Glaubenskrieg gegen den Welthandel

von Joachim Wiessner

Glaubenskrieg gegen den Welthandel

Die jemenitische Huthi-Miliz sorgt weltweit für Schlagzeilen. Seit dem November 2023 greifen ihre Kämpfer, die sich selbst „Ansar Allah“, also „Helfer Gottes“ nennen, westliche und, eigenen Angaben zufolge, insbesondere israelische Handelsschiffe im Roten Meer an. Eben jene Wasserstraße ist eine Achillesferse des Welthandels: Bis zu zwölf Prozent des globalen und rund 40 Prozent des europäischen Handelns mit Asien und dem Mittleren Osten wird über diesen Seeweg abgewickelt. Nach Angaben des Europäischen Auswärtigen Dienstes entstehen durch die Huthi-Angriffe Kosten in Höhe von 360 Millionen Euro – pro Stunde. Doch wer sind die „Helfer Gottes“, die den globalen Handel wie kaum eine Organisation zuvor in Bedrängnis bringt?

Die Huthi gehören zu den im Nordjemen beheimateten, schiitischen Zaiditen. Diese leiten ihren Namen von Zaid ibn´ Ali ab, einem Enkel des Prophetenenkels Husain, und sind seit dem 9. Jahrhundert vor allem im Jemen beheimatet . Nach Schätzungen des Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, gehören rund 30 bis 45 Prozent der jemenitischen Bevölkerung den Zaiditen an, die sich insbesondere auf den Norden des Landes konzentrieren. Bis zur Revolution im Jahr 1962 herrschten ihre Imame sogar über ein eigenes Fürstentum, nach dem Machtwechsel wurden sie marginalisiert und reagierten auf diese neue Rolle mit verschiedenen Aufständen gegen die neue, sunnitische Führung des Jemens.

Badr ibn Ahmad (mittig), der letzte Herrscher des zaiditischen Königreichs Jemen
Badreddin al-Houthi


Zu diesen Aufständischen gehörte auch der später zum Namensgeber gewordene Hussein Badreddin al-Huthi, der die Zaiditien zu einer politischen Bewegung einte und 2004 im Kampf gegen die Regierung starb. Seitdem wurde die Bewegung zunächst von seinem Vater und dann von seinen Brüdern weitergeführt, zuletzt von Abdul-Malik al Huthi. Der erste größere militärische Erfolg im Kampf gegen die Zentralregierung, gelang ihnen jedoch erst 2014, als die Zaiditen die Kontrolle der Hauptstadt Sanaa sowie weitere Teile des Jemens übernehmen konnten. In dem entbrennenden Bürgerkrieg schlug sich Saudi-Arabien auf die Seite der jemenitischen Regierung, die von der Armee und sunnitischen Stammesmilizen unterstützt wurde. Islamistische Gruppen waren ebenfalls an den Kämpfen im Jemen beteiligt, verfolgten dabei aber eigene Interessen und trugen mehr zum allgemeinen Chaos als zur Stärkung einer Seite bei.


Trotz der Unterstützung durch Saudi-Arabien war die Bekämpfung der Huthi nicht erfolgreich. Statt sie als Machtfaktor auszuschalten wurde nur die humanitäre Situation im Land drastisch verschärft, wobei die See- und Luftblockade durch die saudisch geführte Allianz einen gewichtigen Anteil hatte. Der fehlende Erfolg dürfte auch mit der fortwährenden Unterstützung der Huthi durch den Iran in Zusammenhang stehen – so zumindest ein weit verbreiteter Vorwurf gegen Teheran, das Waffen (insbesondere Drohnen und Raketen) sowie Berater an die Miliz vermittelt haben soll. Angesichts ihrer schiitischen Religionszugehörigkeit sind entsprechende Kontakte der Miliz zum Iran und ihre Zurechnung zur sogenannten „Achse des Widerstands“ nicht weiter verwunderlich. Entsprechend ist auch die Feindschaft zu Israel stark ausgeprägt.


Eine reine Auslandsfiliale des Iran, wie manche Kommentatoren meinen, sind die Krieger vom Golf dennoch nicht. Zum einen gibt es zahlreiche religiöse Unterschiede zwischen dem Schiismus der Zaiditen und dem des Iran, zum anderen verfolgen die Huthi auch ihre eigenen innenpolitischen Ziele. Von diesen sind sie aktuell jedoch noch weit entfernt und selbst bei einer Machtübernahme über den ganzen Jemen dürfte die Bewegung vor erhebliche Herausforderungen gestellt werden. Denn zahlreiche, durch den Bürgerkrieg hervorgerufene Zerstörungen von Städten und Infrastruktur, sind bis heute nicht behoben und die Wirtschaft liegt am Boden. Und das, obwohl innerhalb des Jemens seit 2022 offiziell Waffenstillstand herrscht. Der vorherige Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi sowie sein Vizepräsident, traten im Zuge dieses Waffenstillstands zurück und machten Platz für einen achtköpfigen Präsidialrat. Dieser hat jedoch de-facto keine Kontrolle über große Teile des Landes und setzt sich aus verschiedenen Fraktionen zusammen, die ihre eigenen, teils konkurrierenden Interessen verfolgen und damit weder eine effektive Regierung des Landes noch ein wirkliches machtpolitisches Gegengewicht gegen die Huthi bilden.


Doch auch die Huthi selbst haben Probleme bei der Versorgung des von ihnen kontrollierten Gebietes und können zumindest derzeit nicht die Macht im gesamten Jemen übernehmen. Eine Pattsituation, die erst dann wirklich internationales Interesse fand, als die Angriffe auf Schiffe im Roten Meer begannen. Seit November 2023 laufen die Angriffe mit Drohnen und Raketen durch die Huthi, offiziell aus Solidarität mit den Palästinensern. Die Angriffe dürften dabei jedoch nicht nur der Solidarität geschuldet sein, sondern auch dem Wunsch, eigene Stärke zu demonstrieren und die eigene Position international zur Schau zu stellen.


Unabhängig von den tatsächlichen Motiven, sind die Angriffe unbestreitbar effektiv und haben die Schiffahrtsbranche in ihre schwerste Krise seit der Corona-Pandemie gestürzt. Schließlich sind die Gewässer vor Jemens Küste Teil der wichtigsten Handelsroute der Welt, die von Asien nach Europa führt, vorbei am sogenannten Tor der Tränen am Südzipfel Arabiens, durch das Rote Meer und den Suezkanal bis ins Mittelmeer. Statt den Weg durch den Suezkanal nehmen viele Containerschiffe nun den drei Wochen längeren Weg um das Horn von Afrika herum, was die Preise für den Warentransport auf dem See weg um ein Vielfaches ansteigen ließ. Verschiedene, auf funktionierende Logistikketten und insbesondere auf „Just.-Time-Lieferungen“ basierende Industriezweige, wie etwa die Autoindustrie, wurden davon schwer getroffen.


Die USA riefen als Reaktion zusammen mit anderen internationalen Partnern die „Operation Prosperity Guardian“ aus, die mit Patrouillen und Aufklärungsoperationen sowie teils gezielten Angriffen auf Huthi Stellungen diese Störung des Welthandels beseitigen soll. Deutschland ist daran mit der Fregatte „Hamburg“ im Rahmen einer EU Mission beteiligt, bislang konnte die Operation aber keine nennenswerten Erfolge erzielen. Von den Folgen betroffen ist jedoch nicht nur der Westen, sondern auch die umliegenden arabischen Staaten und der Jemen selbst. In Ägypten beispielsweise ist die Staatskasse auf die Einnahmen aus dem Suezkanal angewiesen, die seit dem Beginn der Angriffe stark gesunken sind. Im Libanon wiederum, dessen krisengeschüttelte Wirtschaft ohnehin am Boden liegt, werden Importe noch teurer. Am schlimmsten leidet jedoch der Jemen selbst – in dem der Bürgerkrieg, Seuchen und Hungersnöte im letzten Jahr zehnt rund eine halbe Millionen Menschenleben gekostet haben. Neben dem Tod galoppiert in dem Land auch die Inflation, der Import von Gütern ist teuer und umständlich. Ersatzteile für Kraftwerke fehlen genauso wie Medikamente und medizinische Geräte für Krankenhäuser. Was überhaupt ins Land kommt, findet seinen Weg oft über Saudi-Arabien durch hunderte Kilometer Wüste. Die internationalen Sanktionen verschärfen die Situation zusätzlich. Ein Ende der Krise ist auch deswegen nicht absehbar und weitere globale Krisenherde wie Taiwan drohen zusätzliche Probleme für den globalen Güterverkehr zu bereiten. Bei ihrem Eintreffen wird auch Europa betroffen sein, denn in Zeiten der Globalisierung und internationaler Lieferketten bedeuten geopolitische Krisen stets auch ökonomische Krisen – die sich bei einem globalen Markt auch in Deutschland niederschlagen. Bereits jetzt sind die gestiegenen Kosten des Seehandels auf die Verbraucher umgewälzt worden. Wie bei jeder Krise gibt es aber auch bei dieser Gewinner, ganz konkret die Reedereien, die stark gestiegene Profite einstreichen. Wer auch nach Corona noch einen Beweis für die Fragilität des Welthandels gebraucht hat, findet ihn derzeit im Roten Meer.

https://burschenschaft.de/Diesen Artikel haben wir mit freundlicher Zustimmung der Schriftleitung den „Burschenschaftlichen Blättern“, 03/2024, entnommen. Die „Burschenschaftlichen Blätter“ sind das Verbandsorgan der „Deutschen Burschenschaft“, DB.
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