Vor 75 Jahren starb Ernst Wiechert, eine bedeutende Stimme der Inneren Emigration

von Peter Backfisch


Vor 75 Jahren starb Ernst Wiechert, eine bedeutende Stimme der Inneren Emigration

Wer sich mit der Deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts beschäftigt, kommt an dem ostpreußischen Schriftsteller Ernst Wiechert (1887 – 1950) nicht vorbei. Er hat ein umfangreiches Werk mit insgesamt dreizehn Romanen, zwei Autobiografien, Novellen, vierzig Märchen, Theaterstücken, Tagebücher und mehrere Reden an die Deutsche Jugend geschaffen. Einige seiner Bücher waren in den 1930er Jahren, wie auch nach dem Zweiten Weltkrieg, Bestseller. Die Vorstellungswelt der beschriebenen Menschen war von der Landschaft seiner Heimat in Masuren, den Seen, Mooren und Wäldern geprägt, in der sie sich zu Hause fühlen. „So zu Hause ist er in diesem Land, in dem Geruch von Wasser, Erlen und Gras. In der dunklen und schweren Strömung, die dies alles trägt“ (aus: Die Magd des Jürgen Doskocil). Humanität, die Liebe zur Natur, für Wiechert unvergängliche Werte, die ewige Gültigkeit haben. Gründlichkeit, Langsamkeit, Schweigsamkeit, Schwere und Melancholie – Charaktereigenschaften der Protagonisten in Wiecherts Romanen, die er dem rastlosen Leben in den Metropolen der Moderne entgegenstellt und die für das „bessere Leben“ stehen sollen. Wirkliche Freiheit von jeder hergebrachten Ordnung mit all ihren Zwängen kann für ihn nur durch einen freien Geist erreicht werden. Kraft der Natur ist er den Menschen einfach gegeben, ohne dafür einen ideologischen Überbau zu benötigen.

Am 18. Mai 1887 im Forsthaus Kleinort (Pierslawek) im Kreis Sensburg (Mragowo) als Sohn eines Försters und einer Hausfrau in den masurischen Wäldern geboren. Früh begleitete er den Vater bei dessen Waldgängen, lernte die Stimmen zu deuten, das Rufen der Wildgänse, die Fährten des Wildes zu lesen und das Klirren der Stämme im Hochwald im Winter. Die Eltern schickten ihn trotz großer Entbehrungen auf das Gymnasium nach Königsberg, wo er mit 18 Jahren das Abitur ablegte.1905 begann er ein Studium am botanischen Institut der Universität. Dass es die Botanik war, hat sicher mit den frühen Kindheitserinnerungen zu tun. Wiechert hatte von Anfang an Probleme, sich in die akademische Welt einzufügen und flüchtete an den Abenden zu Spaziergängen „in die Einsamkeit und Verlorenheit des glänzenden Lichtes, welches von den Dünen der kurischen Nehrung“ ausstrahlte. Als er 1911 sein Studium abschloss, wurde ihm eine Stelle als Studienrat an einem Königsberger Gymnasium angeboten. Kurz darauf verlor er seine Mutter durch Freitod. Insgesamt war er mit Unterbrechungen, als Offizier im 1. Weltkrieg, der ihn auch an die Westfront brachte, bis 1933 als Lehrer tätig. Auch im Berufsleben blieb es für ihn schwierig, sich mit der hergebrachten Ordnung zu arrangieren, gerade deshalb wollte er seinen Schülern ein Vorbild und Hoffnungsträger für die Zukunft sein und lehrte ihnen solidarisches Menschsein mit einem reformpädagogischen Verständnis, dessen Mittelpunkt früh von Opposition gegen jede Form des Obrigkeitsstaates gefärbt war. In seinem Lehrerkollegium verachtete er „die Nichtskönner und Nichtstuer, die in keiner amtlichen Gemeinschaft fehlen“. Für Wiechert waren sie Zeichen und schließlich die Wegbereiter der „neuen Bewegung, die das Hakenkreuz unter dem Rockaufschlag trugen“. Die Botschaft, die er entgegenstellte, waren Liebe, Versöhnung und Menschlichkeit.

Seine Befürchtungen fanden bereits Ende der 1920er Jahre Bestätigung, als er früh erkannte, dass die beginnenden Aufmärsche der Nationalsozialisten der Jugend keine bessere Welt anzubieten hatten. Mit der „Machtergreifung“ 1933 begab er sich dann in offene Opposition zu Machtmissbrauch und Fremdbestimmung. Man muss wissen, dass er zu diesem Zeitpunkt ein anerkannter und viel gelesener Schriftsteller war, der im kulturellen Leben in Deutschland eine bedeutende Rolle spielte. Das Regime begegnete ihm deshalb anfangs mit Vorsicht und Zurückhaltung.

Seine ersten Bücher waren schon Anfang der zwanziger Jahre erschienen. Nach einem ersten Roman, „Die Flucht“, der unter dem Pseudonym: Ernst Barany Bjell, erschienen war, folgten „Der Wald“ und „Der Totenwolf“. Beide Bücher sind 2021 beim Lindenbaum-Verlag neu erschienen. Wiechert selbst sah diese beiden Werke später als literarisch unfertig. „Keines meiner Bücher war so von innen heraus unwahr, wie diese beiden es sind.“ Die gewaltsame Übersteigerung der handelnden Protagonisten, der Sprache und Diktion passten für Wiechert schon nicht mehr in die damalige Zeit. Dennoch sammelte sich vor allem um den „Totenwolf“ eine zahlreiche Fangemeinde. Man muss die Werke als Meilensteine der Entwicklung des Autors zu den späteren literarischen Meisterwerken sehen.

Ernst Wiechert, Der Wald. Bestellungen hier direkt beim Verlag.

Trotz des herrschenden Misstrauens, das ihm die Leitung des NS-Literaturbetriebes entgegenbrachte, veröffentlichte er bis 1938 zahlreiche Romane, Novellen Erzählungen und Märchen, die auch alle gedruckt und im Buchhandel erhältlich waren. Als er schließlich 1938 öffentlich bekundete, nicht an der Volksabstimmung zum Anschluss von Österreich an das Reich teilzunehmen und fast zeitgleich gegen die Verhaftung des Pastors der bekennenden Kirche, Martin Niemöller, protestierte, trat das Regime zum Gegenschlag an und verhaftete ihn. Anfangs wurde er für zwei Monate ins Polizeigefängnis München überstellt und danach ins KZ Buchenwald überführt. Propagandaminister Josef Goebbels war dabei eine treibende Kraft und notierte in sein Tagebuch. „Nach seiner Entlassung werde ich ihn mir noch einmal persönlich vornehmen“, was er dann auch tat. Bis 1945 blieb er schließlich unter Gestapo-Aufsicht. Wiechert beschreibt diese Begebenheit in seinem Bericht „Der Totenwald“, welcher aber erst 1946 erscheinen konnte. Geschrieben hatte er ihn bereits 1939 und ihn in einer Kiste mit anderen Schriften in seinem Garten für sieben Jahre vergraben.

Erstaunlich ist, dass man ihm 1939 erlaubte, seinen wohl besten Roman, „das einfache Leben“ zu schreiben und zu veröffentlichen. Für Wiechert war es ein Rückzug in die heile Welt seiner Wälder, in der seine wirklichen Helden, einfache, schlichte Naturmenschen, fernab von Politik und Ideologie, lebten. Die darin beschriebene Sehnsucht nach Stille und Zurückgezogenheit, nach dem „einfachen Leben“, ist keineswegs eine Idealisierung einer nirgendwo existierenden Welt, sondern nennt Rückzugsmöglichkeiten, wie es sie in autoritären Gesellschaften auch anderswo gegeben hat. Für Wiechert förderte der Roman den Heilungsprozess seiner eigenen gequälten Seele. In seiner zweiten Autobiografie „Jahre und Zeiten“, die auch vom Lindenbaum-Verlag neu verlegt wurde, schreibt er, dass vollständige Genesung nie erfolgen konnte und dass erlittenes Unrecht ihn bis in die Zeit nach dem Sturz des Regimes belastet hat.

Nach 1945 erschienen weitere beachtliche Romane, so der Familien- und Dorfroman „Die Jeromin-Kinder“, Band1 und Band 2. Literaturkritiker haben dieses Werk auf die Ebene der Buddenbrooks von Thomas Mann gehoben. Mehr und mehr befielen ihn Zweifel, ob der Zusammenbruch der despotischen Ordnung wirkliche Veränderungen im Menschsein der Deutschen bewirkt haben. Seine Rede im Münchner Schauspielhaus „an die Deutsche Jugend“ stieß auf wenig Resonanz, und er schloss daraus: „die Menschen wollen in der von ihm beschrieben Welt nicht mehr leben“. Hier trat bereits ein neu aufkommender Literaturbetrieb in Erscheinung. Die neuen Literaten wollten eher einen modernen emanzipatorischen Lebenssinn vermittelt sehen und hielten doch wenig von einsamen Wäldern in Gegenden die nicht mehr zu Deutschland gehörten. Enttäuscht und resigniert emigrierte er 1948 in die Schweiz, wo er seinen letzten Roman „Missa sine Nomine“ (Namenlose Messe) schrieb. Ein Resümee der Gedanken und Personen aus früheren Werken, die in eine Synthese zusammengeführt werden. Vor nun fast 75 Jahren starb Ernst Wiechert am 24. August 1950 in Uerikon, viel zu früh im Alter von 63 Jahren.

Am Ende steht die Frage, was bleibt der Nachwelt vom Werk Ernst Wicherts? Wenn es heute auch fast vergessen zu sein scheint, so steht dennoch fest, dass es gerade heute Brücken zwischen den Völkern und Kulturen zu bauen vermag. So erfährt es heute in Polen und Russland eine höhere Beachtung als im deutschen Literaturbetrieb. Es ist deshalb zu begrüßen, dass die Lindenbaum-Verlag vier seiner Werke neu aufgelegt hat. Deren Lektüre kann als unverzichtbar zum besseren Verständnis des Dichters bezeichnet werden.

Peter Backfisch

Peter Backfisch ist 68 Jahre alt, Diplom Pädagoge, 38 Jahre bei einer NGO in der Sozialwirtschaft angestellt. Er war dort Vorstandsreferent für Europapolitik. Tätigkeiten im Rahmen von EU- und Weltbankprojekten in Ländern der EU und in Nordafrika. Er war 49 Jahre Mitglied der DGB-Gewerkschaft ÖTV/Verdi. Austritt 2019.

Am 28.11.2020 gab er der Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT ein Interview über die Machenschaften von NGOs in der Bildungs- und Entwicklungspolitik.

Hier finden Sie die Druckausgaben der Zeitschrift wir selbst, Nr. 55/1-2024 und 54/1-2023:

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