Prayer of the Mothers“, als Zeichen des Widerstands gegen das Verstummen.
An Yaels Seite steht Meera Eilabouni, Tochter palästinensischer Christen, aufgewachsen in Israel. Ihre Stimme ist kein lauter Protest, sondern ein leises, eindringliches Flüstern, das Mauern einreißt. Wenn Meera auf Arabisch singt, geschieht etwas Magisches, dann bewegt sich ihre Musik in transkulturellen Räumen; durch Übersetzungen und gemeinsame Auftritte erreicht sie Menschen im Nahen Osten ebenso wie im Westen. Ihre Stimme wird zur Brücke. Und was sie gemeinsam mit Yael auf der Bühne lebt, ist ein echtes Miteinander, etwas, das in Zeiten absoluter Fronten geradezu revolutionär wirkt.
Doch ihre Stimmen gehören nicht der Politik. Sie gehören dem Menschsein. Gemeinsam kämpfen sie nicht gegen Menschen, sondern gegen das allgegenwärtige System der Trennung, gegen den Haß. Sie fragen nicht nach Schuld, sondern nach Heilung. „Hayati“ erinnert daran, daß wir alle Teil voneinander sind – „you’re a part of me“, wie es im Song heißt, und daß Heilung möglich wird, wenn wir einander zuhören.
„Hayati“ ist eine Hymne auf Frieden, Versöhnung und Humanität. Sie spricht davon, daß wir Mauern, wortwörtlich und symbolisch, überwinden müssen, um zueinander zu finden, daß Freiheit und Licht möglich sind, wenn Menschen den Mut haben, aufeinander zuzugehen, daß Vielfalt kein Hindernis, sondern ein Potenzial ist, wenn wir in Liebe und Respekt miteinander sprechen, und daß Hoffnung und Engagement gerade dann notwendig sind, wenn viele sagen: „This can never be done.“
Am Ende zeigt „Hayati“ etwas, das wir alle dringend brauchen: die Kraft einer anderen Sprache. Einer Sprache, die verbindet, heilt und bleibt, eine Sprache, die nicht in Schwarz und Weiß denkt, sondern im Miteinander, ohne dabei das Eigene zu verleugnen.
Vielleicht kann Musik den Nahostkonflikt nicht lösen. Aber sie kann uns erinnern: Es gibt immer einen anderen Weg. Eine Einladung, zuzuhören, zu verstehen, und den Mut zu haben, gemeinsam uneins zu sein.
Auf jeden Fall werde ich es mir nicht entgehen lassen, eines der nächsten Konzerte von Yael Deckelbaum und Meera Eilabouni zu besuchen. Klare Sache!
Kommende Konzerte von Yael Deckelbaum / Meera Eilabouni (ohne Gewähr)
- 22. Oktober 2025, Berlin (Heimathafen Neukölln)
Yael Deckelbaum präsentiert Meera Eilabouni auf ihrer „Brighter Dawn Tour“. - 28. Oktober 2025, München (Bürgersaal Fürstenried)
Konzert mit Warm-up durch Meera Eilabouni; am 29. Oktober folgt eine Voice Ceremony. - 8. November 2025, Köln (Ventana Kirche)
Yael Deckelbaum Live, mit Meera Eilabouni als Gast; Workshop (Voice Ceremony) am 9. November im Tor 28. - 15. November 2025, Leipzig (Karl Schubert Schule Yael Deckelbaum: „Brighter Dawn Tour – Live“.

Hanno Borchert
Hanno Borchert, geb. 1959, Cuxhavener Jung von der Elbmündung. Schon in jungen Jahren wurde durch die Weltenbummelei (Südtirol, Balkan, Skandinavien, Indien, Iran, Indonesien u.a.) die Beigeisterung für die Sache der Völker geweckt.
Ausgebildeter Handwerkergeselle mit abgeschlossenem Studium der Wirtschaftswissenschaften. Bücherwurm seit Kindheitstagen an, musiziert und malt gerne und beschäftigt sich mit der Kunst des Graphik-Designs.
„Alter Herr“ der schlagenden Studentenverbindung „Landsmannschaft Mecklenburgia-Rostock im CC zu Hamburg“. Parteilos. Ist häufig auf Konzerten quer durch fast alle Genres unterwegs. Hört besonders gerne Bluegrass, Country, Blues und Irish Folk. Großer Fan des leider viel zu früh verstorbenen mitteldeutschen Liedermachers Gerhard Gundermann.
Redakteur der alten wie neuen „wir selbst“, zwischendurch Redakteur der „Volkslust“.
Hier finden Sie die Druckausgaben der Zeitschrift wir selbst, Nr. 55/1-2024 und 54/1-2023:
Die beiden Druckausgaben des Jahres 2022 unserer Zeitschrift sind auch noch erhältlich:




