von Werner Olles
Knut Hamsun: Trauer um die verlorene Natur
Knut Hamsun, der norwegische Nationaldichter
Als Knud Petersen wurde der Dichter am 4. August 1859 in Lom (Gudbrandsdal) geboren. Der Sohn eines Kleinbauern wächst in ärmlichen Verhältnissen auf und muß schon in früher Jugend für seinen eigenen Lebensunterhalt sorgen. Er arbeitet als Verkäufer, Schuhmacherlehrling, Straßenbahnschaffner, Hafenarbeiter, Verwaltungsbeamter und Schullehrer.
In den Jahren 1882 bis 1888 hält er sich zweimal in den Vereinigten Staaten auf, wo er sich als Straßen- und Erdarbeiter durchbringt. Bei seinem zweiten Aufenthalt in den USA hält er allerdings auch einige literarische Vorträge und hat damit einen gewissen Erfolg. Nach Norwegen zurückgekehrt – er ist jetzt dreißig Jahre alt – beschreibt er seine Eindrücke in dem kritischen Buch „Fra det moderne Amerikas Aandsliv“ ( 1889; dt. „Drei Amerikaner“) . Hamsun, wie er sich jetzt nennt, geißelt die materialistische Zivilisation der Neuen Welt. Ihr stellt er eine mystische Naturverklärung und einen aristokratisch-patriarchalischen Antimodernismus gegenüber.
Ein Jahr später wird sein Roman „Sult“ (dt. „Hunger“) als großes literarisches Ereignis gefeiert. In Hamsuns nächstem Roman „Mysterier“ ( 1892; dt. „Mysterien“), aber mehr noch in „Pan“ ( 1894) findet seine Zivilisationsverachtung ihren Ausdruck in seiner romantischen Schilderung des Nordlandsommers und der dunklen Wälder. Mehr von Resignation geprägt ist hingegen sein Werk „En Vanderer spiller med sordin“ (1909; dt. „Gedämpftes Saitenspiel“). Zunehmend drückt sich hier bereits die Alterskrise des Dichters aus. Der ästhetische Avantgardist tritt zurück zugunsten eines den Humor in den Vordergrund rückenden und sich ganz seinen Erinnerungen hingebenden, in die Jahre gekommenen Mannes. Mit „Stridende Liv“ ( 1905; dt. „Vagabunden „) schreibt Hamsun einen weiteren Erinnerungsroman voll kraftvoller Natur- und Liebeslyrik . 1910 wendet er sich erstmals dem Schauspiel zu. In „Livet i vold“ (dt. „Vom Teufel geholt“) erlebt ein unruhevoll getriebener Mann die Beschwernisse des Alterns.
In zahllosen Artikeln, Aufsätzen und Vorträgen wendet sich Knut Hamsun nun gegen die drohende Industrialisierung Norwegens und deren soziale, moralische und geistige Folgen. Der Kulturlosigkeit und Geschäftigkeit einer sich wandelnden Gesellschaft setzt er die Daseinsfrömmigkeit der einfachen Leute, der Bauern und Fischer der Lofoten, entgegen. Er verherrlicht – inzwischen selbst Landmann mit einem eigenen Hof in Hamaroy in Nordland – die Bauernarbeit, der er fast den Glanz einer irdischen Heiligkeit verleiht. In dieser Zeit des sozialen und kulturellen Umbruchs seiner Heimat schafft er eine Reihe wichtiger Romane. Für „Marken Goode“ (dt. „Segen der Erde“) erhält er 1920 den Nobelpreis.

Schon von düsterer Untergangsstimmung gekennzeichnet ist „Sindste Kapitel“ (1923; dt. „Das letzte Kapitel“). Erst in der Romantrilogie „Der Landstreicher“ ( 1927) „August Weltumsegler“ (1930) und „Nach Jahr und Tag“ (1933) wird die Stimmung wieder ironischer und heller. In seinem letzten Roman – „Ringen sluttet“ (1936; dt. „Der Ring schließt sich“) – wird noch einmal der unauflösbare Gegensatz zwischen der beständigen und soliden Arbeit der Bauern und der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise im modernen norwegischen Staat beschworen. Ein letztes Mal setzt Hamsun der norwegischen Landschaft ein ewiges Denkmal. Langsam gleiten die Schiffe mit geblähten Segeln und langen Rudern vorüber, flüstern sich Liebende in der untergehenden Sonne die immer gleichen Worte zu, und über all diesem Frieden wacht der norwegische Himmel.
Mit diesem Frieden ist es zwar vorbei, als deutsche Truppen während des Zweiten Weltkrieges Norwegen okkupieren, aber Hamsun hat bereits viel früher resigniert. So begrüßt er die deutschen Soldaten als Vorkämpfer einer neuen gerechteren Weltordnung und vertritt gegen die norwegischen Patrioten die Sache der nationalsozialistischen deutschen Besatzer.
Im Juni 1943 gewährt Adolf Hitler dem berühmtesten Dichter Norwegens eine Audienz. Doch dessen Versuch, den Führer des Großdeutschen Reiches zur Abberufung des in Norwegen verhaßten Reichskommissars Terboven zu bewegen, scheitert kläglich. Es gelingt Hamsun nicht, Hitler davon zu überzeugen, daß Terboven mit seiner restriktiven Besatzungspolitik einer Verständigung der nordischen Völker Deutschlands und Norwegens eher im Wege steht, anstatt diese zu fördern.
Trotz dieses gut gemeinten Versuches ruft Hamsuns grundsätzlich positive Haltung gegenüber den Deutschen bei seinem eigenen Volk großen Unwillen hervor. Noch am 7. Mai 1945 beschreibt er Hitler in einem Nekrolog als „reformatorische Gestalt von höchstem Rang“. 1949, nach einem Prozeß und der zeitweiligen Einweisung in eine psychiatrische Klinik, verfaßt er die Verteidigungsschrift „Paa gjengrodde Stier“ (dt. „Auf überwachsenen Pfaden“). Politische Naivität und völlige Uninformiertheit über das wahre Ausmaß der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft und Hamsuns lebenslange Treue zu den Deutschen, die in einer mystischen und blinden Deutschlandliebe gipfelte, ließen den Dichter sich seine eigene Welt schaffen. In dieser eigenen Welt hat er im Guten wie im Bösen gelebt: Knut Hamsun, der extreme Individualist und starrsinnige Phantast, dessen Lebensfreudigkeit eine tragische und der modernen Welt gegen über verzweifelnde Grundhaltung suchte. Knut Hamsun starb am 19. Februar 1952 auf Gut Nordholm bei Aust-Anger. Sein Gesamtwerk aber gehört für alle Zeiten zum bleibenden Schatz der europäischen Literatur.

Werner Olles
Werner Olles, Jahrgang 1942, war bis Anfang der 1980er Jahre in verschiedenen Organisationen der Neuen Linken (SDS, Rote Panther, Jusos) politisch aktiv. Nach grundsätzlichen Differenzen mit der Linken Konversion zum Konservativismus und traditionalistischen Katholizismus sowie rege publizistische Tätigkeit in Zeitungen und Zeitschriften dieses Spektrums. Bis zu seiner Pensionierung Angestellter in der Bibliothek einer Fachhochschule, seither freier Publizist.
Autor der Bücher:

Bestellungen: Grenzgänger des Geistes. Vergessene, verkannte und verfemte Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.
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